In welcher Gesellschaft möchte ich leben? Educamp Bremen #echb11
Posted by Bastian • Monday, March 21. 2011 • Category: Aktuell: , We Don't Need No Education
Ich bin noch überwältigt von allen Eindrücken. Bekannte getroffen, viele, wundervolle Menschen kennen gelernt, Anregungen erhalten, Diskussionen geführt usw.
Welche Sessions fand ich besonders gut?
Mir ist leider der Titel entfallen. Ein Kommunikationstrainer hat dargestellt, wie man als Lehrer (aber durchaus auch sonst in der Gesellschaft) in Situationen gerät, die ein Dilemma sind. Man möchte keine Noten geben, aber "das System" schreibt es einem vor.
Es ging um Authentizität, Echtheit. Er definierte Wahrhaftigkeit als Authentizität plus Angstfreiheit. Das hat mir sehr gut gefallen. Vor allem darüber hinaus, dass man nur dann emphatisch handeln könne, wenn man angstfrei sei.
Weitere Folge daraus: Aus dem Eindruck, seine Werte nicht leben zu können, kann Burnout entstehen.
Es gilt also: Jeder sollte immer mal reflektieren, warum man etwas tut. Was sind die Motive für mein Handeln? Passt das zu mir oder habe ich nur Angst, meinem Chef nicht zu gefallen? Angst vor dem Shitstorm der Parteikollegen, weil ich eine dort unpopuläre Meinung vertrete? Angst vor den Presseberichten?
Wenn meine Überzeugung ist, das "Richtige" zu tun, muss ich aber eventuell die Ängste hinterfragen. Gebe ich nur Noten, weil ich selektieren muss? Schreibe ich die Klausur so, weil das "immer so gemacht wurde"?
Twittere ich nur das, was von mir erwartet wird, damit ich nicht angreifbar bin?
Welche Fragestellungen bleiben bei mir offen?
Egal, auf welche Konferenz ich gehe, mir scheint es so, als würden verschiedene Themen immer wieder von unterschiedlichen Menschen angesprochen.
Wie soll sich Gesellschaft verändern? Wie funktioniert Teilhabe? Was muss dafür getan werden? Welche Medien können wobei helfen?
Mit einem Entwickler von Software kam auch die Frage nach der Vergütung auf. Er hat 9 Monate seiner Zeit in die Entwicklung gesteckt. Wie wird das nun an die Interessenten gebracht? Er muss davon leben, aber er hat durchaus auch Interesse an anderen Konzepten. Kann man so etwas frei verfügbar machen? Haben freiwillige Bezahlsysteme eine Zukunft? Ich finde die Idee großartig, selbst entscheiden zu können, was mir ein Produkt oder eine Dienstleistung wert ist. Aber von mir selbst denke ich auch, dass ich recht großzügig bin. Das trifft aber sicher nicht auf alle Menschen zu, oder? Kann man das lernen? In welcher Form von Gesellschaft?
Ein anderer großer Komplex war die Diskussion um Privatsphäre. Lehrer scheinen da (auch bei einer Veranstaltung mit den eher offenen Exemplaren) sehr darauf bedacht zu sein, ihr Privatleben vor Schülern verbergen zu wollen. "Das geht die Schüler nichts an." Ich frage mich, ob ich eventuell zu naiv bin. Immer schon hatten meine Schüler ganz selbstverständlich meine Handynummer und private Mailadresse. Ich habe das immer als Bereicherung und Vereinfachung empfunden. Bei Krankmeldungen bekomme ich schnell morgens eine SMS. Man kann Nachfragen recht umgehend beantworten etc.
Meine Einstellung hierzu hat sich vor allem in der Kommunikation mit einigen Bekannten und Freunden geändert. Der tiefgreifende Einschnitt war aber sicher der Posten des Vorsitzes im LV NRW der Piraten. Mein halbes Leben war mit einem Schlag öffentlich. Sicher könnte man auch da mehr auf das Privathalten von privaten Informationen achten. Ich habe das für mich aber anders entschieden. Meine Badetweets scheinen immer noch Piraten zu beschäftigen;-) Ich bin mehrfach angegriffen worden für das Tweeten über private Dinge. Sex darf man nicht erwähnen (also sagen irgendwelche Leute). Das Problem hat man als Lehrer ähnlich. Lehrer haben nach weitläufiger Meinung keinen Sex zu haben. Und wenn schon, dann doch bitte schön heimlich.
Ich möchte aber in meiner Idealvorstellung eine Gesellschaft, in der man ganz selbstverständlich ein Mensch mit allen Facetten sein kann. Auch Lehrer waren mal betrunken, auch Lehrer machen Fehler, auch Lehrer heulen mal und sogar Sex soll da gelegentlich vorkommen.
Es ist die Entscheidung jedes Lesers, ob ihn das interessiert. Die Entscheidung, ob man etwas offen kommuniziert, sollte aber m.E. nicht auf der Angst basieren, dass irgendwer irgendetwas gegen einen verwenden könnte.
Nun kann ich als Beamte vielleicht gut reden, mögen einige denken. Vielleicht ist meine Beförderung gefährdet, wenn ich zu offen bin, wenn ich offen kritisiere, wenn ich nicht immer systemkomform handele, wenn ich nicht bei der "richtigen" Partei bin.
Aus Angst verbiegen möchte ich mich aber sicher nicht. Das bedeutet auch, dass wir etwas verändern müssen. Menschen müssen weniger erpressbar sein.
Dafür möchte ich eine Gesellschaft, die Individualität verkraftet und unterschiedliche Meinungen. Eine Gesellschaft, die verzeihen kann.
Birgit Rydlewski ist, 41 Jahre alt, Lehrerin für Wirtschaftswissenschaften und Deutsch am Richard-von-Weizsäcker-Berufskolleg, Lüdinghausen/Dülmen
Welche Sessions fand ich besonders gut?
Mir ist leider der Titel entfallen. Ein Kommunikationstrainer hat dargestellt, wie man als Lehrer (aber durchaus auch sonst in der Gesellschaft) in Situationen gerät, die ein Dilemma sind. Man möchte keine Noten geben, aber "das System" schreibt es einem vor.
Es ging um Authentizität, Echtheit. Er definierte Wahrhaftigkeit als Authentizität plus Angstfreiheit. Das hat mir sehr gut gefallen. Vor allem darüber hinaus, dass man nur dann emphatisch handeln könne, wenn man angstfrei sei.
Weitere Folge daraus: Aus dem Eindruck, seine Werte nicht leben zu können, kann Burnout entstehen.
Es gilt also: Jeder sollte immer mal reflektieren, warum man etwas tut. Was sind die Motive für mein Handeln? Passt das zu mir oder habe ich nur Angst, meinem Chef nicht zu gefallen? Angst vor dem Shitstorm der Parteikollegen, weil ich eine dort unpopuläre Meinung vertrete? Angst vor den Presseberichten?
Wenn meine Überzeugung ist, das "Richtige" zu tun, muss ich aber eventuell die Ängste hinterfragen. Gebe ich nur Noten, weil ich selektieren muss? Schreibe ich die Klausur so, weil das "immer so gemacht wurde"?
Twittere ich nur das, was von mir erwartet wird, damit ich nicht angreifbar bin?
Welche Fragestellungen bleiben bei mir offen?
Egal, auf welche Konferenz ich gehe, mir scheint es so, als würden verschiedene Themen immer wieder von unterschiedlichen Menschen angesprochen.
Wie soll sich Gesellschaft verändern? Wie funktioniert Teilhabe? Was muss dafür getan werden? Welche Medien können wobei helfen?
Mit einem Entwickler von Software kam auch die Frage nach der Vergütung auf. Er hat 9 Monate seiner Zeit in die Entwicklung gesteckt. Wie wird das nun an die Interessenten gebracht? Er muss davon leben, aber er hat durchaus auch Interesse an anderen Konzepten. Kann man so etwas frei verfügbar machen? Haben freiwillige Bezahlsysteme eine Zukunft? Ich finde die Idee großartig, selbst entscheiden zu können, was mir ein Produkt oder eine Dienstleistung wert ist. Aber von mir selbst denke ich auch, dass ich recht großzügig bin. Das trifft aber sicher nicht auf alle Menschen zu, oder? Kann man das lernen? In welcher Form von Gesellschaft?
Ein anderer großer Komplex war die Diskussion um Privatsphäre. Lehrer scheinen da (auch bei einer Veranstaltung mit den eher offenen Exemplaren) sehr darauf bedacht zu sein, ihr Privatleben vor Schülern verbergen zu wollen. "Das geht die Schüler nichts an." Ich frage mich, ob ich eventuell zu naiv bin. Immer schon hatten meine Schüler ganz selbstverständlich meine Handynummer und private Mailadresse. Ich habe das immer als Bereicherung und Vereinfachung empfunden. Bei Krankmeldungen bekomme ich schnell morgens eine SMS. Man kann Nachfragen recht umgehend beantworten etc.
Meine Einstellung hierzu hat sich vor allem in der Kommunikation mit einigen Bekannten und Freunden geändert. Der tiefgreifende Einschnitt war aber sicher der Posten des Vorsitzes im LV NRW der Piraten. Mein halbes Leben war mit einem Schlag öffentlich. Sicher könnte man auch da mehr auf das Privathalten von privaten Informationen achten. Ich habe das für mich aber anders entschieden. Meine Badetweets scheinen immer noch Piraten zu beschäftigen;-) Ich bin mehrfach angegriffen worden für das Tweeten über private Dinge. Sex darf man nicht erwähnen (also sagen irgendwelche Leute). Das Problem hat man als Lehrer ähnlich. Lehrer haben nach weitläufiger Meinung keinen Sex zu haben. Und wenn schon, dann doch bitte schön heimlich.
Ich möchte aber in meiner Idealvorstellung eine Gesellschaft, in der man ganz selbstverständlich ein Mensch mit allen Facetten sein kann. Auch Lehrer waren mal betrunken, auch Lehrer machen Fehler, auch Lehrer heulen mal und sogar Sex soll da gelegentlich vorkommen.
Es ist die Entscheidung jedes Lesers, ob ihn das interessiert. Die Entscheidung, ob man etwas offen kommuniziert, sollte aber m.E. nicht auf der Angst basieren, dass irgendwer irgendetwas gegen einen verwenden könnte.
Nun kann ich als Beamte vielleicht gut reden, mögen einige denken. Vielleicht ist meine Beförderung gefährdet, wenn ich zu offen bin, wenn ich offen kritisiere, wenn ich nicht immer systemkomform handele, wenn ich nicht bei der "richtigen" Partei bin.
Aus Angst verbiegen möchte ich mich aber sicher nicht. Das bedeutet auch, dass wir etwas verändern müssen. Menschen müssen weniger erpressbar sein.
Dafür möchte ich eine Gesellschaft, die Individualität verkraftet und unterschiedliche Meinungen. Eine Gesellschaft, die verzeihen kann.
Birgit Rydlewski ist, 41 Jahre alt, Lehrerin für Wirtschaftswissenschaften und Deutsch am Richard-von-Weizsäcker-Berufskolleg, Lüdinghausen/Dülmen


