Gedankenstücke

(m)ein Leben durch den Sucher

In welcher Gesellschaft möchte ich leben? Educamp Bremen #echb11

Posted by Bastian • Monday, March 21. 2011 • Category: Aktuell: , We Don't Need No Education
Ich bin noch überwältigt von allen Eindrücken. Bekannte getroffen, viele, wundervolle Menschen kennen gelernt, Anregungen erhalten, Diskussionen geführt usw.

Welche Sessions fand ich besonders gut?

Mir ist leider der Titel entfallen. Ein Kommunikationstrainer hat dargestellt, wie man als Lehrer (aber durchaus auch sonst in der Gesellschaft) in Situationen gerät, die ein Dilemma sind. Man möchte keine Noten geben, aber "das System" schreibt es einem vor.

Es ging um Authentizität, Echtheit. Er definierte Wahrhaftigkeit als Authentizität plus Angstfreiheit. Das hat mir sehr gut gefallen. Vor allem darüber hinaus, dass man nur dann emphatisch handeln könne, wenn man angstfrei sei.

Weitere Folge daraus: Aus dem Eindruck, seine Werte nicht leben zu können, kann Burnout entstehen.

Es gilt also: Jeder sollte immer mal reflektieren, warum man etwas tut. Was sind die Motive für mein Handeln? Passt das zu mir oder habe ich nur Angst, meinem Chef nicht zu gefallen? Angst vor dem Shitstorm der Parteikollegen, weil ich eine dort unpopuläre Meinung vertrete? Angst vor den Presseberichten?

Wenn meine Überzeugung ist, das "Richtige" zu tun, muss ich aber eventuell die Ängste hinterfragen. Gebe ich nur Noten, weil ich selektieren muss? Schreibe ich die Klausur so, weil das "immer so gemacht wurde"?
Twittere ich nur das, was von mir erwartet wird, damit ich nicht angreifbar bin?

Welche Fragestellungen bleiben bei mir offen?

Egal, auf welche Konferenz ich gehe, mir scheint es so, als würden verschiedene Themen immer wieder von unterschiedlichen Menschen angesprochen.

Wie soll sich Gesellschaft verändern? Wie funktioniert Teilhabe? Was muss dafür getan werden? Welche Medien können wobei helfen?

Mit einem Entwickler von Software kam auch die Frage nach der Vergütung auf. Er hat 9 Monate seiner Zeit in die Entwicklung gesteckt. Wie wird das nun an die Interessenten gebracht? Er muss davon leben, aber er hat durchaus auch Interesse an anderen Konzepten. Kann man so etwas frei verfügbar machen? Haben freiwillige Bezahlsysteme eine Zukunft? Ich finde die Idee großartig, selbst entscheiden zu können, was mir ein Produkt oder eine Dienstleistung wert ist. Aber von mir selbst denke ich auch, dass ich recht großzügig bin. Das trifft aber sicher nicht auf alle Menschen zu, oder? Kann man das lernen? In welcher Form von Gesellschaft?

Ein anderer großer Komplex war die Diskussion um Privatsphäre.  Lehrer scheinen da (auch bei einer Veranstaltung mit den eher offenen Exemplaren) sehr darauf bedacht zu sein, ihr Privatleben vor Schülern verbergen zu wollen. "Das geht die Schüler nichts an." Ich frage mich, ob ich eventuell zu naiv bin. Immer schon hatten meine Schüler ganz selbstverständlich meine Handynummer und private Mailadresse. Ich habe das immer als Bereicherung und Vereinfachung empfunden. Bei Krankmeldungen bekomme ich schnell morgens eine SMS. Man kann Nachfragen recht umgehend beantworten etc.

Meine Einstellung hierzu hat sich vor allem in der Kommunikation mit einigen Bekannten und Freunden geändert. Der tiefgreifende Einschnitt war aber sicher der Posten des Vorsitzes im LV NRW der Piraten. Mein halbes Leben war mit einem Schlag öffentlich. Sicher könnte man auch da mehr auf das Privathalten von privaten Informationen achten. Ich habe das für mich aber anders entschieden. Meine Badetweets scheinen immer noch Piraten zu beschäftigen;-) Ich bin mehrfach angegriffen worden für das Tweeten über private Dinge. Sex darf man nicht erwähnen (also sagen irgendwelche Leute). Das Problem hat man als Lehrer ähnlich. Lehrer haben nach weitläufiger Meinung keinen Sex zu haben. Und wenn schon, dann doch bitte schön heimlich.

Ich möchte aber in meiner Idealvorstellung eine Gesellschaft, in der man ganz selbstverständlich ein Mensch mit allen Facetten sein kann. Auch Lehrer waren mal betrunken, auch Lehrer machen Fehler, auch Lehrer heulen mal und sogar Sex soll da gelegentlich vorkommen.

Es ist die Entscheidung jedes Lesers, ob ihn das interessiert. Die Entscheidung, ob man etwas offen kommuniziert, sollte aber m.E. nicht auf der Angst basieren, dass irgendwer irgendetwas gegen einen verwenden könnte.

Nun kann ich als Beamte vielleicht gut reden, mögen einige denken. Vielleicht ist meine Beförderung gefährdet, wenn ich zu offen bin, wenn ich offen kritisiere, wenn ich nicht immer systemkomform handele, wenn ich nicht bei der "richtigen" Partei bin.

Aus Angst verbiegen möchte ich mich aber sicher nicht. Das bedeutet auch, dass wir etwas verändern müssen. Menschen müssen weniger erpressbar sein.

Dafür möchte ich eine Gesellschaft, die Individualität verkraftet und unterschiedliche Meinungen. Eine Gesellschaft, die verzeihen kann.
Birgit Rydlewski ist, 41 Jahre alt, Lehrerin für Wirtschaftswissenschaften und Deutsch am Richard-von-Weizsäcker-Berufskolleg, Lüdinghausen/Dülmen

Lernen erfolgreich gestalten

Posted by Bastian • Saturday, March 12. 2011 • Category: Aktuell: , We Don't Need No Education
Ein Rückblick auf diese Veranstaltung (natürlich aus meiner sehr subjektiven Sicht).

Für so einen frühlingshaft schönen Tag hatten sich in meinen Augen eine doch recht große Anzahl interessierter Lehrer um 10.00 Uhr im Goldsaal in Dortmund eingefunden, um der Eröffnungsrede von Frau Löhrmann zu lauschen. Ich muss gestehen, dass ich noch nicht ganz wach war und im zweiten Teil davon -auch aufgrund der hohen Buzzwortdichte- einfach gedanklich abgedriftet bin.

Erfreulich bei solchen Werbeveranstaltungen der Schulbuchverlage sind natürlich die kostenlosen Getränke. Überhaupt war der gesamte Kongress kostenlos, nicht umsonst, hoffe ich.

Den Werbecharakter merkt man dann natürlich in einigen Veranstaltungen auch recht massiv. Die Verlage wollen ihre Produkte verkaufen. Das gilt auch für die Hersteller von Whitebords (über die ich den ersten Vortrag besuchte). Das darauf vorgestellte Programm "Pfifficon" (Freiburger Verlag) ist sicher so einsetzbar. Die älteren Leser unter euch werden sich vielleicht an "Der große Preis" erinnern. So ähnlich ist dieses Programm auch aufgebaut. Ich setze solche Spiele auch ohne Whitebord schon gerne als Wiederholung und Auflockerung im Unterricht ein.

Inspiration:

Wolfgang Matthes, den ich dann im zweiten Vortrag bewundern durfte, hat zwar auch mindestens ein Buch geschrieben und will das sicher auch gerne verkaufen, aber dies war dem Vortrag wirklich nicht anzumerken. Von den wenigen Einblicken kann ich mir gut vorstellen, dass dies ein Lehrer ist, bei dem der Unterricht richtig Spaß macht, weil er mit so viel Begeisterung und Charisma bei der Sache war. Der Vortrag war dementsprechend kurzweilig und viel zu schnell vorbei.

Der Mann vom Ministerium (Richard Stigulinszky), der dann im Anschluss über "Systematische Unterrichtsentwicklung im BK - konsequente Strukturierung von Bildungsangeboten, Curricula, Handreichungen, Beratung und Lehrerfortbildung" informieren wollte, hatte es dementsprechend bei mir schwer. In solchen Vorträgen habe ich immer wieder das Gefühl, dass eine Vision/Inspiration/eine weiterentwickelnde Idee von Schule fehlt. Meine Kritik via Twitter muss ich trotzdem insofern korrigieren, dass ich im Anschluss noch ein angenehmes Gespräch mit ihm hatte, was mir zumindest gezeigt hat, dass hier eine Öffnung für Ideen, wie Schule in 10 Jahren sein könnte vorhanden ist.

Im deutschen Schulsystem sind aber wohl keine Revolutionen zu erwarten...

Eigentlich wollte ich noch einen vierten Vortrag besuchen über Abitur online, bin aber stattdessen nochmal durch die Ausstellung der Schulbuchverlage geschlendert.

Neben den mir weitgehend bekannten Medien ist mir ein Verlag in all den Jahren noch gar nicht aufgefallen, weshalb ich ihn hier extra erwähne: Der Wochenschauverlag.

Die Antwort auf meine Anfrage, ob die regelmäßige Ausgabe der Zeitung "Wochenschau" mit unterschiedlichen interessanten Themen auch als pdf bezogen werden kann, erwarte ich per Mail...

Insgesamt hat sich die Veranstaltung gelohnt, allerdings waren die Pausen zwischen den einzelnen Beiträgen sehr kurz. Das haben wir bei der "Open Mind" besser gelöst, finde ich. Auch würde ich mir bei solchen Kongressen mehr Diskussionsmöglichkeiten wünschen. Vortrag/Impuls über 30 min. und danach Diskussion. Schließlich sind wir alle Experten und können durchaus mitreden beim Thema "Bildung".
Birgit Rydlewski ist, 41 Jahre alt, Lehrerin für Wirtschaftswissenschaften und Deutsch am Richard-von-Weizsäcker-Berufskolleg, Lüdinghausen/Dülmen

Rollentausch: Die erste Unterrichtsstunde meines Kurses

Posted by Bastian • Wednesday, March 9. 2011 • Category: Aktuell: , We Don't Need No Education
Ich gebe zu. Ich war nervös. Die Vorbereitungszeit war sicher lang genug, aber die Themen für eine an selbstständiges Arbeiten noch nicht gewöhnte Gruppe auch recht komplex. Außerdem hatte ich in den zahlreichen betreuten Gruppenarbeitsstunden mitunter das Gefühl, dass die Arbeit zu oberflächlich war (was sich leider in dieser Gruppe bestätigt hat).

Die erste Stunde hatte die Themen "Zustandekommen und Inhalte des Kaufvertrages".

Einige Fehler konnte ich anhand der vorab eingereichten Materialien im Vorfeld finden, bei einigen Inhalten zeigten sich die Schwächen aber erst im Verlauf der Unterrichtsstunde. Ich bin gerne bereit, über strukturelle Probleme hinwegzusehen, aber nach sechs Wochen Vorbereitungszeit tue ich mich schwer mit sachlichen Fehlern.

Einige Hinweise von mir (z.B. den Einstieg über einen Fall zu wählen, um überhaupt zu verdeutlichen, warum dieses Thema bearbeitet wird, um also die Problemstellung anzureißen) wurden leider nicht beachtet.

Die erste Stunde war also insgesamt noch sehr schwach. Trotzdem musste ich jetzt gucken, die Gesamtgruppe nicht zu sehr zu demotivieren, denn letztendlich sollen alle möglichst aus den Fehlern lernen, so dass dies eventuell im Verlauf der nächsten Stunden besser werden kann.

Der Einstieg erfolgte über eine Powerpointpräsentation. (Wie gewöhne ich Schülern ab, zu glauben, dass Powerpoint die Lösung für alles ist? Dieses Hauptsache "Powerpoint". Von wem haben die das nur?) Das Hauptproblem an der Stelle war aber  eher noch das relativ sinn- und planlose Hintereinanderreihen von Fachbegriffen (teilweise noch falsch verwendet).

Ich habe als erste Hilfestellung bei Twitter dieses Video empfohlen bekommen, was ich meinen Schülern gleich weitergeleitet habe:




Und hier noch eins:




(Besonders Beispiele für die erste Folie habe ich letztens noch in einem anderen Kurs gesehen.)

Aber zurück zur Unterrichtsstunde:

Insgesamt enthielten alle Materialien recht viele Rechtschreibfehler. Da besteht wenig Ehrgeiz, eine Arbeit auch schön gestalten zu wollen, scheint mir. (Oder merken die Schüler das einfach nicht?)

Die Verteilung der Aufgaben innerhalb der Gruppe (mit zwei Schülerinnen und zwei Schülern) war sehr unausgewogen. Während ein Schüler recht eifrig Hilfestellung anbot bei der Gruppenarbeit in der Erarbeitungsphase, wirkten die restlichen Schüler überfordert bis gelangweilt. Hier ist mir nicht einmal wirklich klar, ob die Thematik bei allen Schülern überhaupt ausreichend erarbeitet worden war.

Die Präsentation der Gruppenergebnisse in der Erarbeitungsphase wirkte unnötig, denn die Ergebnisse wurden nicht aufgenommen, sondern an der Tafel gab es anschließend vorgefertigte Lösungen, die nicht viel zu tun hatten mit den Lösungen der Gruppen. (Das passiert aber durchaus auch Referendaren.)

Die Struktur war verbesserungswürdig, es wurde zu oft gesprungen zwischen verschiedenen Bereichen des Themas. Es fehlten sinnvolle Visualisierungen (das Plakat am Ende der Stunde war zu klein und daher keine Hilfe).

Am Ende wurde die Zeit knapp, so dass ein komplettes Arbeitsblatt weggefallen ist.

Es ist also noch ein weiter Weg bis zu wirklich selbstständiger Arbeit, aber bis zum Abschluss haben wir auch noch 1,5 Jahre Zeit ;-)

Es erscheint mir auf der Basis dieser Erfahrung sinnvoll, alle Unterlagen plus die komplette Planung vor einer solchen Unterrichtsstunde einzusehen, um Fehlerquellen früher ausschließen zu können.

Zudem ist mir (im Falle von unvorhersehbaren Problemen) nicht klar, wann ich eingreifen soll. Bei manchen sachlichen Fehlern hoffe ich eventuell zu lange auf das Korrektiv der gesamten Gruppe. Wenn ich aber unmittelbar eingreife, frustriere ich unter Umständen sehr früh. Da muss ich sicher noch einen entsprechenden Weg für mich finden.

Die Besprechung der Stunde fand ich zunächst etwas mühsam, da die Gruppe selbst kaum Aussagen machen konnte über die Qualität ihrer Arbeit. Die Anmerkungen der beurteilenden Gruppe (die sich mit Hilfe von Bewertungsbögen eine Meinung gebildet hatte) war aber anschließend recht fundiert und mit guten Verbesserungsvorschlägen.



Ich gebe also die Hoffnung noch nicht auf und freue mich auf die nächsten Stunden mit den Themen "Annahmeverzug", "Mangelhafte Lieferung/Schlechtleistung" und "Lieferverzug" .


Wie es weiterging:

Um den geneigten Leser nicht zu langweilen, fasse ich die nächsten Stunden kurz zusammen:

In den stattgefundenen weiteren Stunden gab es gute Ideen (Rollenspiele, Fälle etc.), aber auch immer wieder ähnliche Probleme, die ich zukünftig angehen will:

Foliengestaltung gelingt nicht (Schriftgröße zu klein, viel Text, kaum Anschaulichkeit)

Strukturprobleme (Inhalte in eine sinnvolle Reihenfolge zu bringen, gelingt nicht durchgängig)

Teilweise gab es auch noch sachliche Defizite (diesbezüglich haben die Gruppen nach den von ihnen ausgewerteten Tests nächste Woche auch noch die Gelegenheit, Fragen und Begriffe zu wiederholen und zu klären für die dann entscheidende Klausur).

Visualisierung gelingt kaum; Themen werden zu wenig systematisch aufbereitet und dargestellt, Anschaulichkeit fehlt

Gerade im kreativen Bereich können wir alle noch lernen. Ich kann z.B. auch kaum zeichnen. Deshalb habe ich mir mal ein Buch (Vorsicht Werbung) bestellt (und hoffe, dort Anregungen zu finden, die ich zusammen mit den Schülern zur Verbesserung unserer Fähigkeiten einsetzen kann).  Auch hierzu folgt natürlich demnächst ein Erfahrungsbericht...
Birgit Rydlewski ist, 41 Jahre alt, Lehrerin für Wirtschaftswissenschaften und Deutsch am Richard-von-Weizsäcker-Berufskolleg, Lüdinghausen/Dülmen

Etikettenschwindel?

Posted by Bastian • Wednesday, February 16. 2011 • Category: Aktuell: , We Don't Need No Education
Im Rahmen des pädagogischen Tages unserer Schule habe ich teilgenommen an dem Modul "Selbstgesteuertes Lernen", durchgeführt von einem Moderator der Bezirksregierung Münster.

Vorab: Es gab durchaus spannende Gespräche mit Kollegen, es gab auch Erweiterungen zu Methoden, die ich noch nicht kannte, aber trotzdem bleibt irgendwie das Gefühl zurück, dass dort längst bekannte und von vielen Kollegen angewendete Methoden unter neuem Namen ("Segel") "verkauft" wurden.

Ich empfinde Lernen nicht per se als "selbstgesteuert", nur weil Gruppenpuzzle oder ähnliche Methoden dabei vorkommen. Letztendlich waren, zumindest bei dem heute kennen gelernten Teil, alle "Methodenketten" sehr stringent durchgeplant. Sicher ist es schön, wenn die Schüler bei "Methodenkette 5" gleich wissen, in welcher Form sie das Grobraster Einzelarbeit, Gruppenarbeit, Präsentation/Sicherung durchführen sollen, trotzdem empfinde ich das nicht als "selbstgesteuert".

Ich muss allerdings dazu sagen, dass ich mich mit weiterer Literatur unter diesem Stichwort bisher nicht beschäftigt habe und dass im weiteren Verlauf der Entwicklung solcher selbstständiger Phasen durchaus etwas angedacht sein könnte, was meiner Definition von "selbstgesteuert" näher komme, aber bis zu diesem Moment bin ich ein wenig enttäuscht.

Natürlich muss man bei solchen Fortbildungen für ein großes Lehrerkollegium darauf achten, dass man alle Kollegen ansprechen kann und vielleicht wäre ein größerer Schritt in eine andere Richtung von Schule für einige Kollegen zu viel auf einmal.

Wünschen würde ich mir aber, dass Lehrerkollegien, Steuergruppen, Moderatoren etc. auch den Mut finden, Paradigmenwechsel nicht nur vorzuschlagen, sondern diese auch konsequenter zu durchdenken.

Ich wünsche mir auch Fortbildungen, die konkrete Handlungshilfen im Alltag geben, aber darüber hinaus wünsche ich mir auch Fortbildungen/Veranstaltungen etc., bei denen Ideale von Schule durchdacht werden können.

Ich wünsche mir mehr Utopie, mehr Traum von einer besseren Schule, mehr wirkliche individuelle Förderung, mehr Mut.

Welche Formen von Schule mit welchen Möglichkeiten wollen wir in 10 Jahren?
Birgit Rydlewski ist, 41 Jahre alt, Lehrerin für Wirtschaftswissenschaften und Deutsch am Richard-von-Weizsäcker-Berufskolleg, Lüdinghausen/Dülmen

Lernen lernen

Posted by Bastian • Saturday, February 12. 2011 • Category: Aktuell: , don't crash the ambulance, We Don't Need No Education
Wo waren wir stehen geblieben? (An der Stelle habe ich mal einen Duden bemüht. Ich muss nämlich gestehen, dass ich diese Getrennt- und Zusammenschreibung der Rechtschreibreform (oder der Reform der Reform) nicht immer stimmig finde.)

Meine Klasse arbeitet in Gruppen an der Unterrichtsreihe zum Kaufvertrag mittels "Lernen durch Lehren".

Im Laufe der Gruppenarbeit haben wir diverse Gespräche in der Klasse geführt, wie diese Arbeit im Idealfall laufen könnte. Ok. Ich habe geredet und die Klasse hat mehr oder minder gut zugehört.

Ich muss sagen: Diese Woche hatte ich mehrfach echt so einen Hals. (Und das durchaus im tatsächlichen Sinne. Ich bin ätzend verspannt von dem ganzen Ärger.) Ich muss weiter ausholen: Lehrer sein ist zu dieser Zeit des Jahres anstrengend. Da stehen Zeugnisse an (die gerne auch noch Fehler haben und dann mehrfach gedruckt werden). Diverse Fortbildungen lagen gerade jetzt (weil dann angeblich ruhiger ist. Witzig...) Jedenfalls würde ich nicht ausschließen, dass ich dann sowieso etwas angespannter bin als im Alltagsgeschäft. Hinzu kam aber erschwerend, dass die Leistungen der Klasse sich in der Zeugnisliste massiv wiederfinden. Faktisch würden mit den Zeugnissen 9! Schüler oder Schülerinnen der Klasse das Schuljahr schaffen. Von 29. Das ist frustrierend. Nicht nur für die Schüler, sondern auch für mich.

Ich habe meine Klasse nämlich sehr gern. Ich möchte, dass möglichst viele den Weg in die Oberstufe und zur Abschlussprüfung erfolgreich absolvieren.

Realistisch betrachtet sieht das derzeit nicht so gut aus. Zu dem üblichen Stress standen also in dieser Woche diverse Gespräche mit Kollegen, anderen Beratungslehrern, Fachlehrern, meinem Schulleiter und natürlich Einzelgespräche mit den Schülern an. (Nächste Woche steht dann noch zusätzlich der Elternsprechtag an.)

Jetzt komme ich aber endlich zum eigentlichen Problem:

Gestern noch haben wir, also ich... darüber geredet, dass ich sehen will, dass die Schüler auch etwas für ihren Abschluss tun. Dazu gehört für mich angesichts der fortgeschrittenen Zeit bis zu den zu haltenden Unterrichtsstunden auch, dass die Schüler bei einem Stundenausfall nicht rumgammeln oder zu Mc Do fahren, sondern die Zeit mit sinnvollen Tätigkeiten ausfüllen (dabei können sie durchaus selbstständig entscheiden, ob das nun aktuell gerade bei Mathe, Rechnungswesen oder der Arbeit für BWL in den Gruppen wichtiger ist).

Alleine klappt das aber einfach nicht. Wie ich es drehe und wende: Einige Schüler nutzen jede erdenkliche Möglichkeit, um abzuhauen oder andere Sachen zu machen.

(Nein. Das sind nicht alle Schüler. Es gibt auch viele in der Klasse, die super arbeiten. Ja. Ich sehe das!)

Aber die Schüler, mit denen ich quasi täglich darüber diskutiere, sind mir zu viele.

Ohne Aufsicht (manchmal auch mit) ist es total laut in der Klasse. Ich kann Rewe auch im Schlaf, wenn es sein muss, aber bei der Lautstärke fällt es selbst mir schwer, eine etwas anspruchsvollere Aufgabe korrekt zu beenden.

Es ist für viele Schüler enorm schwer, sich selber Inhalte anzueignen. Ich mache den Schülern keinen Vorwurf, denn ich gehe davon aus, dass sie nie die Gelegenheit hatten, dies zu lernen. Was aber in aller Welt haben einige Sek. I-Schulen eigentlich gemacht in all den Jahren?

Meine Vorstellung von Schule besteht eben nicht aus vorgetanztem Frontalunterricht. Leider ist die Umstellung auf andere Methoden auch für Lehrer sehr anstrengend, wie ich gerade feststelle.

Es geht nicht vordergründig um Inhalte. Im Moment geht es mir vor allem darum, dass die Schüler am Ende des Jahres gelernt haben, sich selber mit Wissen/Sachinhalten auseinanderzusetzen. Viele geben mir zu schnell auf. Wir reden hier von 3-10 Seiten Text, anspruchsvoll ja, aber nicht unüberwindbar. Schließlich haben das Generationen von kaufmännischen Angestellten vorher auch schon geschafft.

Wir haben vor 5 Wochen mit der Arbeit an den Themen begonnen. Dafür sind wir nach meiner Einschätzung nicht weit genug in einigen Gruppen. Bei einigen Schülern sitzen nicht einmal im Grundsatz die Sachinhalte. Von Planung einer Unterrichtsstunde sind wir da noch sehr weit entfernt.

Parallel haben wir in dieser Zeit in einer Doppelstunde pro Woche die Grundlagen des Rechnungswesens wiederholt. Ebenfalls in Gruppen, die sich je nach Leistungsstand zusammenfinden konnten.

Hier klappt die Arbeit mittlerweile recht ordentlich. Leider fällt es aber auch an dieser Stelle einigen Schülern schwer, Defizite auszugleichen, weil dann nachmittags oder am Wochenende Aufgaben bearbeitet werden müssten.

Die Zeit für solche ausführlichen Wiederholungsphasen habe ich in diesem Schuljahr nur, weil das Schuljahr recht lang ist.

Ich nehme mir auch gerne diese Zeit für solche freien Arbeitsphasen, aber je näher wir den angedachten Terminen für die zu haltenden Unterrichtsstunden im Fach BWL kommen, desto unruhiger bin ich bezüglich der bisherigen Ergebnisse.

Vielleicht brauchen die Schüler aber auch den Termindruck, um wirklich zur Sache zu kommen. (Sowas kenne ich bei mir auch. Stichwort: Prokrastination)

"Nebenbei" erhoffe ich mir auch noch eine Zunahme von sozialen und anderen Kompetenzen in dieser Reihe: Sich als Teil einer Gruppe zu empfinden, die Verantwortung dafür wahrzunehmen (auch für die gesamte Klasse, denn das werden die Inhalte sein, die Teil der nächsten Klausur sind), Zuverlässigkeit, aber auch das Interesse über den normalen Stundenplan hinaus, Aufgaben und Nachbereitung als etwas Selbstverständliches zu begreifen im Prozess des lebenslangen Lernens.
Birgit Rydlewski ist, 41 Jahre alt, Lehrerin für Wirtschaftswissenschaften und Deutsch am Richard-von-Weizsäcker-Berufskolleg, Lüdinghausen/Dülmen

Beim Fußballspiel verlasse ich doch auch nicht vor Ende das Feld, oder?

Posted by Bastian • Saturday, January 29. 2011 • Category: Aktuell: , don't crash the ambulance, We Don't Need No Education
In dieser Woche war ich am Mittwoch wegen einer Fortbildung abwesend. Da meine Klasse die Unterrichtsreihe zum "Kaufvertrag und den Leistungsstörungen" selbstständig mittels "Lernen durch Lehren" erarbeitet, war dies eine gute Gelegenheit für den Test, wie gut denn die selbstständige Arbeit klappt, wenn ich nicht zur Aufsicht vor Ort bin.

Die Gruppen sollten daher in der 6. und 7. Stunde nach Sport einen freien Raum aufsuchen und dort ihre Arbeit fortführen. Klar. Zu der Zeit, nach Sport, das ist schon erhöhter Schwierigkeitsgrad;-)Ich hatte ausdrücklich dabei gesagt, dass ich keinen anderen Lehrer zur Aufsicht vorbeischicken werde, sondern darauf vertraue, dass die Gruppen alles selber regeln.

Freitag haben wir dann besprochen, wie gut (oder eben nicht) das funktioniert hat.

Mir auferlegte Bedingungen für die Reflexion: Es wird nichts bewertet davon. Nichts wird gegen die Gruppe/Schüler verwendet. Ich notiere keine Fehlstunden. Aber dafür möchte ich Aufrichtigkeit und ehrliche Äußerungen.Die Gruppen haben kurz Zeit, sich intern zu besprechen. Was hat gut geklappt? Wo gibt es Verbesserungsbedarf? Wer hat aus der Gruppe gefehlt? Warum? Dann haben wir die Ergebnisse der Reflexion im Plenum besprochen.

Kurzfassung (aus meiner Vorstandstätigkeit als "running gag" bekannt: Ich habe mich geärgert.)

Der für die Klasse gebuchte und von mir vorgesehene Raum war abgeschlossen. (Lehrerzimmer und Sekretariat zu der Zeit nicht mehr besetzt.) So ein Orgaproblem ist ärgerlich, allerdings gab es durchaus Alternativen, an die aber kaum jemand gedacht hat: Einfach einen anderen Raum im Gebäude nehmen, einen Lehrer aus einem Raum fragen, in dem noch Unterricht ist, in einer Kneipe weiterarbeiten usw. Hier fehlt noch Problemlösekompetenz (vielleicht auch Phantasie).

Fazit: Nur ein kleiner Teil der Schüler ist wirklich zum Arbeiten geblieben. Die Absprache in den Gruppen hat leider nach meinem Empfinden auch nicht sehr gut geklappt.

Einige Schüler sind gegangen, ohne dies mit der Gruppe abgesprochen zu haben.An der Stelle fehlt mir bei einigen Schülern noch das Gefühl von Verantwortung für eine Gruppe und das Ergebnis.

Ich denke auch, dass in den Gruppen noch nicht genug kommuniziert wird (auch Kritik wird untereinander nach meinem Empfinden zu wenig geäußert). Die Themen/Inhalte werden zudem noch nicht ausreichend als Gruppe diskutiert. Oft teilen Gruppen lieber Inhalte auf, was leicht dazu führen kann, dass das große Ganze aus den Augen verloren wird und unter Umständen auch nicht jeder wirklich über das gesamte Thema Bescheid weiß.

Ich will aber nicht nur meckern. Es gab auch Gruppen (oder Teile von Gruppen), die bei der Reflexion den Eindruck machten, dass sie gut organisiert sind und auch sehr sinnvoll weitergearbeitet haben.

Letzendlich wird sich das Ergebnis sowieso erst am Ende zeigen, nämlich dann, wenn die Unterrichtsstunden gehalten werden und wenn sich in den beiden Klausuren zeigt, wie gut die Schüler sich zusammen/gegenseitig darauf vorbereitet haben.
Birgit Rydlewski, 41 Jahre alt [alles gute zum Geburtstag auch hier im Kleingedruckten noch mal] , Lehrerin für Wirtschaftswissenschaften und Deutsch am Richard-von-Weizsäcker-Berufskolleg, Lüdinghausen/Dülmen; derzeit 1. Vorsitzende des LV NRW der Piratenpartei Deutschland

Aller Anfang ist schwer oder: Macht Verantwortung Angst?

Posted by Bastian • Friday, January 14. 2011 • Category: Aktuell: , don't crash the ambulance, We Don't Need No Education
Ihr Abschluss, Ihre Unterrichtsreihe, Ihre Verantwortung.

Die Gruppenauswahl

Nach kurzer Diskussion hat sich die Klasse für Zufallsgruppen entschieden. Ich sehe den Vorteil darin, dass sich eben nicht die Schüler zusammenfinden, die einen ähnlichen Leistungsstand haben, sondern die Gruppen gut gemischt sind mit Menschen mit ganz unterschiedlichen Schwerpunkten/Interessen und Kompetenzen. Zudem erhoffe ich mir, dass sich die Gruppenarbeit zusätzlich positiv auf das Klassenklima auswirkt (welches aber ohnehin gut ist).

Anschließend haben die Gruppen selbst festgelegt, welche Gruppe welches Thema bearbeiten möchte.

Nach kurzer Einleitung zum Thema und Austeilen der Materialien für die einzelnen Gruppen (mit Übersichten, Sachdarstellungen und Aufgabenbeispielen) überlasse ich die Gruppen erst einmal ihrem Findungsprozess. Zunächst habe ich aber angeregt, Organisatorisches zu besprechen (Kontaktdaten, Vorgehensweise etc.), um danach mit dem Sichten des Materials (plus Recherche im Internet) zu beginnen.

Die Gruppen gehen sehr unterschiedlich vor. Einige Schüler diskutieren die Medienauswahl ("Powerpoint"), bevor sie sich mit dem Thema beschäftigen. Einige recherchieren sehr gezielt. Bei anderen nehme ich sehr viel Unsicherheit wahr. ("Was sollen wir überhaupt machen?" "... 90-min. Präsentation..." "Frau Rydlewski, was bedeutet Begriff x?")

Gleichzeitig laufen natürlich ebenso gruppendynamische Prozesse ab. In den meisten Gruppen gibt es Wortführer. Das sind meist die Schüler, die auch sonst in Gesprächen im Plenum (also der gesamten Klasse) Vorreiter sind (durchaus in unterschiedliche Richtungen, das kann also auch der jemand sein, der eher Unfug macht;-))

Mein persönlicher Frust beginnt zu dem Zeitpunkt, als Schüler eben halt ganz andere Dinge machen: Gespräche über Fußball, chatten oder anderes Zeug im Internet, irgendetwas spielen (mit Ton!)

Da fällt es mir schlicht schwer, den "Beißreflex";-) zu unterdrücken. Es gelingt mir auch nicht gänzlich. Da meine Ansprüche an die Unterrichtsreihe aber sind, dass die Schülerinnen und Schüler eben lernen sollen, mehr Verantwortung selbst zu übernehmen, muss ich von der Kontroll- und Überwachungsidee wegkommen, schon deshalb, weil ich nicht daran glaube, dass die Auseinandersetzung mit Inhalten nur dann funktioniert, wenn jemand dahinter steht und zum Arbeiten antreibt.

Also Memo an mich: Auf Provokationen nicht eingehen, als Hilfe zur Verfügung stehen, den Schülern den Freiraum lassen, ihren Weg selbst zu suchen (und zu finden).

Ich hoffe zudem auf den Fortschritt aufgrund von Gruppendynamik. (Kleiner Exkurs: Meist machen Gruppen verschiedene Phasen durch. Im Moment sind wir im Bereich des "Formings", also der Findungsphase in der Gruppe, in der zunächst die geltenden Konventionen im Sinne der Vorsicht und für den Erhalt von Sicherheit beibehalten werden. Erst in der nächsten Phase ("storming") sind Konflikte aufgrund von unterschiedlichen Zielvorstellungen zu erwarten.) Es ist also durchaus denkbar, dass irgendwann Mitschüler darauf reagieren, wenn die Beschäftigung mit themenfremden Gebieten überwiegt oder die Beschäftigung einer parallelen Gruppe die Arbeit der eigenen Gruppe behindert (z.B. durch unangemessene Lautstärke).

Bisher sind bei der Beobachtung der Gruppen sonst noch wenig Probleme auszumachen. (Auch im Gespräch im Plenum am Abschluss der Woche zeigt sich, dass das Sichten der Materialien noch nicht beendet ist und daher noch nicht so viele Fragen zu klären sind.) Ich habe vorgeschlagen, die Gruppenarbeitsphasen auch atmosphärisch angenehm zu gestalten (vielleicht mit Tee/Kaffee oder Gebäck). Das müssen die Gruppen aber für sich selbst entscheiden.

Erst der Inhalt, dann die Medien!

Nach meiner Einschätzung (siehe oben) beschäftigen sich einige Gruppen schon zu viel mit den möglichen Medien ("Lasst uns was mit Powerpoint machen.") und zu wenig mit den Inhalten. Ich habe in den Raum geworfen, dass die Medien zu dem passen sollten, was ich damit erreichen will und damit vom Inhalt, der Struktur der Stunde etc. abhängig. (Steuere ich damit schon zu viel?)

Zudem ist es erst mit Kenntnis der Inhalte möglich, Vernetzungen zwischen den thematisch eng zusammenhängenden Gruppen/Inhalten zu versuchen.

Bis zum Ende der nächsten Woche sollen die Gruppen auch entscheiden, wie viel Zeit sie schätzungsweise für die Erarbeitung brauchen werden, so dass wir grob Termine für die zu haltenden Unterrichtsstunden ausmachen können.

Ich sehe sonst die Gefahr, dass die Arbeit zu wenig zielgerichtet abläuft. Auf der anderen Seite möchte ich nicht zu früh Druck aufbauen in Form von Terminen, die eingehalten werden müssen. Also schon wieder ein Dilemma.

Bei dieser Reihe kann ich mich derzeit vor allem auch sportlich betätigen, weil die Gruppen im Klassen- und im PC-Raum arbeiten dürfen und diese Räume an genau entgegengesetzen Stellen des Gebäudes liegen ;-)

Fortsetzung folgt....

Birgit Rydlewski, 40 Jahre alt, Lehrerin für Wirtschaftswissenschaften und Deutsch am Richard-von-Weizsäcker-Berufskolleg, Lüdinghausen/Dülmen; derzeit 1. Vorsitzende des LV NRW der Piratenpartei Deutschland

Lernen durch Lehren

Posted by Bastian • Tuesday, January 11. 2011 • Category: Aktuell: , don't crash the ambulance, We Don't Need No Education
Was ist damit eigentlich gemeint?

"Bei LdL lernen die Schüler den neuen Stoff, indem sie ihn lehren, also didaktisch aufbereiten, ihren Mitschülern präsentieren und mit ihnen zusammen, also aktivierend erarbeiten. Nicht Monologe der Schülerexperten oder Dialoge mit den besten Schülern stehen im Vordergrund, sondern "Polyloge", also die konzentrierte Vernetzung aller Schüler." (Quelle)

Vorerfahrungen

In den letzten Jahren habe ich in mehreren Kursen Unterrichtseinheiten in dieser Form durchgeführt, zuletzt in meinem Deutsch Leistungskurs in der Jahrgangsstufe 12 bei der Reihe zum Theaterstück "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" von Brecht.

Einerseits möchte ich gerne, dass die Schüler lernen, selbstständig Informationen zu suchen, zu bewerten und didaktisch aufzubereiten. Auf der anderen Seite habe ich seit einigen Jahren im Winter Probleme mit einer (vermutlich entzündlichen) Netzhauterkrankung, die mich immer wieder für einige Wochen aus dem Schuldienst nimmt, weil dann die Sehstärke rapide abnimmt. Ich bereite also meine Schüler auch darauf vor, diese Zeit ohne meine körperliche Anwesenheit sinnvoll zu nutzen.

In meinem Leistungskurs (in dem aber ohnehin sehr selbstständige Schüler sind) lief diese Einheit mit Begleitung durch mich via Chat und Mail nach meiner Einschätzung sehr gut. Kollegen, die Stunden der Schüler gesehen haben in meiner Abwesenheit, waren ebenfalls von der Qualität der Unterrichtsstunden begeistert. Hier ist aber ganz klar das Ergebnis vor allem deshalb so gut ausgefallen, weil die Schülergruppe insgesamt sehr leistungsstark ist und auch alleine sehr gut arbeitet.

Trotzdem erwähnten die Schüler auch hier eine gewisse Unsicherheit vor der abschließenden Klausur, die nicht so groß war bei dem darauf folgenden (und von mir wieder intensiver begleiteten) Drama "Woyzeck".

Der aktuelle Kurs

Die von mir nun aktuell durchgeführte Unterrichtsreihe findet in einem Kurs der Höheren Handelsschule statt. Die Schüler wollen am Ende des Bildungsganges mit der Abschlussprüfung den schulischen Teil der Fachhochschulreife erreichen. Die Klasse befindet sich im ersten Jahr des zweijährigen Bildungsganges. Ich bin dort als Klassenlehrerin mit den Fächern Volkswirtschaftslehre und Betriebswirtschaftslehre mit Rechnungswesen (mit insgesamt 8 Stunden Unterricht in der Woche.) Wir kennen uns also derzeit ein halbes Jahr. Die Schüler und Schülerinnen kommen von unterschiedlichen Schulen der Sekundarstufe I und bringen dementsprechend sehr unterschiedliche Kompetenzen mit.

Aufgrund der freundlichen Atmosphäre unterrichte ich die Klasse sehr gerne. Leider sind aber in mehreren Hauptfächern (so auch bei mir) die Leistungen in Form der Noten in Klausuren etc. im Durchschnitt schwach. Hausaufgaben werden nur von einer geringen Anzahl der Schüler gewissenhaft erledigt. Einige Schüler weisen hohe Fehlzeiten auf.

Aufgrund der Probleme mit den Leistungen habe ich diverse Gespräche mit der Klasse geführt und eine Umfrage durchgeführt. Auffällig finde ich bei den Ergebnissen der Umfrage, dass ein großer Teil der Klasse nicht gerne zur Schule geht, aber gerne etwas Neues lernt.

Mir ist zudem aufgefallen, dass sich Schüler, die z.B. wegen Krankheit gefehlt haben, sehr schwer tun, behandelten Stoff selbstständig nachzuarbeiten. Gerade im Bereich "Rechnungswesen" führt dies zu Defiziten in den Grundlagen, auf die das gesamte Schuljahr zurückgegriffen werden muss.

Da ich aber die Schüler und Schülerinnen der Klasse durch die Bank weg für intelligent genug halte, einen guten Abschluss zu erreichen, möchte ich das Experiment "Lernen durch Lehren" gerade in diesem Kurs versuchen.

Während der Diskussion über Lernkultur und Gestaltung von Schule habe wir im Unterricht bereits dieses Video gemeinsam gesehen und diskutiert, was m.E. recht gut illustriert, welche Probleme Schule eigentlich aufwirft:



Als Vorinformation habe ich zu dem Zeitpunkt bereits vorgestellt, wie ich mir die nächste Unterrichtsreihe vorstelle und warum ich es für sinnvoll und notwendig erachte, vom "normalen" Unterrichtskonzept abzuweichen.

Der Sprung ins kalte Wasser oder keine halben Sachen

Meine Überlegungen, mit welchem Komplexitätsgrad ich einsteigen möchte, habe ich damit beendet, dass ich keine kleinen Häppchen anbieten möchte, sondern gleich "richtig" mit praxisrelevanten Themen einsteigen werde.

Die Schüler sind fast volljährig und ich glaube derzeit, dass sie durch den (auch aus früheren Schulen) gewohnten Frontalunterricht ihre Flexibilität und Selbstständigkeit zugunsten einer Konsumhaltung eingebüßt haben.

Ich möchte nun, dass die Schüler die Verantwortung für ihren Abschluss selbst in die Hand nehmen. (Natürlich unter meiner ständigen Begleitung)

Die kommende Unterrichtsreihe wird den "Kaufvertrag" behandeln, ein komplexes Thema mit vielen Facetten, aber auch vielen Praxisbeispielen. Es ist schließlich auch für jeden Verbraucher bares Geld wert, zu wissen, was man bei einem defekten MP3-Player für Rechte geltend machen kann.

Die Unterrichtsreihe bietet zudem viele Unterteilungsmöglichkeiten, so dass eine Aufteilung der Klasse in 7 Gruppen (bei 29 Schülern) angestrebt wird.

Zu Beginn der Unterrichtsreihe zeige ich eine kurze Präsentation mit den nach meiner Einschätzung wichtigen Aspekten von "Lernen durch Lehren".  Bitte nicht schlagen: Aus Zeitmangel ist es was mit Powerpoint geworden...




Ich freue mich sehr auf diese Unterrichtsreihe, weil ich hoffe, dass die Schüler endlich zeigen können, wozu sie wirklich fähig sind. Ich glaube, dass sie derzeit ihre vielen Fähigkeiten gar nicht richtig einsetzen.

Und nun geht es auch endlich los... (Fortsetzung folgt)

Birgit Rydlewski, 40 Jahre alt, Lehrerin für Wirtschaftswissenschaften und Deutsch am Richard-von-Weizsäcker-Berufskolleg, Lüdinghausen/Dülmen; derzeit 1. Vorsitzende des LV NRW der Piratenpartei Deutschland

Gastbeitrag: Mein Schatz...äh... Mein iPad

Posted by Bastian • Monday, November 29. 2010 • Category: Aktuell: , i love my computer, We Don't Need No Education
Ich gebe zu: Ich gebe es nur sehr selten (und ungern;-) in fremde Hände. Da bin ich eigen.

Ein paar Schüler und Kollegen durften natürlich schon einmal damit "spielen", sei es zum Ansehen einiger Unterlagen, z.B. Mindmaps (Schüler) oder anderer Apps (Lehrer) oder in der Langeweile einer Konferenz (die Variante Konferenz, die sich jedes Jahr wiederholt und wenig Neues bietet).

Ich gehe auch nur noch selten ohne iPad aus dem Haus. Es ist so praktisch., zwischendurch arbeiten, surfen, kommunizieren, spielen zu können. Leider hat dies in Schule noch nicht Einzug gehalten. Im Gegenteil führen wir immer noch die Diskussionen, dass Handys im Unterricht ausgeschaltet sein müssen (was ich in Grundzügen nachvollziehen kann, die Möglichkeiten eines anderen Unterrichts werden damit aber zunächst nicht einmal angedacht).

Die Schüler waren also zu Beginn des Schuljahres erst einmal sehr interessiert bis hin zu irritiert, was ich mit dem neuen Spielzeug so tue. Mittlerweile hat es sich aber zu einem normalen Bestandteil des Unterrichts entwickelt.

Was im Einzelnen habe ich also derzeit auf dem iPad und wofür nutze ich es:

  • Teachertool ist für mich mittlerweile unentbehrlich geworden und ersetzt meinen Lehrerkalender vollständig. Sämtliche Notenverwaltung befindet sich dort (verschlüsselt und mit Passwort versehen), das Kursbuch, die Bemerkungen (zu Schülern, zum Kurs etc.), die Aufgaben, die Fehlstunden sowie Checklisten (z.B: Wer muss noch für die Klassenfahrt bezahlen?). Mittlerweile habe ich einige Kollegen angesteckt, die diese App verwenden (meist auf dem iPhone). Die App ist jeden Cent wert, der Service sehr gut, auf Nachfragen per Mail bekommt man schnell und kompetent Hilfe.

  • Kalender (Memo an mich: Ich sollte mich an die Geburtstage meiner Schüler erinnern lassen. In der Hektik des Alltags geht da leider zu viel unter.)

  • Keynote Das gängige Präsentationsprogramm wird von mir eingesetzt, um Präsentationen über den Beamer zeigen zu können, z.B. im Unterricht, bei Elternabenden, Fortbildungen, Infoabenden etc.

  • Pages nutze ich nur relativ selten, weil ich längere Texte doch lieber auf einem normalen Rechner mit normaler Tastatur schreibe.

  • Touch Calculator, ein gratis Taschenrechner.

  • Presenter: Damit soll man pdfs und Webseiten etc. am Beamer zeigen können. Ich muss hier gestehen, dass ich noch nicht zum Testen gekommen bin. Die Kritik scheint zu sein, dass das Programm oft abstürzt. 

  • Articles, die Wikipedia (Großartig, wenn man mal eben im Unterricht etwas nachschlagen kann, auch immer anschaulich bebildert)

  • Gesetze für den BWL- Unterricht

  • SketchBook, zum Malen: Die App sieht sehr angenehm aus und bietet viele Möglichkeiten für verschiedene Einstellungen. Leider hatte ich noch keine Zeit, mich dort hineinzudenken (und so toll malen kann ich auch nicht). 

  • iThoughts: einfaches, intuitives Mindmapdesign; mit 5,99 € nicht ganz preiswert, das Geld ist die App aber nach meiner Auffassung wert. Mein bevorzugtes Tool für Brainstorming zu Unterrichtseinheiten, Themen, Aspekten. Export per Mail, so dass ich meinen Schülern meine Mindmaps zur Verfügung stellen kann. Besonders mein LK fragt explizit nach diesen Mindmaps. Ich würde mir eine Möglichkeit wünschen, die Mindmaps auch direkt am Beamer zeigen zu können. Weiß da jemand etwas?

  • iBooks Bücher: Kostenfreier Reader für Bücher und pdfs (aktuell habe ich da für die Schule für die nach den Weihnachtsferien kommende Reihe im LK Deutsch über Medien die neueste Studie (JIM-Studie, und für die Reihe zu Drogen/Drogenpolitik in der Handelsschulklasse die aktuellste EU- Studie)

  • Echofon Twittern gehört mittlerweile zu einer meiner Lieblingsbeschäftigungen. Ich bin nicht sicher, ob es schon unter "Sucht" fällt;-) Gerne mittlerweile auch bei Veranstaltungen nicht nur im politischen Umfeld, sondern auch bei Schulveranstaltungen (z.B. dem Besuch des Namensgebers der Schule: Richard von Weizsäcker oder die Teilnahme unserer Schüler an der Veranstaltung „Faszination Netzwelten“ des Arbeitskreises für Prävention in Coesfeld). Übrigens: Die Pressemitteilung hierzu, die auf der Homepage zu finden ist, entstand nachmittags mit Schülerinnen und Schülern des LKs interaktiv in einem Etherpad.) Dass es Twitter gibt, ist mittlerweile auch meiner Schulleitung bekannt (wobei ich davon ausgehe, dass der Großteil des Kollegiums Twitter nicht kennt und/oder nicht versteht). Anekdote am Rande: Im letzten Schuljahr hatte ich wutschnaubend (und mit einem hämisch lachenden Kollegen neben mir) aus dem Lehrerzimmer getwittert, dass ich das "heilige" Prüfungsheft mit allen Noten versehentlich mit einem ausgelaufenen Tipp-Ex-Stift versaut hatte. Am Vormittag danach kam ein Schüler und wollte nun auch endlich dieses Heft sehen (es war das Heft seiner Klasse). Ich bin dem Wunsch lachend nachgekommen (hatte aber bereits den schlimmsten Schaden beseitigt). Der Schulleiter hat mich auch -wie wir sehen- am Leben gelassen;-) Aus dem Unterricht heraus twittere ich natürlich nicht (wobei es gelegentlich in den Fingern juckt;-) (aber manchmal dann aus der Pause heraus oder in einer Freistunde). 

Schnick-Schnack


  • BeejiveIM zum chatten

  • Nightstand zum wecken 

  • Wallpapers, Schicke Hintergrundbilder

  • Plus einige Apps für Zeitungen, die ich nur sehr unregelmäßig nutze (fr, itaz, News Pro, FT Mobile Edition, Finanzen.Net, Prinz Magazin) und das WDR Radio.

Spiele:
Mein bisher größter Kritikpunkt bei der Nutzung des iPads:

Sehr schade finde ich, dass das IPad derzeit keine Bearbeitung von Etherpads erlaubt. Das ist angesichts der sonst wundervollen Möglichkeiten für mich eine große Einschränkung. Auch mit Schülern, Kollegen und in der Politik benutze ich diese sehr häufig und kann sie aber leider nur am Rechner bearbeiten. Ich hoffe darauf, dass dies ein findiger Tüftler bald auch für das IPad ermöglichen kann.

Tauglichkeitstest bei Sehbehinderung steht noch aus:

Ich habe eine in Schüben auftretende Erkrankung der Netzhaut, die gerne im Winter (also meist im Januar) bei Kälte auftritt. In den akuten Phasen ist meine Sehstärke deutlich eingeschränkt. Ich bin gespannt, wie ich dann mit dem iPad zurechtkomme.

Diese Erkrankung ist auch der Grund, warum ich mich gegen ein iPhone und für ein iPad entschieden habe. Ich erhoffe mir, dass ich auch in diesen Phasen gut damit weiterarbeiten kann.

Birgit Rydlewski, 40 Jahre alt, Lehrerin für Wirtschaftswissenschaften und Deutsch am Richard-von-Weizsäcker-Berufskolleg, Lüdinghausen/Dülmen; derzeit 1. Vorsitzende des LV NRW der Piratenpartei Deutschland