Gedankenstücke

(m)ein Leben durch den Sucher

Umgang mit schwierigen Schülerinnen und Schülern

Posted by Bastian • Wednesday, February 22. 2012 • Category: Aktuell: , We Don't Need No Education
Referentin des Workshops: Frau Räbiger-Helmerich, Pädagogisches Institut der evangelischen Kirche in Villigst

Das Oberthema des diesjährigen pädagogischen Tages ist "Lehrergesundheit".

Ich gestehe, bei pädagogischen Tagen bin ich manchmal durchaus skeptisch. Bei Referenten kann man Glück oder Pech haben. In diesem Jahr haben wir richtig Glück. Ich finde, dass die Betreuerin des Workshops tolle Ideen eingebracht hat in die Gruppe.

Der Workshop lässt mich trotzdem bisher ein wenig unsicher zurück. Ich habe viele Anregungen bekommen und werde mal versuchen, diese hier etwas zu sortieren. Das ist kein Widerspruch. Gute Seminare wirken bei mir nach.

Leider fing es gleich etwas doof an. Ich habe auf dem iPad etwas mitgeschrieben und daraufhin hat sich eine von mir sehr geschätzte Kollegin weggesetzt mit der Bemerkung, sie würde das als unhöflich ansehen gegenüber der Referentin. Mich hat das trauig gemacht, dass meine Arbeit so wirkt. Für mich ist das iPad täglicher Begleiter meiner eigenen Lernprozesse geworden und für mich ist es selbstverständlich, dass ich Anmerkungen dort notiere, erweitere, für mich durchkaue. Ich war kurz in Versuchung, das Pad wegzulegen, um dann herkömmlich auf Papier mitzuschreiben. Ich bin aber schneller am Pad und kann mir Teile auch schöner und einfacher gliedern. Insofern habe ich an der Stelle die empfundene Ausgrenzung in Kauf genommen. Ein blödes Gefühl bleibt trotzdem.

Als Einstieg sollten alle Kollegen des Workshops (passend zu Karneval) ihre zum Thema "schwierige Schüler" passende Verkleidung beschreiben. Da waren ganz großartige Ideen bei. Mir hat gefallen, dass bei fast allen Kollegen sehr viel Wertschätzung gegenüber Schülern zu erkennen war und das Bedürfnis, Schüler wirklich verstehen zu wollen. Ich habe mal wieder den Rebell gemacht;-) Bunte Haare habe ich ohnehin derzeit. Mein Grund dafür ist, dass ich die These einbringen wollte, dass eventuell Schüler nur deshalb "schwierig" sind, weil das, was wir in Schule machen, nicht mehr zu ihrer Lebenswirklichkeit passt. (Leider gab es darauf von einem Kollegen eine ironische, abwertende Bemerkung, die mich etwas getroffen hat. Kann man wohl nicht ändern...)

In der Einzelarbeit sollten wir dann zunächst Situationen identifizieren, in denen wir uns über Schüler geärgert haben. "Wann geht Ihnen denn so im Alltag der Hut hoch? Wann und worüber ärgern Sie sich? Wann ärgern Sie sich über sich selbst?"

Ich ärgere mich zum Beispiel, wenn Schüler achtlos mit Inventar der Schule umgehen.
Ich ärgere mich, wenn es sehr laut ist in der Klasse (so dass es mich belastet).
Manchmal ärgere ich mich, wenn Schüler bei Vorträgen andere Sachen machen, reden (und erkenne mich darin dann selber wieder;-)

Wenn ich länger darüber nachdenke, ärgere ich mich eigentlich sehr wenig über Schüler. Meist ärgern mich eher Rahmenbedingungen, z.B. Terminstress, Ärger mit Kollegen, defekte Technik etc.

Beispiele von anderen Kollegen aus dem Plenum: Ärger über Notenfeilscherei, dass Ratschläge nicht angenommen werden, Schüler, die zu spät kommen, Ausredenkultur.

Wir haben dann versucht, die dahinter liegenden Urteile zu formulieren, z.B. dass man Schüler als faul wahrnimmt oder als gleichgültig oder als Macho.

Als weiterer Schritt wurden die Bedürfnisse von Lehrern thematisiert: Bedürfnis nach Respekt/Wertschätzung wurde sehr häufig genannt, mehr Gelassenheit, mehr Zeit für individuelle Betreuung, bessere Rahmenbedingungen, aber auch: Spaß haben!

Supervision geht davon aus, dass die Lösung von alleine kommt, wenn man identifizieren kann, welche Gefühle verletzt werden und welche Bedürfnisse man hat. Unsere Ansprüche seien hausgemacht. Ich empfinde das als guten Ansatz.

Mir ist es aber an der Stelle schwergefallen, in einem Wort meine Bedürfnisse oder mein dringendstes Bedürfnis zu formulieren. Mir geht es meist nicht um Autorität oder Angst vor Kontrollverlust. Vielleicht geht es wirklich darum, dass ich etwas "Sinnvolles" tun möchte. (Wir erinnern uns an das Video über Motivation). Für mich ist meine Arbeit sinnvoll, wenn ich Schülern Begleiter sein kann in ihrem Lernprozess. Ich möchte mehr Tutor sein. Natürlich möchte ich auch Anerkennung, aber am liebsten deshalb, weil ich "etwas kann", nicht nur aufgrund der Position als Lehrer. Ich möchte Schüler als Individuen wahrnehmen und die Freiräume haben, mit ihnen zusammen ihre Stärken wahrzunehmen und gemeinsam Weiterentwicklung zu fördern. Das beinhaltet auch meine eigene Weiterentwicklung und die Bereitschaft, von Schülern lernen zu wollen.

Im zweiten Teil des Workshops wurden die "vier Sozialtypen sozialer Kompetenz" behandelt: Durchsetzungsverhalten, Beziehungsverhalten, Regeln aushandeln, um Sympathie werben. (Erläuterung zum Beispiel hier).
Jeder Lehrer/Mensch handelt zunächst nach Mustern, die ihm liegen bei der Bewältigung von Problemen. Es ist aber durchaus sinnvoll, von seinen präferierten Verhaltensweisen abzuweichen, um bessere Resultate zu erzielen. Hierfür haben wir uns zunächst in Gruppen ausgetauscht, die ein ähnliches Verhalten präferieren, um uns später zu den Bereichen vorzuarbeiten, die uns eher schwer fallen. Für mich kann ich sagen, dass ich Beziehungsverhalten präferiere, also in Konflikten zunächst versuche, an der Verbesserung der Beziehung zu arbeiten, zum Beispiel durch Äußerung von Gefühlen, Bedürfnissen und Wünschen. Im Schulalltag passiert es mir aber durchaus, dass ich stattdessen aufgrund von Stress etc. Durchsetzungsverhalten als erste Option anwende, also autoritär auftrete. Es ist gar nicht so, dass ich dies als wirklich beste Lösung wahrnehme, aber manchmal fehlt mir die Geduld, auftretende Konflikte bis ins Detail zu diskutieren. Grenzen zu ziehen, gehört eben auch zum Lehrerberuf. "Um Sympathie werben" klingt für mich negativ, so wie anbiedern. Eigentlich ist damit aber gemeint, dass man zu anderen Menschen Beziehungen aufbaut und vertieft, so dass dieser etwas freiwillig tut (was ich möchte). Ich sehe da Grenzen zur Manipulation und bin diesbezüglich eher skeptisch vor allem bei diesem Punkt. Als vierter Punkt gilt es "Regeln" auszuhandeln.

Fazit: Wenn ich manchmal den Umgang von Lehrern untereinander sehe, müssen wir eher dort beginnen, bevor wir von Schülern erwarten, dass sie mit uns wertschätzend umgehen. Respekt ist nicht mehr etwas, was man aufgrund des Berufes automatisch geschenkt bekommt. Auch Lehrer müssen heute daran arbeiten. Ich ende aber mit einem positiven Punkt: In meinem Kollegium sind ganz viele Menschen mit ganz vielen unterschiedlichen Talenten. Wir haben vermutlich viele Lösungen längst in greifbarer Nähe, nutzen aber nicht die Stärken, die alle diese Menschen mitbringen. Sei es aus Zeitmangel oder weil wir im Alltag das alles gar nicht sehen. Ich bin also durchaus froh über diesen pädagogischen Tag, der mir dies wieder ein wenig vor Augen geführt hat..
Zur Autorin: Birgit Rydlewski, 42 Jahre alt, Lehrerin für Wirtschaftswissenschaften und Deutsch am Richard-von-Weizsäcker-Berufskolleg in Dülmen/Lüdinghausen, digital immigrant, politisch engagiert.

Kandidatur?

Posted by Bastian • Friday, December 23. 2011 • Category: Aktuell: , We Don't Need No Education
Auf der Mailingliste der Piraten von NRW wird schon über Kandidatur für die nächste Landtags- und Bundestagswahl nachgedacht. Ok. Das ist noch eine Weile hin, aber ich denke natürlich auch mal darüber nach, ob ich mir eine Kandidatur vorstellen könnte. Nach der Tätigkeit als 1. Vorsitzende bis Januar 2010 war ich wirklich froh, mit Piraten nichts mehr zu tun haben zu müssen. Die Anfeindungen können echt ganz schön übel sein. Ich habe keine Ahnung, ob das in anderen Parteien auch so ist. In kurzer Zeit habe ich mir durchaus ein paar Feinde gemacht. (Hintergrund: Eigentlich habe ich nur an der Stelle Position bezogen, als es um das zeitlich begrenzte Verbot der Gründung von Kreisverbänden ging. Das fand ich für eine Partei, die irgendetwas mit Freiheit machen will, unangemessen. Ich habe damals nichts gegen Crews gesagt. Es war nur meine Auffassung, dass ich den Gruppen vor Ort nicht vorschreiben wollte, wie sie sich zu organisieren haben. Offenbar hat das trotzdem dazu geführt, dass ich auf einmal zur Gruppe der KV-Leute gehörte und damit zum erklärten Feind der Crew-Befürworter.) Ich kann also gar nicht einschätzen, ob eine Kandidatur überhaupt Chancen hätte. Die Leute, die mich zu ihrem Feind erkoren hatten, wollten ja nicht reden, sondern lieber bashen via Twitter oder so. Bei solchen Auseinandersetzungen geht es selten wirklich um Argumente, sondern mehr um persönliches Angepimmel. Ich bin ziemlich sicher, dass ich an dieser Art Politik keinen Spaß habe. Überlässt man den Vollpfosten deshalb das Feld? Ich bin die, die voller Zweifel ist. Ständig. Das macht mich durchaus auch gut. Auf der anderen Seite macht es mich angreifbar. Ich kann nämlich durchaus drei Tage heulen wegen irgendwelcher Idioten, die anonym sexuelle Boshaftigkeiten in ein Pad schreiben (damals bei dem Bundesparteitag). Bin ich nicht deshalb schon untauglich für Politik? Zu dünnhäutig?

Ich habe bei meinen Überlegungen ein paar weitere Probleme.

Ich habe großartige Menschen im Bereich Bildung kennen gelernt. Ich habe die Möglichkeit gehabt, meinen Horizont zu erweitern und ich gehe davon aus, dass wir, um Bildung wirklich nach wissenschaftlichen Erkenntnissen zu verbessern, durchaus in der Politik ansetzen müssen. Das würde für eine Kandidatur sprechen.

Auf der anderen Seite darf man als Lehrer nicht gleichzeitig in der Politik (z.B. im Landtag) aktiv sein. Das wäre zeitlich wohl auch nicht möglich. Aber ich liebe meine Arbeit, zumal meine Schülerinnen und Schüler auch dafür sorgen, dass ich in jedem Fall auf dem Teppich bleibe. In der Vorstandszeit habe ich mich natürlich über gute Presse gefreut. Beinhaltet das aber nicht auch immer die Gefahr, sich von Medienpräsenz korrumpieren zu lassen? Ich will mich nicht verbiegen. Selbst wenn ich kandidiere, twittere ich immer noch aus der Badewanne. Ich mache nichts, weil "man das so macht" oder für die Wählbarkeit. Ein Journalist hat für die "Zeit" mal geschrieben, ich sei "erfrischend anders" und "entwaffnend ehrlich". Das will ich beibehalten.
Das habe ich auch als Lehrerin immer getan. Obwohl mir Professoren und Justitiare sagen, meine Tweets seien "justiziabel". Obwohl behauptet wird, Lehrer dürften wegen des Beamtenstatus nicht authentisch sein. Jedenfalls nur in gewissen Grenzen. Obwohl ich hätte längst Karriere in Schule machen können, wenn ich denn "systemkonformer" wäre. Es gibt Werte, die verkaufe ich nicht.

Eigentlich würde ich gerne beides machen. Lehrerin sein und Politik machen. Ich habe Schüler nie beeinflusst. Zumindest nicht bewusst. Aber einige wissen auch, dass ich mich politisch engagiere. Ich sehe da durchaus ein Dilemma. Auf der anderen Seite ist Politik immer zu weit weg von den Menschen, die sie betrifft. Es wird viel zu viel über Menschen entschieden statt mit ihnen. Meine Schüler sind meine Inspiration, weil sie an vielen Stellen ganz gleichberechtigt mit mir über Themen diskutieren können. Weil sie großartige Ideen haben. Weil sie tolle Reden halten und ansprechende Präsentationen machen können. Weil wir voneinander lernen können. Weil wir einander vertrauen und weil ich ihre Kritik ernst nehme. Ich würde die Politikerin sein wollen, die mit den Menschen redet, nicht über sie. Mir ist unklar, ob das Utopie ist....
Zur Autorin: Birgit Rydlewski, 41 Jahre alt, Lehrerin für Wirtschaftswissenschaften und Deutsch am Richard-von-Weizsäcker-Berufskolleg in Dülmen/Lüdinghausen, digital immigrant, politisch engagiert.

Mein Traum von Schule

Posted by Bastian • Tuesday, December 13. 2011 • Category: Aktuell: , We Don't Need No Education
Der Aufhänger für meine Gedanken auf der Autofahrt war eine Konferenz, wie sie ständig in irgendwelchen Schulen stattfindet. Der Wunsch nach mehr Druck, mehr Kontrolle, mehr Disziplin, mehr Handyverbot. Mich gruselt das zunehmend. Manchmal habe ich die Befürchtung, dass ich irgendwann durch den Austausch mit Menschen, die auch eine andere Schule denken können, für das staatliche Schulsystem mit all der Hierarchie und fehlenden Demokratie, mit all den Eingriffen in die individuellen Möglichkeiten schlicht unbrauchbar geworden sein könnte. Dabei sei gesagt, dass ich an einer "Vorzeigeschule" arbeite (was immer das heißen mag), mit finanziellen Mitteln, mit guter Ausstattung, mit einem Chef, der Projekte unterstützt, Europaschule usw. Trotzdem bin ich da noch so weit weg von dem, wie ich mir Schule im Idealfall vorstellen kann.

Ich weiß, man braucht Geld und Erlaubnis und Förderung usw., um eine Schule zu gründen, aber träumen wir doch einfach mal so vor uns hin...

Wie müsste meine Traumschule eigentlich sein? Was müsste sie leisten können? Wie müsste sie aussehen? Wie würden wir arbeiten/leben? Welche Kompetenzen würde sie vermitteln?

Nehmen wir doch einfach mal an, Motivation wird durch die in diesem (vermutlich allen bekannten) Video beschriebenen Aspekte ausgelöst und verstärkt: Autonomy, Mastery, Purpose.

Was bedeutet das für Schule? Wie viel Anteil des Tages können Schüler selbstorganisiert, selbstbestimmt lernen? (Die Antwort könnte uns schon in die erste Depression treiben.)
Welchen Sinn hat Schule für die meisten Schüler (über den Gedanken hinaus, dass es zumindest warm ist im Winter)?

So. Da stehen wir nun mit unserer Schule, die auf Menschenbild X aufbaut, statt Menschen zuzugestehen, dass sie sich verwirklichen wollen, dass sie wirksam sein wollen, dass sie sich verbessern wollen. Ich glaube an Menschenbild Y, aber wir setzen nichts davon um im Schulsystem.

Ich habe Schüler, die großartige Reden halten, die sich einsetzen für andere Menschen. Warum pressen wir diese in ein gängelndes System, anstatt ihnen bei der Verwirklichung ihrer Ideen beizustehen?

Wenn wir auf dieses Unternehmensmodell von Semco schauen, dann wäre es durchaus möglich, sich auch Schule in ähnlicher Form vorzustellen. (Gut, nicht für jeden meiner Kollegen.....)

Die Schule meiner Träume ist ein Ort, zu dem man gerne geht. (Und zwar dann, wenn man es möchte.) Schüler sollen selbst entscheiden können, wann sie mit wem zu welcher Uhrzeit und wie lange arbeiten. Versteht mich nicht falsch. Ich möchte es nicht belanglos. Natürlich muss man Rechnen und Schreiben lernen und argumentieren und präsentieren und all diese Dinge. Im Gegenteil: Ich möchte, dass Schule mehr Bedeutung bekommt, mehr zur Lebenswirklichkeit der Schüler (und Lehrer) wird und nicht ein abgetrennter Raum, weit weg von dem, was wirklich passiert in der Welt.

Ich möchte, dass Schule ein Ort der Begegnung wird, an dem man sich weiterentwickeln kann, an dem man Hilfe erfährt und Anregung, Inspiration. Ich möchte, dass Schule Projekte von Schülern unterstützt. Das können die ganz großen Dinge sein ("Wir möchten nach Durban fahren, um dort für eine bessere Welt zu kämpfen." "Wir möchten an einer Kampagne teilnehmen, die die Atomwaffen auf der Welt reduziert." "Wir möchten eine Schule in Nepal aufbauen." "Wir möchten einen Vortrag zur Republica einreichen.") oder die kleinen Dinge vor der Haustür (das Tierheim unterstützen, zusehen, dass alte Menschen nicht einsam sterben, einem Obdachlosen zuhören, ein Praktikum beim Tierarzt machen usw.)

Wir haben die Schüler, die all das können, aber wir lassen ihre Talente verkommen im 45-Minuten-Takt.

Und dann möchte ich ihnen sagen:
Ja. Geht raus, lernt, aber schreibt darüber. Präsentiert, was ihr erlebt habt, diskutiert, was man verbessern kann. Lernt, einander zu helfen, Projekte zu entwickeln und durchzuführen. Sucht euch Lehrer oder Mitschüler oder Experten, die das können.

Ich möchte eine Schule, die Schülern hilft, sich zu vernetzen mit Menschen aus der ganzen Welt, über Blogbeiträge, über Projekte usw.

Ich möchte eine Schule, in der Schüler und Lehrer gemeinsam entscheiden, wie das vorhandene Budget verwendet wird. Ohne Noten (aber meinetwegen mit Teilnahme an externen Prüfungen.) Nicht als Eliteschule, sondern mit den durchschnittlichen Schülern eines Landes, mit Hauptschülern und Elitegymasiasten und natürlich als inklusive Schule mit Schülern, die sich als Team begreifen.

Ich möchte, dass Schüler voneinander und Lehrer von Schülern lernen. Ich möchte eine Schule, in der wir gemeinsam die Welt entdecken und vielleicht auch ein wenig besser machen...

Ich weiß, ich bin ein Träumer....
Zur Autorin: Birgit Rydlewski, 41 Jahre alt, Lehrerin für Wirtschaftswissenschaften und Deutsch am Richard-von-Weizsäcker-Berufskolleg in Dülmen/Lüdinghausen, digital immigrant, politisch engagiert.

Session: Professionelle Intelligenz in der Schule

Posted by Bastian • Sunday, November 20. 2011 • Category: Aktuell: , We Don't Need No Education
Beim Educamp in Bielefeld habe ich zusammen mit Oliver Tacke (@otacke) eine Session zum Buch von Günter Dueck über professionelle Intelligenz angeboten.

Nach einer kurzen Einführung von Oliver über die von Dueck genannten unterschiedlichen Formen von Intelligenz haben wir in kleinem Kreis darüber diskutiert, wie Schule diese ganzheitliche Bildung besser fördern kann.

Hier kurz die bei Dueck näher beschriebenen Arten von Intelligenz:
  • Reine klassische Intelligenz (wie in IQ-Tests) - Intelligenz des Verstandes

  • Emotionale Intelligenz des Herzens und der Zusammenarbeit
  • Vitale Intelligenz des Instinktes und des Handelns
  • Intelligenz der Attraktion/der Sinnlichkeit
  • Kreative Intelligenz
  • Intelligenz der Sinnstiftung
Es ergaben sich die zwei Grundfragestellungen:
  1. Wie kann man dies im bestehenden System, was heute noch vor allem klassischen IQ, also Fachwissen, abprüft, erreichen? Dueck nennt das: "Run the System"
  2. Und langfristig: Wie müsste Schule im Idealfall aussehen? "Change the System"
Vorweg: Die Stunde war viel zu kurz, aber wir haben neuen Input, um über diese Fragen in Blogs etc. weiterzudenken.

Zunächst ging es um Hierarchie. Es wurde behauptet, dass die von Dueck aufgestellte These, dass Lehrer grundsätzlich schon mehr Wissen hätten als Schüler, (noch?) nicht zutreffend sei.

Ich behaupte mal frech, dass das von vielen Lehrern auch so gewollt ist. Deren "Standing" basiert darauf.
Ein Kollege stellte darauf in den Raum, dass Lehrer lernen müssen, loszulassen, also zum Beispiel auch den Mut zu zeigen, voneinander lernen zu und gemeinsam Themen entdecken zu wollen.

Es bleibt aber die Angst und Unsicherheit vieler Lehrer zum Beispiel davor, sich gegen bestehende Beschlüsse zu stellen. Beispiel: Es gibt einen Bildungsgangbeschluss, dass pro Halbjahr zwei schriftliche Klassenarbeiten geschrieben werden müssen. Darf man nun einfach ein Portfolio derart werten? Ist das wirklich eine individuelle Leistung? (Ketzerisch: Sind rein individuelle Leistungen ohne Internetzugang überhaupt noch zeitgemäß und an der Wirklichkeit orientiert? Würde ich so arbeiten im meiner Praxis? Würde ich nicht Vernetzung suchen, Menschen, die "Experten" sind, kollaborieren? Jede mir verfügbare Information suchen? Ein wenig sehe ich das als Besitzstandswahrung. Es ist die Angst, Prüfungen so zu gestalten, dass sie Relevanz besitzen. (Bei und werden teilweise die Handys eingesammelt bei Klausuren.) Es ist die Angst, Macht abzugeben. Fachwissen ist zudem leichter abprüfbar.)

Wenn man den Mut hat, gibt es also durchaus Bereiche, in denen man das System "Schule" "hacken" kann. Auf der anderen Seite stand aber auch der Wunsch nach politischer Veränderung (nur dauert sowas in Deutschland ja tendenziell sehr lange, wie wir wissen).

Eine Schule, die schon im Praktischen ganzheitliche, selbstbestimmte, praxisnahe Bildung abbildet, hat mich sehr inspiriert: Die Winterhuder Reformschule. Vielleicht müssen wir doch einfach mit ein paar interessierten Menschen eine eigene Schule gründen;-)

Weiterführende Links:

Website von Gunter Dueck
Buch: Aufbrechen, 2010
Buch: Professionelle Intelligenz, 2011
Wie Schüler Professionals werden können
Zusammenfassung von "Professionelle Intelligenz
"Bildung und Mensch im digitalen Zeitalter", Aufzeichnung von der TEDxRheinNecker 2010
"Das Internet als Gesellschaftsbetriebssystem", Aufzeichnung von der re:publica 2011
Zur Person: Birgit Rydlewski, 41 Jahre alt, Lehrerin für Wirtschaftswissenschaften und Deutsch am Richard-von-Weizsäcker-Berufskolleg in Dülmen/Lüdinghausen, digital immigrant, politisch engagiert.

Wie viel Unterricht ist heute eigentlich so frontal?

Posted by Bastian • Saturday, November 12. 2011 • Category: Aktuell: , We Don't Need No Education
Aufgrund einer kurzen Diskussion bei Twitter habe ich mich gefragt, wie viel von meinem Unterricht eigentlich so frontal ist.

Da schauen wir uns doch einfach mal die aktuelle Woche an.


Montag, 7.11.
Montag: Start in meiner Klasse (#1 Höhere Handelsschule Abschlussjahrgang) Zunächst Information, dass ein Lehrerverstorben ist. Schwierige Überleitung zur Rückgabe der Klausur (Betriebswirtschaftslehre mit Rechnungswesen), die recht schlecht ausgefallen ist. Nach der Rückgabe: Beginn der Berichtigung, Punkte nachzählen etc.
Die Schüler bearbeiten dies zunächst selbstständig. Parallel dazu Besprechung mit Schülern einzeln (auf dem Flur). Rückgabe Praktikumsmappe und bei Bedarf Thematisieren der jeweiligen Zielvereinbarungen der Schüler. Noten/Stand/Arbeitseinstellung in drei Fächern besprechen. Eventuell individuelle Probleme anreißen.


(Klasse #2 Höhere Handelsschule Unterstufe, die ich in Deutsch und Volkswirtschaftslehre unterrichte) Eine Stunde Präsentation einer Teamarbeit zu einem selbstgewählten Thema aus dem Bereich "Arbeit" (weil eine Präsentation ausfällt: Improvisation mit einem Arbeitsblatt zu Arbeitsteilung, dazu kurze Gruppenarbeit mit Besprechung), Schüler bewerten jeweils die Gruppe nach ihrer mit Hilfe eines Bewertungsbogens, Handout der Präsentationen stellt die Gruppe selbstständig ins Intranet (www.rvw-bk.net)

Dienstag 8.11.
Zwei Stunden Klausurbesprechung (siehe Montag), frontal, Unterrichtsgespräch, Erläuterungen/Rechnungen bei Bedarf an der Tafel, Rest der Berichtigung (Erstellen Gewinn- und Verlustrechnung und Bilanz als Hausaufgabe). Eine Stunde Arbeitsblätter Politik aktuell und ein wenig zum Grundgesetz mit Material von Schroedel aktuell (Wochenrückblick) und BPB (Grundgesetz für Einsteiger und Fortgeschrittene). Eine Stunde Präsentationen (siehe Montag)

Drei Stunden in meiner zweiten Klasse (als Klassenlehrerin) Gymnasiale Oberstufe, 11. Klasse mit Schwerpunkt Informatik/Mathematik (Klasse #3). Ich unterrichte dort Betriebswirtschaftslehre/Rechnungswesen und Deutsch.
Parallel müssen drei Schüler die Deutsch-Klausur nachschreiben. Die restliche Gruppe arbeitet in einem freien Rechnerraum am Börsenplanspiel und an Aufgaben Rechnungswesen (Gewinnermittlung durch Eigenkapitalvergleich), zusätzlich: Prüfen Vertrag Klassenfahrt, Einsammeln Unterschriften dafür, Entschuldigungen abgeben, Prüfen Vertrag Klassenfahrt etc.

Mittwoch 9.11.
Klasse #3: Zwei Stunden frontal Rewe: Bilanzänderungen, dazu anschließend Übungsaufgaben
Klasse #2: Eine Stunde Buchvorstellung (selbstgewählter Roman mit dem Ziel, Lust am Lesen zu wecken)
Klasse #2: Eine Stunde Präsentationen VWL

Donnerstag 10.11.
Klasse #1: Eine Stunde Aufsicht Englischklausur.
Kurz: Rest der Berichtigung der Klausur
Danach Wechsel zu VWL: Zwei Stunden Spiel zur Thematik "Geldschöpfung" mit gemeinsamer Auswertung

Freitag
Klasse #2 und #4 Jeweils eine Stunde Klausur VWL Grundlagen
Klasse #4 (paralleler Kurs, ebenfalls Höhere Handelsschule Unterstufe, hier nur VWL): Eine Stunde Präsentationen
Klasse #3: Zwei Stunden Einstieg Zeitung mit Quiz zur lokalen Tageszeitung und Fragebogen zum individuellen
Leseverhalten (Auswertung durch freiwillige Schüler über das Wochenende)

Anmerkung: Eine Klasse der Handelsschule befindet sich im Betriebspraktikum für drei Wochen. Telefonate
und Betriebsbesichtigung statt Unterricht

Planung für die kommende Woche:

Abweichend: weniger Anteil VWL (nach Abschluss der Präsentationen zum Thema "Arbeit"), stattdessen Überblick über mögliche Analysepunkte bei einem fiktionalen Text (am Beispiel einer Hausaufgabe, die bereits vor de Ferien besprochen wurde) Neue Aufgaben Deutsch als Gruppenaufgabe: Text einer Kurzgeschichte ("Der Wunsch") beenden, Analyse dazu in einem Etherpad

Für mich sehr vorteilhaft: Ich habe in mehreren Klassen (#1, #2 und #3) mehrere Fächer (in #1 Betriebswirtschaftslehre mit Rechnungswesen, Volkwirtschaftslehre und Politik, Stundenzahl gesamt: 8 in #2 Deutsch und VWL (Stundenzahl gesamt: 5 in #3 Deutsch und BRW (Stundenzahl gesamt: 7), so dass ich die Wochenstunden weitgehend flexibel und nach Bedarf in Absprache mit den Schülern/Kursen verwendet werden kann

Weiterhin angenehm ist, dass ich oft auf freie Rechnerräume zugreifen kann. Für "Notfälle" gibt es auch einen Satz Laptops mit WLAN-Anbindung.

Stressig wird es wiederum durch die zwei Gebäude, die ungefähr 5 Min. mit dem Auto und 15 min. zu Fuß auseinanderliegen.


Fazit:

Am Montag waren 45 Min. frontal (aufgeteilt in zwei Klassen und mit Arbeitsphasen, rein frontal mit Unterrichtsgespräch verlief die Besprechung der Aufgaben)
Am Dienstag 135 Min. frontal (allerdings mit Gruppenarbeitsphasen dazwischen)
Am Mittwoch 90 Min. frontal (wegen des neuen Themas)
Am Donnerstag ca. 20 Min. frontal (besprechen der Spielergebnisse)
Am Freitag ca. 45 Min. frontal

Nun ist hier auch das als "frontal" bezeichnet, was die Moderation und Sammlung von Arbeitsergebnissen angeht. Vermutlich unterscheidet sich dies durchaus von dem Unterricht, den man von "damals" als Frontalunterricht kennt (hoffe ich)
Zur Person: Birgit Rydlewski, 41 Jahre alt, Lehrerin für Wirtschaftswissenschaften und Deutsch am Richard-von-Weizsäcker-Berufskolleg in Dülmen/Lüdinghausen, digital immigrant, politisch engagiert.

Wie Schüler "Professionals" werden können...

Posted by Bastian • Wednesday, October 12. 2011 • Category: Aktuell: , We Don't Need No Education
Gunter Dueck hat ein neues Buch verfasst: "Professionelle Intelligenz. Worauf es morgen ankommt." Es ist erschienen im Eichborn Verlag/Frankfurt.

Problem/Aufhänger: Für Tätigkeiten, die nicht automatisierbar sind, gibt es "immer höhere Anforderungen" (S. 12)
Was also brauchen Menschen zukünftig, um erfolgreich/"wirksam" zu sein?

Nach Dueck ist dies über das reine Fachwissen hinaus ein ganzes Bündel an Fähigkeiten: sich vernetzen können, kommunizieren, führen, begeistern etc.
Diese von G. Dueck als Professionalität/"Exzellenz" benannten Kompetenzbündel lernt man aber quasi nirgendwo.

Dueck geht weiter und setzt die Spanne zwischen Arm und Reich gleich mit der Spanne zwischen "Routine und Exzellenz" (S. 12)

Ich mag den Gedanken, dass Routineaufgaben, lästiges Verwaltungszeug und Bürokratie-/Formularkram automatisiert werden könnten. Aufgaben zu erledigen, bei denen man die Informationen statt mit einem Formular per Post auch automatisiert übermitteln könnte, frustrieren mich überwiegend.
Warum kann mein Arzt die Rechnung nicht einfach an die Behilfe und die Versicherung übermitteln? (Im Moment bekomme ich die Rechnung per Post, muss zwei Formulare mit Kopien der Rechnungen wieder per Post an die zuständigen Stellen schicken. Dort müssen die Rechnungen dann eingescannt werden. Das ist vor allem Zeitverschwendung.)

Weiterhin müssten wir nicht mehr mit Mittelmaß leben. Dank des Internets können wir uns informieren, bewerten, besser auswählen. Für Unternehmen geht es also nicht mehr nur um die reine Arbeitsleistung, es geht auch ums Vernetzen, ums Vermarkten und den Bekanntheitsgrad, um erfolgreich zu sein.

Das ist übrigens auch in Schulen längst der Fall. Weiterführende Schulen stehen im Konkurrenzkampf und müssen viel mehr in Marketing stecken, als das früher der Fall war. Wir-als Schule, die Bildungsgänge der Sekundarstufe II anbietet- besuchen Schulen der Sekundarstufe I, um zu informieren. Wir produzieren Hochglanzflyer usw.

Ebenfalls sehr gut anwendbar auf das Schulsystem ist der Abschnitt über die Konflikte, die entstehen, wenn man gleichzeitig im System arbeiten und dieses umbauen möchte. (S. 39ff)
Run the System = täglicher Unterricht
Change the System = da entsteht schon als erstes das Problem, dass sich nicht einmal alle Lehrer und Bildungspolitiker einig sind, wohin es gehen soll. Es bleibt also dem kleinen Lehrer nur die Möglichkeit, an der eigenen Schule im Rahmen der geltenden Ausbildungs- und Prüfungsordnungen ein paar Kleinigkeiten zu verändern. Ich muss gestehen, dass mir das nicht immer reicht.

Nachdenken und Arbeiten am Umbau wird also auch folgerichtig von G. Dueck als "Ehrenamt" bezeichnet, weil es über die normale, alltägliche Arbeit hinausgeht und meist freiwillig ist. (S. 45)

An dem Anspruch, dass dann alles trotzdem in diesem Spannungsfeld glatt laufen muss, scheitere ich noch regelmäßig. Professionalität oder den Anspruch daran muss man also stetig verbessern.

Großartig finde ich auch den Bezug zu Riemanns "Grundformen der Angst" (den ich aber nicht weiter ausführen werde. Interessierte sollten sich diesem spannenden Werk gesondert widmen.)

Nun nähern wir uns im Buch dem Feld "Schule", wenn nämlich Digital Natives von der "Analog-Exile-Oberstudienrätin" frontal unterrichtet werden. (S. 69) Schade. Das Kapitel endet da schon.

"Es gehört zur Professionalität dazu, dass Kunden und Arbeitgeber das Professionelle sehen!" (S. 86) Das bedeutet also für den Lehrer als Schlussfolgerung: Wenn das, was ich mache, nicht beim Schüler/Kunden ankommt, bin ich nicht professionell. Puh. Ist sicherlich etwas dran. Ich glaube, in meinem letzten LK hat das geklappt. Aber in meiner Klasse, als diese im Konflikt mit einer anderen Lehrerin waren, hatte ich das Gefühl, dass sie am Ende meinten, ich hätte nicht genug getan. Ein Systemproblem oder mein persönliches Problem. Ich bin da unsicher...

Felix Schaumburg hat mich bei Lektüre des Entwurfes für diesen Blogbeitrag darauf aufmerksam gemacht, dass ein weiteres Problem darin bestehe, dass Inhalt und Bewertung beim Lehrer in einer Hand liegen. Wann empfindet man einen LK als "gut"? Für mich kann ich sagen, dass ich nicht unbedingt einen "ruhigen" Kurs bevorzuge. In diesem Fall war es so, dass die Schüler einfach sehr vielfältig interessiert waren, sehr tiefgründig diskutieren und großartige Präsentationen halten konnten. Hinzu kam die Atmosphäre im Kurs. Die Zuverlässigkeit, die empfundene Aufrichtigkeit, die sozialen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler, also der Umgang miteinander.

Die Ausführungen über verschiedene Teilintelligenzen eines Professionals kürze ich an dieser Stelle ab. Erwähnen sollte man die verschiedenen Bereiche aber schon, um überhaupt dazu zu kommen, wie man diese im Bildungssystem fördern kann:

Reine klassische Intelligenz (wie in IQ-Tests) - Intelligenz des Verstandes
Emotionale Intelligenz des Herzens und der Zusammenarbeit
Vitale Intelligenz des Instinktes und des Handelns
Intelligenz der Attraktion/der Sinnlichkeit
Kreative Intelligenz
Intelligenz der Sinnstiftung

Dabei gebe es natürlich verschiedene "Professionalitätstypen", je nach Mischverhältnis, nach Charakter einer Person. Trivial: Man müsse dabei seine Stärken und Schwächen kennen.

Als spannend (und weitgehend zutreffend) habe ich den Teil über das Bildungssystem empfunden. Durch die dort vorherrschende Annahme, die Schüler müssten "synchron verbessert" werden, wird es schwierig, eben jene geforderten Intelligenzen gleichermaßen auszubilden. Bisher werde im Bildungssystem vor allem der Teil des klassischen IQs vermittelt. (S. 167)
Schlimmer wird dies durch den Versuche, Schule (G8 ) oder Studium (Bachelor) effizienter zu gestalten.

An dieser Stelle ein Verweis auf den Beitrag von Felix (@schb) über "Schule als Buchgesellschaft

Schule hat offenbar (noch?) viel zu wenig mit dem Internet oder einer zukunftsfähigen Exzellenzgesellschaft zu tun.

Am Berufskolleg habe ich aber immerhin das Gefühl, dass wir noch ein wenig Nähe zu verschiedenen Berufen haben (selbst in Vollzeitbildungsgängen jenseits der Berufsschule und mit Kollegen, die alle mal in einem "richtigen Beruf" tätig waren) Vielleicht habe ich da mehr Glück als ein Kollege am Gymnasium. Auch der Tipp, Schüler Bewerbungen aus der Sicht des Arbeitgebers zu sehen, wird hier schon lange umgesetzt.

Über den Abschnitt, in dem Führungsstile behandelt werden, habe ich lange nachgedacht, weil dies unmittelbar auf Lehrstile von Lehrern anwendbar ist. Es geht auch darum, wie man motiviert. Ein immer wieder wichtiges Thema in Schulen.

An der Stelle mache ich einen kleinen Exkurs in meinen aktuellen Unterricht:
Meine Oberstufe in der Höheren Handelsschule hat in VWL das große Thema "Geld" im Lehrplan. Ich habe den Schülern zunächst die Möglichkeit gegeben, Unterthemen zu sammeln, die sie interessierten und aus denen sie dann wiederum ein Thema wählen konnten, um dieses im Detail in einer Kleingruppe zu erarbeiten und abschließend zu präsentieren.

Die Klasse hatte mehrere Stunden während des Unterrichts Zeit, um an der Recherche etc. im Rechnerraum zu arbeiten (mit meiner Anwesenheit, so dass ich für Fragen zur Verfügung stand).

Leider zeigte sich bei den ersten Präsentationen, dass diese nach meiner Auffassung nicht dem Stand einer Oberstufe entsprachen. Die Themen waren tw. nur sehr oberflächlich bearbeitet. Die Zeitvorgabe (40 min.) wurde kaum erreicht. Eine Präsentation fiel komplett aus.

Das alles erzeugt Frust auf beiden Seiten. Die Schüler rechnen mit dem schlechten Ergebnis. Ich bin frustriert, weil ich doch das Ziel habe, dass am Ende des Schuljahres alle Schüler nicht nur bestanden haben sollen, sondern ich möchte alle möglichst mit viel Horizont/Bandbreite und unterschiedlichen Kompetenzen entlassen, so dass ich sagen können will, dass diese Schüler studierfähig (FH) und professionell ins Berufsleben entlassen werden.

Offensichtlich fehlt irgendwie die Motivation, um sich eingehend mit einem Thema zu beschäftigen. Es wird nur das Nötigste gemacht.

In der Besprechung darüber (ich möchte es ja wirklich verstehen!) wird auch von Schülern nicht so richtig klar angesprochen, woran es scheitert. Genannt wird fehlendes Zeitmanagement/fehlendes Interesse/andere Belastungen (z.B. durch private Probleme) und Frust über innerschulische Organisationsprobleme (Raumsituation).

In Präsentationen wünsche ich mir Kennerstufe 3 ("Ich weiß einiges darüber") oder gar 4 ("Ich kenne mich gut aus."), meist kommen wir aber über 2 ("Schon davon gehört!") nicht hinaus. (S. 168)

Ich glaube daran, dass Menschen neugierig sind und etwas bewirken wollen. Insofern gebe ich auch den Plan nicht auf, Schule mit Schülern zusammen so zu gestalten, dass dies möglich ist.

Schöner Aussagen dazu: "Professionalität aber ist behaglich. Professionelle Bildung schafft eine Kultur des Gelingens." (S. 189)

Man sieht am obigen aktuellen Beispiel aus einer meiner Klassen, dass ich offenbar an der Stelle noch Verbesserungsbedarf habe, aber vielleicht ist es auch schon ein Ansatz an der Stelle, im Kontakt miteinander zu bleiben. Schülern zuzuhören, Probleme zu diskutieren und allen Beteiligten den Raum für Entwicklung zu geben.

Ich habe aber vor allem das Gefühl, dass Schüler (wenn sie mit ca. 16 Jahren bei uns landen) noch nicht gelernt haben, sich zu vernetzen. Vernetzen über die plumpe Frage in irgendeinem Forum hinaus, ob jemand mal schnell eine Inhaltsangabe für eine nicht gelesene Schullektüre liefern könne. Vernetzen über den üblichen Freundeskreis via Facebook oder icq hinaus. Von meinen Schülern nutzt niemand Twitter und vermutlich kennen sie es nur wegen mir. Kaum jemand hat schon mal gebloggt und ein Etherpad lernen sie auch bei mir kennen und nutzen (z.B. für eine gemeinsame Hausaufgabe mit mehreren Mitschülern). Ich teile also nicht die Euphorie, mit den "Digital Natives" würde jetzt automatisch alles gut.

Wie aber kann uns das Internet überhaupt in der Bildung helfen? Es wäre möglich, verschiedene Lerntypen/Reifegrade etc. zu berücksichtigen. "Der Computer hat immer Zeit für mich." (S. 194) Es folgt ein Teil, der sich gut mit der Idee der "fließenden Schullaufbahn" verbinden ließe. Schüler lernen in unterschiedlichem Fächern unterschiedlich schnell. Das lässt sich ohne Zweifel gut mit der Nutzung des Internets verbinden. Und weiterhin könnte dies Lehrern die Freiräume geben, vorrangig Coach/Tutor zu sein.

Ich bin begeistert von den Analysen und Ideen von Gunter Dueck. Schüler in unserem Land könnten mit Schülern aus der ganzen Welt lernen. Mit- und voneinander. Es ist so viel möglich in diesen Zeiten. Wir müssen aber Schüler dazu befähigen, diese Möglichkeiten auch zu nutzen. Wir müssen ihnen mehr zutrauen, ihnen Vorbild sein und Ansprechpartner. Wir müssen Hilfe sein beim Vernetzen und Inspiration beim Lernen.

Ich bin in vielen Bereichen Idealist und hoffe, dass man die "pragmatische Mitte" (S. 236) irgendwann mitziehen kann für eine notwendige Veränderung in ein zeitgemäßes Bildungssystem.

Die Ausgangsfrage, wie man Schüler zu mehr Professionalität verhelfen kann, ist für mich damit aber noch nicht mal im Ansatz geklärt, deshalb möchte ich die gesamte Thematik sehr gerne diskutieren, z.B. beim Educamp in Bielefeld.

Zur Person: Birgit Rydlewski, 41 Jahre alt, Lehrerin für Wirtschaftswissenschaften und Deutsch am Richard-von-Weizsäcker-Berufskolleg in Dülmen/Lüdinghausen, digital immigrant, politisch engagiert.

Lernen lernen

Posted by Bastian • Thursday, September 15. 2011 • Category: Aktuell: , We Don't Need No Education
Neues Schuljahr. Es ist mal wieder soweit: Seit einigen Jahren machen wir in der Höheren Handelsschule (richtig heißt das: "Zweijährige höhere Berufsfachschule für Wirtschaft und Verwaltung") ein Methodentraining zu Beginn jeder neuen Unterstufe.
Das Methodentraining besteht bei uns aus vier Modulen:
  • Recherchieren, wissenschaftliches Arbeiten
  • Texte verstehen
  • Präsentieren
  • Lernen lernen
Damit sich in der jeweiligen Jahrgangsstufe nicht nur die Klassen kennen lernen, sondern alle Schüler, verteilen wir die Schüler so, dass jeder Schüler jeden Tag mit anderen Mitschülern aus der Jahrgangsstufe ein Modul besucht. (Ein lieber Informatik-Kollege hat da etwas in Excel gebastelt, damit das einfach funktioniert;-)
Wie die Überschrift schon andeutet versuche ich, das Modul "Lernen lernen" zu vermitteln. Dieses Jahr haben mein Teamkollege und ich das komplette Modul überarbeitet und testen es nun in der neuen Form.

Der aus wissenschaftlicher Sicht durchaus umstrittene Lerntypentest hält sich immer noch hartnäckig. Die Schüler machen sowas auch wirklich gerne, auch noch in höherem Alter. Ich würde das aber gerne fürs nächste Jahr ersetzen/austauschen/verbessern.




In diesem Jahr haben wir neu die Ausschnitte vom Republica Vortrag von Gunter Dueck hinzugenommen. Da die Schüler, wenn sie bei uns landen (also mit ungefähr 16 Jahren), schon einige Schulerfahrung mit sich bringen, halte ich es für notwendig, überhaupt erst einmal ein Problembewusstsein für eine sich ändernde Welt zu wecken. Ich favorisiere Menschenbild Y, muss aber, um Schüler dafür zu begeistern, zunächst die Erfahrungen der Jahre mit "Kästchenrechnen" und Druck überwinden. Bei uns sind Schüler freiwillig. Das muss ihnen selber aber auch klar werden. (Realistisch sind sie oft hier, weil sie nichts Anderes gefunden haben oder weil es dann noch weiter Kindergeld gibt. Wenn sie aber nun schon da sind, kann man m.E. auch etwas Gutes daraus machen.

Wir haben begleitend zu den Ausschnitten folgende Fragestellungen diskutiert:
  • Wie verändert sich die Berufswelt durch das Internet?
  • Welche Berufe und Tätigkeiten werden dadurch überflüssig?
  • Was macht einen "Professional" aus? (Und wie kommt man dahin?)

  • Was versteht G. Dueck unter dem Menschenbild X und Y?
Ein Schüler fragte, ob dann die Berufe, die man gewöhnlich nach einem Abschluss im Bereich Wirtschaft und Verwaltung ergreifen würde, dann alle wegfallen werden? Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht, aber es kann sicher nicht schaden, auf eine sich ändernde Welt vorbereitet zu sein. Ich möchte, dass möglichst viele meiner Schüler möglichst viel lernen bei uns, was sie befähigt, "Professional" zu werden.

Weiterhin haben wir spontan (und inspiriert durch diesen Artikel) die Frage von Motivation diskutiert. "Würden Sie Ihre Arbeit auch ohne Entgelt machen? Wenn nicht, kündigen Sie!"

Ich finde es immer ein wenig erschreckend, wie sehr Jugendliche ausschließlich Geld und Konsum als Motivator sehen. Ich wünsche mir, dass sie stattdessen irgendwann eine Arbeit machen können, die sie erfüllt, glücklich macht, zu der sie jeden Tag gerne gehen. Nur, was man mit Leidenschaft tut, macht man gut. Schüler sagen in der Diskussion aber oft, dass ihnen Zufriedenheit mit der Arbeit egal sei. Oder überspitzt: Für Geld würden sie alles machen.

Im Anschluss daran haben wir mittels der Expertenmethode (Schüler bereiten den Text vor und müssen ihn einem Mitschüler vorstellen) diesen Text diskutiert: "Was wir wirklich lernen müssen." Hierbei sollen von den Schülern bereits mehrere Ebenen bewältigt werden. Sie müssen den Text natürlich erst einmal verstehen (und das fällt vielen schon schwer). Sie müssen ihn aufbereiten und Stichpunkte verwenden, um den Kern, die Essenz der einzelnen Abschnitte an einen Mitschüler weitervermitteln zu können. Im letzten Teil müssen sie dann noch eine eigene Meinung dazu diskutieren können. (Es ist erschreckend, wie viele Schüler schon Probleme mit 5 Seiten Text haben. Das ist auch einer der Kritikpunkte der Schüler bei der Evaluation: "Der Text ist zu lang." Ich bin aber bei einem Bildungsgang, der in Studierfähigkeit (Fachhochschulreife) münden soll, nicht bereit, ganz auf längere Texte zu verzichten;-)

Zusätzlich zum Vormittagsprogramm haben wir zwei Nachmittage mit Aktivität gefüllt. Dienstag die traditionelle Kanutour auf der Werse/bei Münster. Resultat: Super Wetter und trotz vier gekenterter Boote war die Stimmung auch im Anschluss im Bus gut.
Heute endet das Methodentraining mit einem abschließenden gemeinsamen Grillen. Viele Schüler haben Salate/Brot/Kuchen etc. mitgebracht. Ich habe den Eindruck, das wird eine richtig gute Jahrgangsstufe. Nach vier Tagen bin ich aber auch froh, dass ich morgen wieder mal etwas Anderes unterrichten darf. Immer dieselben Inhalte zu vermitteln, wäre nichts für mich;-)

Zur Person: Birgit Rydlewski, 41 Jahre alt, Lehrerin für Wirtschaftswissenschaften und Deutsch am Richard-von-Weizsäcker-Berufskolleg in Dülmen/Lüdinghausen, digital immigrant, politisch engagiert.

Talking bout a revolution

Posted by Bastian • Tuesday, July 19. 2011 • Category: Aktuell: , We Don't Need No Education
Christian Füller hat letztens mal gefragt, wie so eine Schulreform eigentlich aussehen könnte.

Politisch (also von "oben") erwarte ich, ehrlich gestanden, keine großen Visionen. Politiker haben leider in den seltensten Fällen das gesellschaftliche Wohl im Blick, sondern eher die möglichen Ergebnisse der nächsten Wahl. Also wird, statt auf Studien, Experten oder andere Länder zu gucken, gerne nur eine kleine Stellschraube verändert im Bildungssystem und das wortgewandt als der große Wurf verkauft.

Letztendlich glaube ich, dass unser deutsches Bildungssystem nicht mehr funktioniert. Wir zerstören Kinder, wir haben zu viele Schulabbrecher, wir setzen auf mehr Standards, auf Selektion und ein paar Papiertiger (individuelle Förderung). Letztendlich wird aber keins der Probleme und keine der möglichen Ideen konsequent durchdacht.

Da ist sicherlich bei Politikern, bei Lehrern, bei Schülern und Eltern die Angst vor etwas Neuem vorhanden (und letztendlich denkt dann jeder an sich selbst, versucht sich, seine Kinder irgendwie dadurch zu bekommen). Glücklich sind aber nur wirklich wenige damit.

Meine Traumschule würde individuelle Förderung und die einzelnen Menschen ernst nehmen.

Mal ein harmloses Beispiel aus dem Alltag. Wir haben am Berufskolleg diverse Bildungsgänge mit unterschiedlichen Abschlüssen. Ein Schüler macht also in der Handelsschule seinen Realschulabschluss (mittleren Schulabschluss). Kommt dann (weil er keine Lehrstelle findet) in die Höhere Handelsschule mit dem Ziel, dort Fachabitur zu erreichen. Er muss also all die Grundlagen Rechnungswesen, BWL, VWL etc., die er alle schon kann, nochmal hören. Natürlich langweilt der sich. Im schlimmsten Fall macht er danach eine dreijährige, kaufmännische Lehre und da beginnt das Spiel von vorne.

Wir haben eine Partnerschule in den Niederlanden. Da läuft vieles ganz anders. Da wird in diversen Bildungsgängen projektorientiert gearbeitet. Da müssen Schüler an der Praxis orientierte Aufgaben langfristig selber lösen und selber entscheiden, welche Kurse sie dafür benötigen. Da werden Fähigkeiten anerkannt, die Schüler schon erworben haben und sogar außerschulisch erworbene Kompetenzen.

Ich war mal mit meinem Chef dort. Ich habe ihm auf der Rückfahrt gesagt, dass ich mir gut vorstellen könnte, dass wir auch so arbeiten. Das geht aber hier nicht, weil es so viele Vorgaben gibt (Apo-BK), die eingehalten werden müssen und die nicht einfach aufgebrochen werden können.

Sagen wir also, ich hätte einen Chef, der das mittragen würde. Ich hätte ein paar offene, interessierte Kollegen und einen Bildungsgang (vielleicht etwas im mittleren Bereich, also mit Abschluss der Fachhochschulreife) und ich würde dort etwas ganz Neues versuchen wollen (gerne mit Unterstützung einer Uni). Es wäre schier unmöglich. Ich habe mal mit jemandem von der Bezirksregierung darüber gesprochen. Nein. Sagen wir, ich habe es versucht. Der Blick war in etwa so, als würde ich von regenbogenfarbenen Einhörnern phantasieren. Verwaltungsmenschen sind oft völlig visionsfrei.

Es fehlt also von Seiten der Politik der Freiraum, überhaupt anders handeln zu können.

Von "unten" also wenig Chancen außer an extra dafür eingerichteten experimentellen Schulen. Von "oben" keine Bewegung erkennbar. Schachmatt.

Zur Person: Birgit Rydlewski, 41 Jahre alt, Lehrerin für Wirtschaftswissenschaften und Deutsch am Richard-von-Weizsäcker-Berufskolleg in Dülmen/Lüdinghausen, digital immigrant, politisch engagiert.

Open Course - Was ich bisher dabei empfunden habe

Posted by Bastian • Sunday, June 12. 2011 • Category: Aktuell: , We Don't Need No Education
Es geht um diese Aktion mit dem Thema Zukunft des Lernens.

1. Woche: Ich war noch total motiviert. Warum muss sich in der Bildungslandschaft überhaupt etwas verändern?
Ich habe noch einigermaßen fleißig mitdiskutiert, vor allem, weil ich daran glaube, dass Bildung (in meinem Fall jetzt Schule) auch ganz anders funktionieren könnte. Freier. Individueller. Mit mehr Spaß. Und mehr Chancen für alle.

2. Woche: Social Networks
Netzwerken finde ich toll. Ich liebe Twitter. Aber ich sehe auch zunehmend, wie ich an meine Grenzen komme. Parallel laufen Abiklausuren. Während also irgendwo in der Bildungslandschaft die immer gleichen Leute zu Vorträgen auflaufen, denke ich in der Schule darüber nach, warum schon wieder die Herrentoilette versaut wurde. Nicht ohne Neid verfolge ich Diskussionen auf Twitter, erliege aber immer mehr dem Gefühl, dass ich so als "normaler" Lehrer gar nicht Teil dieses Netzwerks von voll coolen Bildungshackern bin. Also widme ich mich den zum Teil existentiellen Ängsten meiner Schüler, ob sie das Schuljahr schaffen, statt auf Antworten von Experten zu hoffen, die bei Twitter oft auch gar nicht antworten wollen. (Ich hoffe, das klingt jetzt nicht zu frustriert, aber meine Versuche, mit Institutionen, Gruppen und Einzelpersonen auf Twitter zu kommunizieren, hat gelegentlich gezeigt, dass Kommunikation hier nicht funktioniert. Da sind die Accounts, die Twitter vor allem als Selbstdarstellungsplattform nutzen. Die Institutionen, die auf Fragen nicht mal antworten und für die Twitter nur nettes Marketingspielzeug ist.)

3. Woche: Lerntechnologien
Da habe ich mich so allmählich aus der Diskussion gezogen. Ich habe ein IPad. Meine Schule ist wirklich gut ausgestattet, was Technik angeht. Ich glaube, mehr ist im Moment einfach pragmatisch nicht drin. Und löst Technik wirklich die Probleme? Es bleiben also für mich zunehmend mehr Fragen als Antworten.

4. Woche: Lernumgebungen
Mittlerweile sind eine Menge Tools und Möglichkeiten erwähnt worden, die ich vorher gar nicht kannte. Das ist grundsätzlich toll, aber im Moment fehlt mir die Zeit, mich damit überhaupt auseinanderzusetzen. Ich beschränke mich also auf das wöchentliche Erstellen des Etherpads und bremse mich selber aus an der Frage, wie ihr das alle eigentlich macht im normalen Alltag? Blogs schreiben, mit Technik spielen. Familie bespaßen. Wohnung aufräumen. Klausuren korrigieren.

5. Woche: Mobile
Mobile Technik. Oder so...

6. Woche: Lernszenarien
Ich habe bisher alle Vorträge mehr oder minder konzentriert verfolgt. Dieser hier hat mich geärgert. Ich habe vermutlich nicht richtig zugehört, hatte aber kurz das Gefühl, die Darstellungen könnte man mit "eher trivial" überschreiben. Schüler haben auch noch Freunde. Gehen auch noch vor die Tür.

Das erinnert mich andererseits aber auch an die Diskussion mit einem Kollegen letztens im Lehrerzimmer: "Ihr lest morgens schon eure Mails?" "Ja. Das mache ich gleich als erstes." "Also ich lese höchstens die Zeitung." "Ich auch. Aber auf dem Pad. Und dann gleich die Feeds von mehreren Zeitungen." Unterschiedliche Welten. Zeitung lesen auf dem Pad ist offenbar bei vielen Menschen nicht als gleichwertig anerkannt. Hallo? Es ist unter Umständen dieselbe Zeitung.

Also hänge ich gerade zwischen den Welten. Möchte etwas verändern. Möchte lernen. Schule revolutionieren und scheitere an meinem Zeitmanagement. Auf dem Tisch liegen 18 Prüfungsklausuren (Deutsch, Höhere Handelsschule).

Und ich scheitere noch an etwas Anderem. Für mich funktioniert Lernen nicht, wenn ich nicht auch mal Austausch mit Menschen habe, mit denen man sich treffen kann. Ich liebe diese Online-Netzwerke, aber für mich geht nichts über einen Plausch beim Tee, bei dem man sich auch mal in die Augen sehen kann.

Zur Person: Birgit Rydlewski, 41 Jahre alt, Lehrerin für Wirtschaftswissenschaften und Deutsch am Richard-von-Weizsäcker-Berufskolleg in Dülmen/Lüdinghausen, digital immigrant, politisch engagiert.

Zentralabitur Fluch oder Segen?

Posted by Bastian • Tuesday, May 10. 2011 • Category: Aktuell: , We Don't Need No Education
Heute hat mein Deutsch-Leistungskurs die Abiklausur geschrieben. Für mich war es das erste Mal Leistungskurs (vorher hatte ich immer nur Grundlurse) und das erste Mal Zentralabitur.

Ja. Ich war nervös vorm Öffnen der Umschläge mit den Aufgaben. Es gab dafür allerdings keinen wirklichen Grund. Der Kurs war der beste, den ich je hatte. Sie sind auch gut vorbereitet und es gibt drei Auswahlaufgaben. Da ist doch für jedem normalerweise etwas dabei. Insofern war es aber trotzdem noch interessant, welche Schwerpunkte die Auswahlkommission setzen würde.

1. Auswahlaufgabe: Analyse eines Auszuges aus "Berlin Alexanderplatz" mit anschließender Rezension für eine Schülerzeitung.

(Hat keiner ausgewählt. Hätte ich auch nicht genommen, vor allem deshalb, weil mir die Textstelle zu nichtssagend war.)

2. Auswahlaufgabe: Analyse eines Sachtextes zum Thema "Globalisierung" mit anschließendem Vergleich zu den Positionen des Autors eines 2. Textes

3. Auswahlaufgabe: Analyse eines Kommentars zum Thema "Internet" mit anschließender Erörterung (Das wäre mein Favorit gewesen, hätte ich selbst schreiben müssen).

Ich glaube zunächst mal nicht, dass mehr Standardisierung alle Probleme des Bildungssystem lösen kann (vermutlich nicht mal ein paar davon), weil hier Objektivität vorgetäuscht wird, die es nach meiner Erfahrung nicht geben wird. Zudem lässt es wenig Spielraum für Entfaltung von individuellen Lernwegen.

Auf der anderen Seite kann ich dem Zentralabitur durchaus etwas abgewinnen, dies ist aber vor allem eine subjektive Empfindung.
Dieser Deutsch-Leistungskurs war sehr leistungsstark, die Schüler überdurchschnittlich sozial kompetent, interessiert in alle Richtungen, mit einem offenen Geist und ganz viel Bereitschaft, über ihren Horizont zu schauen.

In diesem Kurs war es somit gleich, welche Themen uns vorgesetzt wurden, weil alles gut lief. Ich fand die Themenauswahl vielfältig (Globalisierung, Brecht: Hl. Johanna, Büchner: Woyzeck, Döblin: Berlin Alexanderplatz, politische Lyrik von Heine, Heym, Fried und zum Ende eine Reihe über Medien, Wirkung, Medienkritik).

Darüber hinaus lief es so gut, dass wir auch über die eigentlichen Abithemen rechts und links nach anderen spannenden Themen gucken und dies diskutieren konnten. Aktuelles, Banales, Tiefsinniges, Lustiges, Philosophisches, Trauriges usw.

Es gibt m.E. noch einen Vorteil des Zentralabiturs: Ich muss nichts zurückhalten. Alle Materialien, die ich habe, alle Interpretationen, alle Texte, die ich im Internet finde, kann ich ungefiltert weitergeben. Das kommt meinen Forderungen nach Transparenz nahe und macht es möglich, dass man sich gemeinsam auf eine quasi externe Prüfung vorbereitet. Das verringert die Hierarchie und ist eine Form der gemeinschaftlichen Weiterentwicklung, die mir sehr entgegen kommt.

Ich habe so viel gelernt in diesem Kurs. Viele Themen waren auch für mich neu. Bei anderen Themen habe ich neue Sichtweisen kennen gelernt. Deshalb geht mein Dank an meine wundervollen Schüler und Schülerinnen! (Ich werde dann schon ein wenig sentimental;-)

Geht hinaus und macht die Welt besser. Ihr habt alles Zeug dafür!

Zur Person: Birgit Rydlewski, 41 Jahre alt, Lehrerin für Wirtschaftswissenschaften und Deutsch am Richard-von-Weizsäcker-Berufskolleg in Dülmen/Lüdinghausen, digital immigrant, politisch engagiert.

Frust

Posted by Bastian • Saturday, May 7. 2011 • Category: Aktuell: , We Don't Need No Education
Beim Korrigieren von Klausuren trifft mich manchmal die Erkenntnis, dass ich als Lehrer vielleicht gar nicht tauge, weil da einfach keine Lerneffekte eintreten. Da sortiert man ein halbes Jahr Gleichungen hin und her, lässt Netto- aus Bruttobträgen berechnen, übt den Konjunktiv und in der Klausur fällt auf, dass bei vielen Schülern nichts davon angekommen ist. Ich habe es mit unterschiedlichen Methoden versucht, streng, mit Freiräumen und trotzdem musste ich etliche "Blaue Briefe" ausfüllen (mit der Hand, aber das ist ein anderer Aufreger).

Wir haben mittels Lernen durch Lehren gelernt (oder halt nicht), ich habe acht Wochen Freiraum geboten, in denen Grundlagen des Rechnungswesens wiederholt werden konnten. Ich war präsent und habe zumindest versucht, Regeln durchzusetzen und trotzdem habe ich langsam die Erkenntnis, dass nicht alle das Schuljahr schaffen werden (darunter auch Wiederholer, für die die Schule dann bei uns aufgrund der Höchstverweildauer in dem Bildungsgang endet). Mich ärgert das. Ich gebe nicht gerne schlechte Noten. Ich sehe Menschen nicht gerne zu, wenn sie "vor die Wand laufen" oder irgendwie im schulischen Sinn "versagen".

Auf der anderen Seite habe ich das Gefühl, an meine persönlichen Grenzen zu stoßen zwischen allen Gesprächen, Konferenzen etc. In meiner Klasse habe ich mal gesagt, dass es erst ernst wird, wenn ich mich nicht mehr aufrege (weil dann irgendwann der Punkt überschritten ist, an dem man das Schuljahr noch retten kann). Jetzt ist noch etwas Zeit, aber mit Feiertagen, Praktikum etc. ist offensichtlich, dass nicht mehr viel Zeit ist. Warum werdet ihr nicht endlich wach?

Mal Klartext: Ich war weit entfernt davon, Musterschüler zu sein. In der Mittelstufe haben die Lehrer unsere Klasse gehasst. Es soll heulende Exemplare gegeben haben (und als Schüler findet man das nicht einmal besonders schlimm.) In der Oberstufe kamen andere Probleme hinzu. Liebeskummer in jeder erdenklichen Form. Mit 17 hatte ich meinen ersten wirklich ernsthaften Freund (mit dem ich dann 14 Jahre zusammen war (aber auch das ist eine andere Geschichte)). Worauf ich hinaus will: Schule war auch für uns damals denkbar unwichtig. Sie war nett, weil man dort die Menschen getroffen hat, die einem wichtig waren, aber nur ganz selten wegen der Inhalte (Mathe, Bio habe ich gerne gemacht, den Rest eher gezwungen). Meist ist man hingegangen, oft auch nicht und gelegentlich ist man beim Blaumachen erwischt worden (weil auch Lehrer mal in die Stadt gehen). Mein Abitur war mittelmäßig (2,8). Außer für Mathe habe ich nicht dafür gelernt und für Mathe auch nur, weil ich im Vergleich zu meinem Freund nicht schlechter sein wollte. Ich hatte eine vage Idee, was ich werden wollte (damals war das Fotografin, weil ich dafür wohl etwas Talent hatte und freie Zeit im Fotolabor verbrachte). Aber Schule lief halt nebenher (Reiten war ich schließlich auch noch und Hausaufgaben habe ich oft im Stall mal kurz erledigt, Latein abgeschrieben usw.)

Aber irgendetwas war eben doch anders. Ich glaube gar nicht, dass wir so viel schlauer waren, aber wir haben das System "Schule" genug durchschaut, um zu erkennen, wo wir aufpassen, wo wir lernen mussten und wo wir es lassen konnten.

Dann komme ich zurück zur heutigen Zeit: Die Schüler sind nicht dümmer, schlechter etc. Davon bin ich überzeugt. Aber die Erkenntnis, dass man irgendwann Verantwortung für sein Leben übernehmen muss, kommt m.E. manchmal zu spät an. Für mich geht es essentiell genau darum. Die Chancen zu sehen und zu nutzen, die man hat. Die Freiräume auszufüllen. Eigene Interessen zu verwirklichen. Nicht nur auf Anweisung zu handeln (der Ordnungsdienst klappt übrigens super, also alles mit klarer Handlungsoption und solange jemand "mit der Peitsche" dahinter steht).

Im Moment ist mir noch nicht wirklich klar, was mir noch an Möglichkeiten bleibt, um ihnen bei der Erkenntnis zu helfen....

Zur Person: Birgit Rydlewski, 41 Jahre alt, Lehrerin für Wirtschaftswissenschaften und Deutsch am Richard-von-Weizsäcker-Berufskolleg in Dülmen/Lüdinghausen, digital immigrant, politisch engagiert.

Wider das gegliederte Schulsystem

Posted by Bastian • Tuesday, April 12. 2011 • Category: Aktuell: , We Don't Need No Education
Nach ein paar Tweets hin und her habe ich mich nun doch entschlossen, kurz über das Thema zu bloggen.

Aufhänger waren unter anderem der Blogbeitrag von @ciffi (mit der Auffassung, das Schulsystem sei undemokratisch) sowie die Ausführungen von BigArne (als Verfechter eines gegliederten Schulsystems).

Meine Meinung wird in der Überschrift schon deutlich: Ich bin strikter Gegner eines gegliederten Schulsystems. @BigArne führt aus, dass er individuelle Förderung aber befürwortet. Individuelle Förderung halte ich auch für unabdingbar, allerdings behebt das m.E. nicht das grundsätzliche Problem der frühen Selektion.

Was macht das mit Kindern, wenn man ihnen im Alter von ca. 10 Jahren sagt, sie seien nicht gut genug (für das Gymnasium)?

Ich behaupte, dass ich unterschiedliche Schülertypen einschätzen kann. Ich unterrichte Hauptschüler, Realschüler, Gymnasiasten in unterschiedlichen Bildungsgängen am Berufskolleg (mit Schwerpunkt Wirtschaft und Verwaltung). Ja, es gibt Unterschiede, aber weit weniger als man als Laie landläufig meint. Studien (auch die bekannte Pisastudie) zeigen, dass die Unterschiede zwischen guten Hauptschülern und schlechten Gymnasiasten marginal sind. Es ist nicht der Intellekt, der sie unterscheidet, aber wenn sie mit ca. 16 bei uns landen, ist es die Geisteshaltung, die Einstellung zum Lernen, die manchmal unterschiedlich ist (aber auch da gibt es Überschneidungen). Ich habe Hauptschüler, die fleißig und intelligent sind und bei denen ich nicht sagen könnte, warum jemand mal befunden hat, diese Schüler dürften nicht aufs Gymnasium.

Es ist aber vor allem ein Unterschied im Selbstbewusstsein zu erkennen.

Zu Anfang eines Kurses lasse ich Schüler gerne 10 Eigenschaften aufschreiben, die sie an sich mögen/gut finden. Die Hauptschüler ziehen solche Aufgaben eher mal ins Lächerliche, aber vor allem deshalb, weil es ihnen sehr schwer fällt. Sie haben gelernt, Kritik zu hören. Sie haben sich daran gewöhnt, die Versager der Gesellschaft zu sein. Sie haben gelernt, zu "posen". Aber letztendlich fehlt ihnen der Glaube daran, etwas an ihrer Situation verändern zu können (erlernte Hilflosigkeit).

Wenn man sie fragt, warum sie glauben, dass sie nicht auf einem Gymnasium gelandet sind, antworten sie, dass sie zu faul, nicht schlau genug seien.
Rein objektiv stimmt das schlicht nicht, aber sie haben das gefressen und verinnerlicht.

Es geht um Anerkennung. Schüler frühzeitig auf unterschiedliche Schulformen aufzuteilen, wird zu einer self-fulfilling-prophecy, führt zu Frustration, Aggression, im schlimmsten Fall zu Resignation und Depression.

Ich gebe den Traum mit einer Schule für alle nicht auf. Ich möchte Schulen, in denen Schüler mit unterschiedlichsten Talenten zusammen und voneinander lernen können. Das muss selbstverständlich auch für Schüler mit Beeinträchtigungen gelten. Wie viel könnte meine jetzige Klasse Höhere Handelsschule davon profitieren, wenn z.B. ein blinder Schüler oder eine gehörlose Schülerin Teil der Klasse wären? Ich möchte flexiblen, respektvollen Umgang fördern, unabhängig davon, wer wo Stärken und wer wo Schwächen hat. An meine Schüler glaube ich an der Stelle, nur die Gesellschaft scheint ein solches System nicht für möglich zu halten.

Ich möchte Schulen (als Vorbild sehe ich unsere holländische Partnerschule), die projektorientierter arbeiten. In der jeder Schüler das Gefühl hat, so angenommen zu werden, wie er ist. In der Schüler sich finden und verwirklichen können. In der Schüler Spaß an Schule, Spaß am Lernen haben. Nicht jeder muss Studieren, nicht jeder muss Abitur machen, aber jeder soll eine aufrichtige Chance dazu haben, die wir heute, mit einem selektiven System verwehren.

Die verzweifelten Versuche, ein mehrgliedriges System aufrecht zu halten und stattdessen ein wenig Geld hier, ein wenig mehr Personal da zu fordern, sehe ich sehr skeptisch. Ich sehe da die Angst um die "heilige Kuh" Gymnasium und die Angst, die eigenen Kinder müssten gar mit den "Schmuddelkindern" zusammen lernen. Für mich hat das was von Doppelmoral. Ein paar schöne Stichworte ("individuelle Förderung") werden den toten Gaul Schulsystem nicht retten.

Den Preis, den wir in Kauf nehmen, sind Schüler, die in Hartz IV und Maßnahmen enden, weil sie aufgehört haben, an sich zu glauben.

Ja. Es wird Geld und Mittel und Lehrer brauchen, die das tragen können, aber ich bin für meine zukünftigen Schüler bereit, dafür zu kämpfen. Es wird Diskussionen brauchen und Politiker, die sich zutrauen, das zu verändern. Und je länger wir warten, desto mehr und mehr Schüler gehen unter in unserem System.

Lernen durch Lehren - Fazit aus dieser Reihe zum Thema "Kaufvertrag und Kaufvertragsstörungen"

Posted by Bastian • Friday, April 8. 2011 • Category: Aktuell: , We Don't Need No Education
"Was man lernen muß, um es zu tun, das lernt man, indem man es tut." – Aristoteles 

Abschlussbesprechung mit den Gruppen:

Gespannt war ich, wie offen die Schüler Kritikpunkte ansprechen. Sind die Gruppen schon so weit, offen über Probleme zu sprechen?

Aufgabe war: Unterrichtsstunde konzipieren und durchführen, Test dazu mit Korrektur und Besprechung als Vorbereitung auf die dann von mir gestellte Klausur 

Die Gruppenmitglieder waren in allen Gruppen eher vorsichtig hinsichtlich des Kommunizierens von Problemen innerhalb der eigenen Gruppe. Probleme bei den Unterrichtsstunden wurden aber ansonsten gut erkannt. Einige hatten die recht lange Vorbereitungszeit zunächst nicht gut genug genutzt (sondern sich mit unterrichtsfremden Themen beschäftigt) und am Ende wurde dann zum Termin hin die Zeit doch knapp. (Erläuterung: Wir haben aufgrund der neuen Herangehensweise und den komplexen Themen ca. 8 Wochen (mit ca. 3-4 Stunden pro Woche) an der Vorbereitung der Stunden gearbeitet)

Ich für meinen Teil bin der Meinung, dass es durchaus bei einigen Gruppen/Stunden Probleme gab, wobei ich die konzeptionellen Probleme weniger stark gewichtet habe als die offenkundig vorhandenen sachlichen Fehler in einigen Präsentationen/Aufgaben. Ich erwarte hier von Schülern, die einen Abschluss anstreben, der zum Studieren berechtigt (FHR), dass sie in der Lage sind, einen Themenbereich selbstständig weitgehend fehlerfrei aufzubereiten.

Wie haben die Schüler die Reihe empfunden?

Offensichtlich war dies das erste Mal bei nahezu allen Schülern, dass sie so frei an einem Thema gearbeitet haben. (Ich frage mich an der Stelle alle Jahre wieder, was eigentlich die Sek. I-Schulen machen. Gerne würde ich mal mit Lehrern aus den Zubringerschulen in unserem Kreis ins Gespräch kommen. Gar nicht in einer nur kritischen Form, aber um z.B. Anforderungen abzugleichen. Es ist für Schüler auch sehr frustrierend, wenn sie mit verhältnismäßig guten Noten bei uns ankommen und dann scheitern.)

Die meisten Gruppen sind aber eher in ihrer Zeitplanung unsicher gewesen, nicht so beim eigentlichen Inhalt. Da gab es nur bei zwei (von sieben) Gruppen Probleme. Überhaupt wurde das Gefühl "Unsicherheit" mehrfach genannt, aber diesen Punkt hatte ich in meinem Einstieg zur Reihe bereits als möglichen Faktor angesprochen.

Mehrere Gruppen fanden die Freiheit gut, mit der sie arbeiten und planen konnten. Die Problematik, aus einem großen Umfang von Material das für die Gruppe/Klasse passende auszuwählen, viel einigen Gruppen schwer. Es ist aber auch nur bei wenigen Gruppen versucht worden, über das vorhandene, von mir organisierte Material hinaus, eigene Rechercheergebnisse hinzuzufügen. Einige Schüler gaben zu, am Anfang sehr skeptisch gewesen zu sein. Sie waren dann überrascht, dass die Ergebnisse doch recht gut geworden sind (z.B. haben kaum Schüler gefehlt, wenn sie ihre Unterrichtsstunde halten sollten. Ich habe also das Gefühl, dass sie sich der großen Verantwortung auch gegenüber ihren Mitschülern sehr bewusst waren.) Es wurde zudem als Vorteil empfunden, dass man das eigene Thema wirklich sehr gut konnte für die Klausur.Ebenso wurde angesprochen, dass man durch die selbstständige Arbeit weniger abhängig vom Lehrer ist/Wird und Aspekte mehr hinterfragt, was man sonst im normalen Unterricht nicht tun würde. 

Die Klausur über diesen Teil ist zumindest deutlich besser ausgefallen als die davor geschriebene. Allerdings kommen hierfür als Grund mehrere Faktoren in Betracht: Der zweite Teil war eine große Rechnungswesenaufgabe. Hier haben wir einige Wochen investiert, um die Grundlagen nochmal zu wiederholen. Dies hat bei einigen Schülern zu Verbesserungen geführt. Außerdem ist es aufgrund diverser Gespräche und pädagogischer Maßnahmen m.E. insgesamt zu einer Verbesserung der Arbeitsatmosphäre und der Arbeitseinstellung gekommen. 

Eine Klausur über den zweiten Teil steht noch nach den Osterferien an. Die hierzu als Übung dienenden Tests sind von den Schülern noch nicht abschließend korrigiert und werden erst am Montag zurückgegeben und besprochen.

Die nun schon begonnene neue Unterrichtsreihe (zum Bereich "Marketing") baut auf den jetzt erworbenen Fähigkeiten auf, Sachgebiete selbstständig zu erarbeiten. Allerdings wird hier der Hauptaspekt auf der kreativen Gestaltung und Präsentation liegen. Die Schüler sollen anhand eines selbstgewählten fiktiven Produktes ein Marketingkonzept im Wettbewerb gegeneinander entwickeln, welches alle gängigen Bereiche des Marketings abdecken soll. Hierfür müssen die theoretischen Grundlagen erarbeitet werden. Darüber hinaus wird aber der Bereich gefördert, der in der Reihe mittels LdL zum Kaufvertrag eher vernachlässigt worden war und auch noch nicht so gut umgesetzt wurde: Das kreative Präsentieren/Visualisieren. 

Wir hatten viele Probleme in der Klasse, was z.B. die Geisteshaltung und Einstellung zum Lernen angeht. Ich bin deshalb sehr stolz auf meine Klasse, weil sich die Schülerinnen und Schüler mit einem komplexen Themenbereich erfolgreich selbstständig auseinandergesetzt haben.


Zur Person: Birgit Rydlewski, 41 Jahre alt, Lehrerin für Wirtschaftswissenschaften und Deutsch am Richard-von-Weizsäcker-Berufskolleg in Dülmen/Lüdinghausen, digital immigrant, politisch engagiert.

"Beamte streiken heimlich"

Posted by Bastian • Wednesday, April 6. 2011 • Category: Aktuell: , We Don't Need No Education
Angesichts meines "Personalentwicklungsgesprächs" habe ich mir ein paar Gedanken über meine Einstellung zu meiner möglichen Karriere und dem Beamtentum im Allgemeinen gemacht:


Fehlende Flexibilität 


Aufgaben, einmal verteilt, hat man für längere Zeit, wenn nicht gar für immer.


Mir erschließt sich der Sinn nicht. Ich glaube daran, dass Menschen vor allem dann gute Arbeit machen, wenn ihnen etwas Freude bereitet. Vielleicht ändern sich Bedingungen, vielleicht ändert sich die private Lebenssituation, man wird älter etc. Warum also nicht Aufgaben nur für eine Zeit verteilen? Warum nicht Aufgaben an Zulagen koppeln oder an Entlastung und nicht an Gehaltsstufen? 


Theoretisch und auch praktisch hat man derzeit die Situation, dass Menschen auf Stellen sitzen, in denen sie gar nicht mehr aufgehen. Im schlimmsten Fall baden das Schüler aus, im etwas weniger schlimmen Fall die Kollegen, die dann stattdessen die Aufgaben erledigen. 


Lehrerarbeitszeit


Keine Landesregierung traut sich da ran. (Auch kaum eine Schule, denn auch Schulen können selbstständig Modelle für ihr Kollegium entwickeln). Da scheint es viel Angst vor neuem Unmut, gar vor Rebellion, zu geben. Bloß nicht über Probleme sprechen, dann merkt es vielleicht keiner, scheint die Devise. 


Aufgaben/Belastung werden/wird nie wirklich gerecht verteilt werden. Das ist nicht nur in Schulen ein Problem. Wenn aber die Ungleichverteilung so deutlich wird, dass Unmut aufkommt oder im Gegenzug Resignation, dann läuft etwas falsch. (Wenn wir ehrlich sind, ist in Deutschland von Seiten der Lehrer keine große Revolution zu erwarten. Da sind einzelne Menschen, die es satt haben, aber in Summe erscheint mir die Masse so, dass sie froh sind, wenn alles so bleibt, wie es ist, nicht nur bei Arbeitszeitmodellen, auch bei anderen Veränderungen.)


Ich will nicht nörgeln. Ich freue mich über die Vielfalt meiner sechs Fächer (BWL, VWL, Rewe, Deutsch, Mathe,  Politik) in drei Bildungsgängen (Handelsschule, Höhere Handelsschule, Gymnasiale Oberstufe) an zwei Schulorten. Auch die Zusatzaufgaben (Admin Intranet, Beratungslehrerin, Kriseninterventionsteam) mache ich freiwillig, weil ich sie für sinnvoll und wichtig halte. Es gibt aber keine Entlastung dafür. Das ist alles zusätzlich zum normalen Alltag. (Es gibt aber immerhin eine Entlastung für Korrekturbelastung für das Fach Deutsch.)


Und so mag man mir nachsehen, wenn ich mich daran störe, dass es immer auch Kollegen gibt, die offensichtlich eine sehr ruhige Kugel schieben. Meine Möglichkeiten sind da gering. Als kleiner Lehrer (ich befinde mich da derzeit in der Einstiegsstufe vom Gehalt und vom "Ranking") kann man sich ärgern und dem aus dem Weg gehen. Genau bis zu dem Moment, wo ich in direkte Konfrontation einbezogen werde, sei es als Beratungslehrerin, weil Schülerin A ein Problem damit hat, dass Lehrer B sie beleidigt oder weil Kollegin C zu mir kommt, weil ich ja für irgendeine Aufgabe zuständig sei (die sie auch locker selbst erledigen könnte). 


Es ist aber an der Stelle -und nun komme ich zum Beamtenrecht zurück- auch vermutlich als Abteilungsleiter und Schulleiter so, dass man quasi doch nur sehr wenig machen kann, wenn jemand seinen Aufgaben wirklich nicht nachkommt oder gar ausfällig wird. 


Ich bin froh, dass ich Beamtin bin, vor allem, weil ich mit meiner Augenerkrankung weitgehend Schutz erwarten kann, selbst wenn es schlimmer werden sollte. Trotzdem hoffe ich, dass ich gegen alle Widrigkeiten auch mit einer möglichen anstehenden Beförderung nicht "käuflich" werde. (Diplomatischer soll ich werden beim Äußern von Kritik und mich besser ins System eingliedern.)


Ich hoffe sogar darüber hinaus, dass ich den Mut habe, auszusteigen, falls ich meinen Ansprüchen an die Arbeit nicht mehr gerecht werde. Falls ich keinen Spaß mehr habe, an dem was ich tue. Falls ich meinen Humor verliere. Oder falls es mir keine Freude mehr bereitet, mit Schüler, Kollegen und anderen Menschen eine Idee weiterzuentwickeln.
Zur Person: Birgit Rydlewski, 41 Jahre alt, Lehrerin für Wirtschaftswissenschaften und Deutsch am Richard-von-Weizsäcker-Berufskolleg in Dülmen/Lüdinghausen, digital immigrant, politisch engagiert.

Ein Intranet für unsere Schule

Posted by Bastian • Tuesday, March 22. 2011 • Category: Aktuell: , We Don't Need No Education

Weiß hier die rechte Hand eigentlich, was die linke tut?

Meine erste Schule, damals nach dem Referendariat, 2003.
Über 3.000 Schüler, drei Schulstandorte, ca. 160 Lehrer, diverse Bildungsgänge, Abteilungen, noch mehr Teams, Konferenzen. Wer hat hier eigentlich den Überblick? Die räumliche Distanz, aber auch das Chaos eines normalen Schultages (unter Umständen noch mit Fahrten zwischen den Standorten) zeigten mir bereits deutlich, dass digitale Vernetzung von Vorteil sein könnte.

Ich geriet weiterhin -weitgehend ohne mein Dazutun- in eine Fortbildung über Netzwerke in Schulen (der genaue Titel ist mir glatt entfallen).  Hieraus entstanden im „Intranet-Team“ die ersten Ideen, was eine Plattform für die Schule können soll. Wen müssen wir überzeugen? Mit wem muss man reden? Wer bezahlt das? Was darf es kosten? Wer entwickelt das?  Welche Anforderungen haben Kollegen/Schüler? Wie viel Zeit wird es brauchen? Für uns, aber auch in der Gesamtimplementierung. Einfach war: Der Informationsfluss sollte verbessert werden zwischen den Kollegen an den unterschiedlichen Schulstandorten. Zu viele Informationen gingen unter im Chaos der Fächer oder an den Pinnwänden. Der immense Kopierbedarf sollte verringert werden. Schwierig in der Praxis: Die Umsetzung hat letztendlich Jahre gedauert. Aber das, was wir heute als Lernplattform, Informationsbrett usw. benutzen, ist m.E. in den Jahren der Überarbeitung richtig gut geworden.

Jetzt aber mal ein wenig praktischer. Hier landet man, wenn man sich anmelden will:




Um einen Überblick zu behalten, haben wir folgende Namenskonventionen: Lehrer melden sich an mit nachname,  Schüler melden sich an mit nachname_vorname. Wir bestehen also auf Klarnamen, aber seien wir ehrlich: Im Beruf nennt sich vermutlich auch niemand „Wilder Hengst 24“. Es wäre ansonsten für die Administratoren fast unmöglich, Zuordnungen vornehmen zu können und Zugriffsrechte zu vergeben. Aber bremst dies Schüler auch aus? Im Positiven (weil es keine typischen Mobbingbereiche gibt; keine Freiräume, anonym zu handeln) oder eher im Negativen (weil es die Entfaltung beschränkt, weil man sich überwacht fühlt)? In unserem Intranet werden unterschiedliche Bereiche angeboten. Ein gemeinsamer Bereich für Schüler und Lehrer („Schule“). Hier können Stellenanzeigen, Termine für alle, Informationen etc. abgelegt werden.




Für die Lehrer auch sehr wichtig: Das „Lehrerzimmer mit allem, was eine Pinnwand im Lehrerzimmer gewöhnlich bietet. Weiterhin gibt es Teamräume/Fachgruppenräume für Lehrer und/oder Schüler, Klassenräume für Kurse/Klassen etc. Ein ganzer Teil unseres Schullebens lässt sich dadurch vereinfachen. Einladungen für Konferenzen werden dort veröffentlicht, man kann auf der Plattform nach Stichworten suchen (und hoffentlich das Protokoll der Konferenz finden). Der Kalender bietet eine Gesamtübersicht aller Termine. Handouts für Referate müssen nicht mehr für alle kopiert werden, sondern können einfach von den Präsentierenden im Raum der Klasse eingestellt werden. Zur Abschlussprüfung stehen viele Informationen/Arbeitsblätter/Hausaufgaben/Linksammlungen einfach zur Verfügung. Der Nutzungsgrad ist dabei sowohl vom Interesse und Engagement der betreuenden Lehrkraft abhängig, aber natürlich auch davon, wie viele Informationen die Schüler von sich aus einstellen.

So sieht beispielsweise ein Teil eines Klassenraums aus (hier am Beispiel meines Deutsch Leistungskurses):




Außer der Unterteilung in diverse Ordnerstrukturen gibt es die Möglichkeit, Chats und ein Forum pro Raum einzurichten. Hier können Hausaufgaben, mögliche Klassenausflüge etc. diskutiert werden.




Ich liebe die Gruppenmailfunktion. Da alle Schüler meiner Kurse mit Mail angemeldet sind, kann man mit wenig Aufwand ganze Kurse per Mail erreichen.
Hier ein weiteres Beispiel aus meiner eigenen Klasse. In der sehr selbstgesteuerten Unterrichtsreihe zum „Kaufvertrag“ finden die Schüler in diesem Bereich ihre Gruppeneinteilung, Hinweise zum Arbeiten, einen Link zu den beliebten „Etherpads“, die Termine, wann welche Gruppe mit welchem Teilbereich ihre Unterrichtsstunde halten wird und den Link zu meinen Blogbeiträgen über diese Unterrichtsreihe.





Eine Plattform ist nur so gut wie ihre Anwender

Die ganz großen Schwierigkeiten sind bis heute geblieben. Es geht um Akzeptanz und um verlässliche Informationen. Das funktioniert aber eben nur, wenn die zuständigen Kollegen/Abteilungsleiter usw. die im Intranet veröffentlichten Inhalte aktuell halten, überprüfen, Abgelaufenes löschen, Wichtiges ergänzen, Termine lückenlos sind. Es geht um Zuverlässigkeit. Je mehr sich Kollegen darauf verlassen, dass z.B. keine Termine fehlen, desto mehr müssen alle darauf achten, dass neue Informationen, Terminverschiebungen, Raumänderungen etc.  kommuniziert werden. Eine recht breite Akzeptanz haben wir vor allem durch viele Schulungen erreicht, die wir angeboten haben. Nicht jedem Kollegen ist intuitiv klar, wie man Artikel hinzufügt, Dateien hochlädt etc. Schülern unterstelle ich zunächst einmal, dass sie viele Anwendungsmöglichkeiten schneller begreifen. Man sieht aber auch gelegentlich Probleme bei der Akzeptanz von Schülerseite. Das hatte ich so zu Beginn nicht erwartet. Eine Plattform der Schule ist halt nicht Facebook oder Schüler-VZ. Die Motivation, sich dort hineinzudenken, sich einzubringen, ein Profil zu gestalten, Links einzustellen und aktive gestaltend tätig zu werden, ist deutlich geringer als bei Netzwerken, die man in der Freizeit nutzt.
Warum ist das so? Hier erscheint langfristig eine Evaluation notwendig.

Ich wünsche mir zwar Ernsthaftigkeit, aber auch durchaus mehr Mut, selber Inhalte beizusteuern.  Die Wiki-Funktion wird kaum genutzt, auch Foren eher selten. Es gibt kaum Profile mit Bildern. Privates wird hier scheinbar ungern mit dem Schulalltag vermischt. Die Teilnahme an einem Schulintranet basiert eben nicht auf Freiwilligkeit, so wie das bei privat genutzten Angeboten im Bereich „social media“ der Fall ist, sondern die Schüler empfinden sich eventuell als Teil einer „Zwangsgemeinschaft“, sowohl in der Schule, der Klasse, aber eben auch im Intranet. In meiner Idealvorstellung wäre der Übergang nicht so hart und deutlich. Kann Schule nicht selbstverständlicher Teil des gesamten Lebens sein und damit Teil eines Gesamtprozesses lebenslangen Lernens?

Für die Technikfreaks:
Das steckt dahinter:




Vermutlich hätten wir auch in der Schule Kompetenz genug, um die Plattform selber zu betreiben. Allerdings ist dies sehr aufwändig, so dass wir den Auftrag außerhalb vergeben haben.  Damit haben wir ein Unternehmen, was uns als Ansprechpartner bei technischen Neuerungen, Problemen etc. zur Verfügung steht.


Zur Person: Birgit Rydlewski, 41 Jahre alt, Lehrerin für Wirtschaftswissenschaften und Deutsch am Richard-von-Weizsäcker-Berufskolleg in Dülmen/Lüdinghausen, digital immigrant, politisch engagiert. Kontakt über: rydlewski@gmx.net Telefon: 0177 7792284

Zur Schule: Richard-von-Weizsäcker-Berufskolleg, zwei große Schulstandorte in Lüdinghausen und Dülmen (plus angemietete Räume in einem Schulgebäude in der Nähe), Bildungsangebote in den Bereichen „Wirtschaft und Verwaltung“, „Ernährung und Hauswirtschaft“, „Sozial- und Gesundheitswesen“, „Technik und Agrarwirtschaft“ für Schüler ohne Abschluss bis zum Abiturienten oder Berufsschüler, Europaschule.