Gedankenstücke

(m)ein Leben durch den Sucher

Umgang mit schwierigen Schülerinnen und Schülern

Posted by Bastian • Wednesday, February 22. 2012 • Category: Aktuell: , We Don't Need No Education
Referentin des Workshops: Frau Räbiger-Helmerich, Pädagogisches Institut der evangelischen Kirche in Villigst

Das Oberthema des diesjährigen pädagogischen Tages ist "Lehrergesundheit".

Ich gestehe, bei pädagogischen Tagen bin ich manchmal durchaus skeptisch. Bei Referenten kann man Glück oder Pech haben. In diesem Jahr haben wir richtig Glück. Ich finde, dass die Betreuerin des Workshops tolle Ideen eingebracht hat in die Gruppe.

Der Workshop lässt mich trotzdem bisher ein wenig unsicher zurück. Ich habe viele Anregungen bekommen und werde mal versuchen, diese hier etwas zu sortieren. Das ist kein Widerspruch. Gute Seminare wirken bei mir nach.

Leider fing es gleich etwas doof an. Ich habe auf dem iPad etwas mitgeschrieben und daraufhin hat sich eine von mir sehr geschätzte Kollegin weggesetzt mit der Bemerkung, sie würde das als unhöflich ansehen gegenüber der Referentin. Mich hat das trauig gemacht, dass meine Arbeit so wirkt. Für mich ist das iPad täglicher Begleiter meiner eigenen Lernprozesse geworden und für mich ist es selbstverständlich, dass ich Anmerkungen dort notiere, erweitere, für mich durchkaue. Ich war kurz in Versuchung, das Pad wegzulegen, um dann herkömmlich auf Papier mitzuschreiben. Ich bin aber schneller am Pad und kann mir Teile auch schöner und einfacher gliedern. Insofern habe ich an der Stelle die empfundene Ausgrenzung in Kauf genommen. Ein blödes Gefühl bleibt trotzdem.

Als Einstieg sollten alle Kollegen des Workshops (passend zu Karneval) ihre zum Thema "schwierige Schüler" passende Verkleidung beschreiben. Da waren ganz großartige Ideen bei. Mir hat gefallen, dass bei fast allen Kollegen sehr viel Wertschätzung gegenüber Schülern zu erkennen war und das Bedürfnis, Schüler wirklich verstehen zu wollen. Ich habe mal wieder den Rebell gemacht;-) Bunte Haare habe ich ohnehin derzeit. Mein Grund dafür ist, dass ich die These einbringen wollte, dass eventuell Schüler nur deshalb "schwierig" sind, weil das, was wir in Schule machen, nicht mehr zu ihrer Lebenswirklichkeit passt. (Leider gab es darauf von einem Kollegen eine ironische, abwertende Bemerkung, die mich etwas getroffen hat. Kann man wohl nicht ändern...)

In der Einzelarbeit sollten wir dann zunächst Situationen identifizieren, in denen wir uns über Schüler geärgert haben. "Wann geht Ihnen denn so im Alltag der Hut hoch? Wann und worüber ärgern Sie sich? Wann ärgern Sie sich über sich selbst?"

Ich ärgere mich zum Beispiel, wenn Schüler achtlos mit Inventar der Schule umgehen.
Ich ärgere mich, wenn es sehr laut ist in der Klasse (so dass es mich belastet).
Manchmal ärgere ich mich, wenn Schüler bei Vorträgen andere Sachen machen, reden (und erkenne mich darin dann selber wieder;-)

Wenn ich länger darüber nachdenke, ärgere ich mich eigentlich sehr wenig über Schüler. Meist ärgern mich eher Rahmenbedingungen, z.B. Terminstress, Ärger mit Kollegen, defekte Technik etc.

Beispiele von anderen Kollegen aus dem Plenum: Ärger über Notenfeilscherei, dass Ratschläge nicht angenommen werden, Schüler, die zu spät kommen, Ausredenkultur.

Wir haben dann versucht, die dahinter liegenden Urteile zu formulieren, z.B. dass man Schüler als faul wahrnimmt oder als gleichgültig oder als Macho.

Als weiterer Schritt wurden die Bedürfnisse von Lehrern thematisiert: Bedürfnis nach Respekt/Wertschätzung wurde sehr häufig genannt, mehr Gelassenheit, mehr Zeit für individuelle Betreuung, bessere Rahmenbedingungen, aber auch: Spaß haben!

Supervision geht davon aus, dass die Lösung von alleine kommt, wenn man identifizieren kann, welche Gefühle verletzt werden und welche Bedürfnisse man hat. Unsere Ansprüche seien hausgemacht. Ich empfinde das als guten Ansatz.

Mir ist es aber an der Stelle schwergefallen, in einem Wort meine Bedürfnisse oder mein dringendstes Bedürfnis zu formulieren. Mir geht es meist nicht um Autorität oder Angst vor Kontrollverlust. Vielleicht geht es wirklich darum, dass ich etwas "Sinnvolles" tun möchte. (Wir erinnern uns an das Video über Motivation). Für mich ist meine Arbeit sinnvoll, wenn ich Schülern Begleiter sein kann in ihrem Lernprozess. Ich möchte mehr Tutor sein. Natürlich möchte ich auch Anerkennung, aber am liebsten deshalb, weil ich "etwas kann", nicht nur aufgrund der Position als Lehrer. Ich möchte Schüler als Individuen wahrnehmen und die Freiräume haben, mit ihnen zusammen ihre Stärken wahrzunehmen und gemeinsam Weiterentwicklung zu fördern. Das beinhaltet auch meine eigene Weiterentwicklung und die Bereitschaft, von Schülern lernen zu wollen.

Im zweiten Teil des Workshops wurden die "vier Sozialtypen sozialer Kompetenz" behandelt: Durchsetzungsverhalten, Beziehungsverhalten, Regeln aushandeln, um Sympathie werben. (Erläuterung zum Beispiel hier).
Jeder Lehrer/Mensch handelt zunächst nach Mustern, die ihm liegen bei der Bewältigung von Problemen. Es ist aber durchaus sinnvoll, von seinen präferierten Verhaltensweisen abzuweichen, um bessere Resultate zu erzielen. Hierfür haben wir uns zunächst in Gruppen ausgetauscht, die ein ähnliches Verhalten präferieren, um uns später zu den Bereichen vorzuarbeiten, die uns eher schwer fallen. Für mich kann ich sagen, dass ich Beziehungsverhalten präferiere, also in Konflikten zunächst versuche, an der Verbesserung der Beziehung zu arbeiten, zum Beispiel durch Äußerung von Gefühlen, Bedürfnissen und Wünschen. Im Schulalltag passiert es mir aber durchaus, dass ich stattdessen aufgrund von Stress etc. Durchsetzungsverhalten als erste Option anwende, also autoritär auftrete. Es ist gar nicht so, dass ich dies als wirklich beste Lösung wahrnehme, aber manchmal fehlt mir die Geduld, auftretende Konflikte bis ins Detail zu diskutieren. Grenzen zu ziehen, gehört eben auch zum Lehrerberuf. "Um Sympathie werben" klingt für mich negativ, so wie anbiedern. Eigentlich ist damit aber gemeint, dass man zu anderen Menschen Beziehungen aufbaut und vertieft, so dass dieser etwas freiwillig tut (was ich möchte). Ich sehe da Grenzen zur Manipulation und bin diesbezüglich eher skeptisch vor allem bei diesem Punkt. Als vierter Punkt gilt es "Regeln" auszuhandeln.

Fazit: Wenn ich manchmal den Umgang von Lehrern untereinander sehe, müssen wir eher dort beginnen, bevor wir von Schülern erwarten, dass sie mit uns wertschätzend umgehen. Respekt ist nicht mehr etwas, was man aufgrund des Berufes automatisch geschenkt bekommt. Auch Lehrer müssen heute daran arbeiten. Ich ende aber mit einem positiven Punkt: In meinem Kollegium sind ganz viele Menschen mit ganz vielen unterschiedlichen Talenten. Wir haben vermutlich viele Lösungen längst in greifbarer Nähe, nutzen aber nicht die Stärken, die alle diese Menschen mitbringen. Sei es aus Zeitmangel oder weil wir im Alltag das alles gar nicht sehen. Ich bin also durchaus froh über diesen pädagogischen Tag, der mir dies wieder ein wenig vor Augen geführt hat..
Zur Autorin: Birgit Rydlewski, 42 Jahre alt, Lehrerin für Wirtschaftswissenschaften und Deutsch am Richard-von-Weizsäcker-Berufskolleg in Dülmen/Lüdinghausen, digital immigrant, politisch engagiert.

Kandidatur?

Posted by Bastian • Friday, December 23. 2011 • Category: Aktuell: , We Don't Need No Education
Auf der Mailingliste der Piraten von NRW wird schon über Kandidatur für die nächste Landtags- und Bundestagswahl nachgedacht. Ok. Das ist noch eine Weile hin, aber ich denke natürlich auch mal darüber nach, ob ich mir eine Kandidatur vorstellen könnte. Nach der Tätigkeit als 1. Vorsitzende bis Januar 2010 war ich wirklich froh, mit Piraten nichts mehr zu tun haben zu müssen. Die Anfeindungen können echt ganz schön übel sein. Ich habe keine Ahnung, ob das in anderen Parteien auch so ist. In kurzer Zeit habe ich mir durchaus ein paar Feinde gemacht. (Hintergrund: Eigentlich habe ich nur an der Stelle Position bezogen, als es um das zeitlich begrenzte Verbot der Gründung von Kreisverbänden ging. Das fand ich für eine Partei, die irgendetwas mit Freiheit machen will, unangemessen. Ich habe damals nichts gegen Crews gesagt. Es war nur meine Auffassung, dass ich den Gruppen vor Ort nicht vorschreiben wollte, wie sie sich zu organisieren haben. Offenbar hat das trotzdem dazu geführt, dass ich auf einmal zur Gruppe der KV-Leute gehörte und damit zum erklärten Feind der Crew-Befürworter.) Ich kann also gar nicht einschätzen, ob eine Kandidatur überhaupt Chancen hätte. Die Leute, die mich zu ihrem Feind erkoren hatten, wollten ja nicht reden, sondern lieber bashen via Twitter oder so. Bei solchen Auseinandersetzungen geht es selten wirklich um Argumente, sondern mehr um persönliches Angepimmel. Ich bin ziemlich sicher, dass ich an dieser Art Politik keinen Spaß habe. Überlässt man den Vollpfosten deshalb das Feld? Ich bin die, die voller Zweifel ist. Ständig. Das macht mich durchaus auch gut. Auf der anderen Seite macht es mich angreifbar. Ich kann nämlich durchaus drei Tage heulen wegen irgendwelcher Idioten, die anonym sexuelle Boshaftigkeiten in ein Pad schreiben (damals bei dem Bundesparteitag). Bin ich nicht deshalb schon untauglich für Politik? Zu dünnhäutig?

Ich habe bei meinen Überlegungen ein paar weitere Probleme.

Ich habe großartige Menschen im Bereich Bildung kennen gelernt. Ich habe die Möglichkeit gehabt, meinen Horizont zu erweitern und ich gehe davon aus, dass wir, um Bildung wirklich nach wissenschaftlichen Erkenntnissen zu verbessern, durchaus in der Politik ansetzen müssen. Das würde für eine Kandidatur sprechen.

Auf der anderen Seite darf man als Lehrer nicht gleichzeitig in der Politik (z.B. im Landtag) aktiv sein. Das wäre zeitlich wohl auch nicht möglich. Aber ich liebe meine Arbeit, zumal meine Schülerinnen und Schüler auch dafür sorgen, dass ich in jedem Fall auf dem Teppich bleibe. In der Vorstandszeit habe ich mich natürlich über gute Presse gefreut. Beinhaltet das aber nicht auch immer die Gefahr, sich von Medienpräsenz korrumpieren zu lassen? Ich will mich nicht verbiegen. Selbst wenn ich kandidiere, twittere ich immer noch aus der Badewanne. Ich mache nichts, weil "man das so macht" oder für die Wählbarkeit. Ein Journalist hat für die "Zeit" mal geschrieben, ich sei "erfrischend anders" und "entwaffnend ehrlich". Das will ich beibehalten.
Das habe ich auch als Lehrerin immer getan. Obwohl mir Professoren und Justitiare sagen, meine Tweets seien "justiziabel". Obwohl behauptet wird, Lehrer dürften wegen des Beamtenstatus nicht authentisch sein. Jedenfalls nur in gewissen Grenzen. Obwohl ich hätte längst Karriere in Schule machen können, wenn ich denn "systemkonformer" wäre. Es gibt Werte, die verkaufe ich nicht.

Eigentlich würde ich gerne beides machen. Lehrerin sein und Politik machen. Ich habe Schüler nie beeinflusst. Zumindest nicht bewusst. Aber einige wissen auch, dass ich mich politisch engagiere. Ich sehe da durchaus ein Dilemma. Auf der anderen Seite ist Politik immer zu weit weg von den Menschen, die sie betrifft. Es wird viel zu viel über Menschen entschieden statt mit ihnen. Meine Schüler sind meine Inspiration, weil sie an vielen Stellen ganz gleichberechtigt mit mir über Themen diskutieren können. Weil sie großartige Ideen haben. Weil sie tolle Reden halten und ansprechende Präsentationen machen können. Weil wir voneinander lernen können. Weil wir einander vertrauen und weil ich ihre Kritik ernst nehme. Ich würde die Politikerin sein wollen, die mit den Menschen redet, nicht über sie. Mir ist unklar, ob das Utopie ist....
Zur Autorin: Birgit Rydlewski, 41 Jahre alt, Lehrerin für Wirtschaftswissenschaften und Deutsch am Richard-von-Weizsäcker-Berufskolleg in Dülmen/Lüdinghausen, digital immigrant, politisch engagiert.

Mein Traum von Schule

Posted by Bastian • Tuesday, December 13. 2011 • Category: Aktuell: , We Don't Need No Education
Der Aufhänger für meine Gedanken auf der Autofahrt war eine Konferenz, wie sie ständig in irgendwelchen Schulen stattfindet. Der Wunsch nach mehr Druck, mehr Kontrolle, mehr Disziplin, mehr Handyverbot. Mich gruselt das zunehmend. Manchmal habe ich die Befürchtung, dass ich irgendwann durch den Austausch mit Menschen, die auch eine andere Schule denken können, für das staatliche Schulsystem mit all der Hierarchie und fehlenden Demokratie, mit all den Eingriffen in die individuellen Möglichkeiten schlicht unbrauchbar geworden sein könnte. Dabei sei gesagt, dass ich an einer "Vorzeigeschule" arbeite (was immer das heißen mag), mit finanziellen Mitteln, mit guter Ausstattung, mit einem Chef, der Projekte unterstützt, Europaschule usw. Trotzdem bin ich da noch so weit weg von dem, wie ich mir Schule im Idealfall vorstellen kann.

Ich weiß, man braucht Geld und Erlaubnis und Förderung usw., um eine Schule zu gründen, aber träumen wir doch einfach mal so vor uns hin...

Wie müsste meine Traumschule eigentlich sein? Was müsste sie leisten können? Wie müsste sie aussehen? Wie würden wir arbeiten/leben? Welche Kompetenzen würde sie vermitteln?

Nehmen wir doch einfach mal an, Motivation wird durch die in diesem (vermutlich allen bekannten) Video beschriebenen Aspekte ausgelöst und verstärkt: Autonomy, Mastery, Purpose.

Was bedeutet das für Schule? Wie viel Anteil des Tages können Schüler selbstorganisiert, selbstbestimmt lernen? (Die Antwort könnte uns schon in die erste Depression treiben.)
Welchen Sinn hat Schule für die meisten Schüler (über den Gedanken hinaus, dass es zumindest warm ist im Winter)?

So. Da stehen wir nun mit unserer Schule, die auf Menschenbild X aufbaut, statt Menschen zuzugestehen, dass sie sich verwirklichen wollen, dass sie wirksam sein wollen, dass sie sich verbessern wollen. Ich glaube an Menschenbild Y, aber wir setzen nichts davon um im Schulsystem.

Ich habe Schüler, die großartige Reden halten, die sich einsetzen für andere Menschen. Warum pressen wir diese in ein gängelndes System, anstatt ihnen bei der Verwirklichung ihrer Ideen beizustehen?

Wenn wir auf dieses Unternehmensmodell von Semco schauen, dann wäre es durchaus möglich, sich auch Schule in ähnlicher Form vorzustellen. (Gut, nicht für jeden meiner Kollegen.....)

Die Schule meiner Träume ist ein Ort, zu dem man gerne geht. (Und zwar dann, wenn man es möchte.) Schüler sollen selbst entscheiden können, wann sie mit wem zu welcher Uhrzeit und wie lange arbeiten. Versteht mich nicht falsch. Ich möchte es nicht belanglos. Natürlich muss man Rechnen und Schreiben lernen und argumentieren und präsentieren und all diese Dinge. Im Gegenteil: Ich möchte, dass Schule mehr Bedeutung bekommt, mehr zur Lebenswirklichkeit der Schüler (und Lehrer) wird und nicht ein abgetrennter Raum, weit weg von dem, was wirklich passiert in der Welt.

Ich möchte, dass Schule ein Ort der Begegnung wird, an dem man sich weiterentwickeln kann, an dem man Hilfe erfährt und Anregung, Inspiration. Ich möchte, dass Schule Projekte von Schülern unterstützt. Das können die ganz großen Dinge sein ("Wir möchten nach Durban fahren, um dort für eine bessere Welt zu kämpfen." "Wir möchten an einer Kampagne teilnehmen, die die Atomwaffen auf der Welt reduziert." "Wir möchten eine Schule in Nepal aufbauen." "Wir möchten einen Vortrag zur Republica einreichen.") oder die kleinen Dinge vor der Haustür (das Tierheim unterstützen, zusehen, dass alte Menschen nicht einsam sterben, einem Obdachlosen zuhören, ein Praktikum beim Tierarzt machen usw.)

Wir haben die Schüler, die all das können, aber wir lassen ihre Talente verkommen im 45-Minuten-Takt.

Und dann möchte ich ihnen sagen:
Ja. Geht raus, lernt, aber schreibt darüber. Präsentiert, was ihr erlebt habt, diskutiert, was man verbessern kann. Lernt, einander zu helfen, Projekte zu entwickeln und durchzuführen. Sucht euch Lehrer oder Mitschüler oder Experten, die das können.

Ich möchte eine Schule, die Schülern hilft, sich zu vernetzen mit Menschen aus der ganzen Welt, über Blogbeiträge, über Projekte usw.

Ich möchte eine Schule, in der Schüler und Lehrer gemeinsam entscheiden, wie das vorhandene Budget verwendet wird. Ohne Noten (aber meinetwegen mit Teilnahme an externen Prüfungen.) Nicht als Eliteschule, sondern mit den durchschnittlichen Schülern eines Landes, mit Hauptschülern und Elitegymasiasten und natürlich als inklusive Schule mit Schülern, die sich als Team begreifen.

Ich möchte, dass Schüler voneinander und Lehrer von Schülern lernen. Ich möchte eine Schule, in der wir gemeinsam die Welt entdecken und vielleicht auch ein wenig besser machen...

Ich weiß, ich bin ein Träumer....
Zur Autorin: Birgit Rydlewski, 41 Jahre alt, Lehrerin für Wirtschaftswissenschaften und Deutsch am Richard-von-Weizsäcker-Berufskolleg in Dülmen/Lüdinghausen, digital immigrant, politisch engagiert.

Session: Professionelle Intelligenz in der Schule

Posted by Bastian • Sunday, November 20. 2011 • Category: Aktuell: , We Don't Need No Education
Beim Educamp in Bielefeld habe ich zusammen mit Oliver Tacke (@otacke) eine Session zum Buch von Günter Dueck über professionelle Intelligenz angeboten.

Nach einer kurzen Einführung von Oliver über die von Dueck genannten unterschiedlichen Formen von Intelligenz haben wir in kleinem Kreis darüber diskutiert, wie Schule diese ganzheitliche Bildung besser fördern kann.

Hier kurz die bei Dueck näher beschriebenen Arten von Intelligenz:
  • Reine klassische Intelligenz (wie in IQ-Tests) - Intelligenz des Verstandes

  • Emotionale Intelligenz des Herzens und der Zusammenarbeit
  • Vitale Intelligenz des Instinktes und des Handelns
  • Intelligenz der Attraktion/der Sinnlichkeit
  • Kreative Intelligenz
  • Intelligenz der Sinnstiftung
Es ergaben sich die zwei Grundfragestellungen:
  1. Wie kann man dies im bestehenden System, was heute noch vor allem klassischen IQ, also Fachwissen, abprüft, erreichen? Dueck nennt das: "Run the System"
  2. Und langfristig: Wie müsste Schule im Idealfall aussehen? "Change the System"
Vorweg: Die Stunde war viel zu kurz, aber wir haben neuen Input, um über diese Fragen in Blogs etc. weiterzudenken.

Zunächst ging es um Hierarchie. Es wurde behauptet, dass die von Dueck aufgestellte These, dass Lehrer grundsätzlich schon mehr Wissen hätten als Schüler, (noch?) nicht zutreffend sei.

Ich behaupte mal frech, dass das von vielen Lehrern auch so gewollt ist. Deren "Standing" basiert darauf.
Ein Kollege stellte darauf in den Raum, dass Lehrer lernen müssen, loszulassen, also zum Beispiel auch den Mut zu zeigen, voneinander lernen zu und gemeinsam Themen entdecken zu wollen.

Es bleibt aber die Angst und Unsicherheit vieler Lehrer zum Beispiel davor, sich gegen bestehende Beschlüsse zu stellen. Beispiel: Es gibt einen Bildungsgangbeschluss, dass pro Halbjahr zwei schriftliche Klassenarbeiten geschrieben werden müssen. Darf man nun einfach ein Portfolio derart werten? Ist das wirklich eine individuelle Leistung? (Ketzerisch: Sind rein individuelle Leistungen ohne Internetzugang überhaupt noch zeitgemäß und an der Wirklichkeit orientiert? Würde ich so arbeiten im meiner Praxis? Würde ich nicht Vernetzung suchen, Menschen, die "Experten" sind, kollaborieren? Jede mir verfügbare Information suchen? Ein wenig sehe ich das als Besitzstandswahrung. Es ist die Angst, Prüfungen so zu gestalten, dass sie Relevanz besitzen. (Bei und werden teilweise die Handys eingesammelt bei Klausuren.) Es ist die Angst, Macht abzugeben. Fachwissen ist zudem leichter abprüfbar.)

Wenn man den Mut hat, gibt es also durchaus Bereiche, in denen man das System "Schule" "hacken" kann. Auf der anderen Seite stand aber auch der Wunsch nach politischer Veränderung (nur dauert sowas in Deutschland ja tendenziell sehr lange, wie wir wissen).

Eine Schule, die schon im Praktischen ganzheitliche, selbstbestimmte, praxisnahe Bildung abbildet, hat mich sehr inspiriert: Die Winterhuder Reformschule. Vielleicht müssen wir doch einfach mit ein paar interessierten Menschen eine eigene Schule gründen;-)

Weiterführende Links:

Website von Gunter Dueck
Buch: Aufbrechen, 2010
Buch: Professionelle Intelligenz, 2011
Wie Schüler Professionals werden können
Zusammenfassung von "Professionelle Intelligenz
"Bildung und Mensch im digitalen Zeitalter", Aufzeichnung von der TEDxRheinNecker 2010
"Das Internet als Gesellschaftsbetriebssystem", Aufzeichnung von der re:publica 2011
Zur Person: Birgit Rydlewski, 41 Jahre alt, Lehrerin für Wirtschaftswissenschaften und Deutsch am Richard-von-Weizsäcker-Berufskolleg in Dülmen/Lüdinghausen, digital immigrant, politisch engagiert.

Wie viel Unterricht ist heute eigentlich so frontal?

Posted by Bastian • Saturday, November 12. 2011 • Category: Aktuell: , We Don't Need No Education
Aufgrund einer kurzen Diskussion bei Twitter habe ich mich gefragt, wie viel von meinem Unterricht eigentlich so frontal ist.

Da schauen wir uns doch einfach mal die aktuelle Woche an.


Montag, 7.11.
Montag: Start in meiner Klasse (#1 Höhere Handelsschule Abschlussjahrgang) Zunächst Information, dass ein Lehrerverstorben ist. Schwierige Überleitung zur Rückgabe der Klausur (Betriebswirtschaftslehre mit Rechnungswesen), die recht schlecht ausgefallen ist. Nach der Rückgabe: Beginn der Berichtigung, Punkte nachzählen etc.
Die Schüler bearbeiten dies zunächst selbstständig. Parallel dazu Besprechung mit Schülern einzeln (auf dem Flur). Rückgabe Praktikumsmappe und bei Bedarf Thematisieren der jeweiligen Zielvereinbarungen der Schüler. Noten/Stand/Arbeitseinstellung in drei Fächern besprechen. Eventuell individuelle Probleme anreißen.


(Klasse #2 Höhere Handelsschule Unterstufe, die ich in Deutsch und Volkswirtschaftslehre unterrichte) Eine Stunde Präsentation einer Teamarbeit zu einem selbstgewählten Thema aus dem Bereich "Arbeit" (weil eine Präsentation ausfällt: Improvisation mit einem Arbeitsblatt zu Arbeitsteilung, dazu kurze Gruppenarbeit mit Besprechung), Schüler bewerten jeweils die Gruppe nach ihrer mit Hilfe eines Bewertungsbogens, Handout der Präsentationen stellt die Gruppe selbstständig ins Intranet (www.rvw-bk.net)

Dienstag 8.11.
Zwei Stunden Klausurbesprechung (siehe Montag), frontal, Unterrichtsgespräch, Erläuterungen/Rechnungen bei Bedarf an der Tafel, Rest der Berichtigung (Erstellen Gewinn- und Verlustrechnung und Bilanz als Hausaufgabe). Eine Stunde Arbeitsblätter Politik aktuell und ein wenig zum Grundgesetz mit Material von Schroedel aktuell (Wochenrückblick) und BPB (Grundgesetz für Einsteiger und Fortgeschrittene). Eine Stunde Präsentationen (siehe Montag)

Drei Stunden in meiner zweiten Klasse (als Klassenlehrerin) Gymnasiale Oberstufe, 11. Klasse mit Schwerpunkt Informatik/Mathematik (Klasse #3). Ich unterrichte dort Betriebswirtschaftslehre/Rechnungswesen und Deutsch.
Parallel müssen drei Schüler die Deutsch-Klausur nachschreiben. Die restliche Gruppe arbeitet in einem freien Rechnerraum am Börsenplanspiel und an Aufgaben Rechnungswesen (Gewinnermittlung durch Eigenkapitalvergleich), zusätzlich: Prüfen Vertrag Klassenfahrt, Einsammeln Unterschriften dafür, Entschuldigungen abgeben, Prüfen Vertrag Klassenfahrt etc.

Mittwoch 9.11.
Klasse #3: Zwei Stunden frontal Rewe: Bilanzänderungen, dazu anschließend Übungsaufgaben
Klasse #2: Eine Stunde Buchvorstellung (selbstgewählter Roman mit dem Ziel, Lust am Lesen zu wecken)
Klasse #2: Eine Stunde Präsentationen VWL

Donnerstag 10.11.
Klasse #1: Eine Stunde Aufsicht Englischklausur.
Kurz: Rest der Berichtigung der Klausur
Danach Wechsel zu VWL: Zwei Stunden Spiel zur Thematik "Geldschöpfung" mit gemeinsamer Auswertung

Freitag
Klasse #2 und #4 Jeweils eine Stunde Klausur VWL Grundlagen
Klasse #4 (paralleler Kurs, ebenfalls Höhere Handelsschule Unterstufe, hier nur VWL): Eine Stunde Präsentationen
Klasse #3: Zwei Stunden Einstieg Zeitung mit Quiz zur lokalen Tageszeitung und Fragebogen zum individuellen
Leseverhalten (Auswertung durch freiwillige Schüler über das Wochenende)

Anmerkung: Eine Klasse der Handelsschule befindet sich im Betriebspraktikum für drei Wochen. Telefonate
und Betriebsbesichtigung statt Unterricht

Planung für die kommende Woche:

Abweichend: weniger Anteil VWL (nach Abschluss der Präsentationen zum Thema "Arbeit"), stattdessen Überblick über mögliche Analysepunkte bei einem fiktionalen Text (am Beispiel einer Hausaufgabe, die bereits vor de Ferien besprochen wurde) Neue Aufgaben Deutsch als Gruppenaufgabe: Text einer Kurzgeschichte ("Der Wunsch") beenden, Analyse dazu in einem Etherpad

Für mich sehr vorteilhaft: Ich habe in mehreren Klassen (#1, #2 und #3) mehrere Fächer (in #1 Betriebswirtschaftslehre mit Rechnungswesen, Volkwirtschaftslehre und Politik, Stundenzahl gesamt: 8 in #2 Deutsch und VWL (Stundenzahl gesamt: 5 in #3 Deutsch und BRW (Stundenzahl gesamt: 7), so dass ich die Wochenstunden weitgehend flexibel und nach Bedarf in Absprache mit den Schülern/Kursen verwendet werden kann

Weiterhin angenehm ist, dass ich oft auf freie Rechnerräume zugreifen kann. Für "Notfälle" gibt es auch einen Satz Laptops mit WLAN-Anbindung.

Stressig wird es wiederum durch die zwei Gebäude, die ungefähr 5 Min. mit dem Auto und 15 min. zu Fuß auseinanderliegen.


Fazit:

Am Montag waren 45 Min. frontal (aufgeteilt in zwei Klassen und mit Arbeitsphasen, rein frontal mit Unterrichtsgespräch verlief die Besprechung der Aufgaben)
Am Dienstag 135 Min. frontal (allerdings mit Gruppenarbeitsphasen dazwischen)
Am Mittwoch 90 Min. frontal (wegen des neuen Themas)
Am Donnerstag ca. 20 Min. frontal (besprechen der Spielergebnisse)
Am Freitag ca. 45 Min. frontal

Nun ist hier auch das als "frontal" bezeichnet, was die Moderation und Sammlung von Arbeitsergebnissen angeht. Vermutlich unterscheidet sich dies durchaus von dem Unterricht, den man von "damals" als Frontalunterricht kennt (hoffe ich)
Zur Person: Birgit Rydlewski, 41 Jahre alt, Lehrerin für Wirtschaftswissenschaften und Deutsch am Richard-von-Weizsäcker-Berufskolleg in Dülmen/Lüdinghausen, digital immigrant, politisch engagiert.

Wie Schüler "Professionals" werden können...

Posted by Bastian • Wednesday, October 12. 2011 • Category: Aktuell: , We Don't Need No Education
Gunter Dueck hat ein neues Buch verfasst: "Professionelle Intelligenz. Worauf es morgen ankommt." Es ist erschienen im Eichborn Verlag/Frankfurt.

Problem/Aufhänger: Für Tätigkeiten, die nicht automatisierbar sind, gibt es "immer höhere Anforderungen" (S. 12)
Was also brauchen Menschen zukünftig, um erfolgreich/"wirksam" zu sein?

Nach Dueck ist dies über das reine Fachwissen hinaus ein ganzes Bündel an Fähigkeiten: sich vernetzen können, kommunizieren, führen, begeistern etc.
Diese von G. Dueck als Professionalität/"Exzellenz" benannten Kompetenzbündel lernt man aber quasi nirgendwo.

Dueck geht weiter und setzt die Spanne zwischen Arm und Reich gleich mit der Spanne zwischen "Routine und Exzellenz" (S. 12)

Ich mag den Gedanken, dass Routineaufgaben, lästiges Verwaltungszeug und Bürokratie-/Formularkram automatisiert werden könnten. Aufgaben zu erledigen, bei denen man die Informationen statt mit einem Formular per Post auch automatisiert übermitteln könnte, frustrieren mich überwiegend.
Warum kann mein Arzt die Rechnung nicht einfach an die Behilfe und die Versicherung übermitteln? (Im Moment bekomme ich die Rechnung per Post, muss zwei Formulare mit Kopien der Rechnungen wieder per Post an die zuständigen Stellen schicken. Dort müssen die Rechnungen dann eingescannt werden. Das ist vor allem Zeitverschwendung.)

Weiterhin müssten wir nicht mehr mit Mittelmaß leben. Dank des Internets können wir uns informieren, bewerten, besser auswählen. Für Unternehmen geht es also nicht mehr nur um die reine Arbeitsleistung, es geht auch ums Vernetzen, ums Vermarkten und den Bekanntheitsgrad, um erfolgreich zu sein.

Das ist übrigens auch in Schulen längst der Fall. Weiterführende Schulen stehen im Konkurrenzkampf und müssen viel mehr in Marketing stecken, als das früher der Fall war. Wir-als Schule, die Bildungsgänge der Sekundarstufe II anbietet- besuchen Schulen der Sekundarstufe I, um zu informieren. Wir produzieren Hochglanzflyer usw.

Ebenfalls sehr gut anwendbar auf das Schulsystem ist der Abschnitt über die Konflikte, die entstehen, wenn man gleichzeitig im System arbeiten und dieses umbauen möchte. (S. 39ff)
Run the System = täglicher Unterricht
Change the System = da entsteht schon als erstes das Problem, dass sich nicht einmal alle Lehrer und Bildungspolitiker einig sind, wohin es gehen soll. Es bleibt also dem kleinen Lehrer nur die Möglichkeit, an der eigenen Schule im Rahmen der geltenden Ausbildungs- und Prüfungsordnungen ein paar Kleinigkeiten zu verändern. Ich muss gestehen, dass mir das nicht immer reicht.

Nachdenken und Arbeiten am Umbau wird also auch folgerichtig von G. Dueck als "Ehrenamt" bezeichnet, weil es über die normale, alltägliche Arbeit hinausgeht und meist freiwillig ist. (S. 45)

An dem Anspruch, dass dann alles trotzdem in diesem Spannungsfeld glatt laufen muss, scheitere ich noch regelmäßig. Professionalität oder den Anspruch daran muss man also stetig verbessern.

Großartig finde ich auch den Bezug zu Riemanns "Grundformen der Angst" (den ich aber nicht weiter ausführen werde. Interessierte sollten sich diesem spannenden Werk gesondert widmen.)

Nun nähern wir uns im Buch dem Feld "Schule", wenn nämlich Digital Natives von der "Analog-Exile-Oberstudienrätin" frontal unterrichtet werden. (S. 69) Schade. Das Kapitel endet da schon.

"Es gehört zur Professionalität dazu, dass Kunden und Arbeitgeber das Professionelle sehen!" (S. 86) Das bedeutet also für den Lehrer als Schlussfolgerung: Wenn das, was ich mache, nicht beim Schüler/Kunden ankommt, bin ich nicht professionell. Puh. Ist sicherlich etwas dran. Ich glaube, in meinem letzten LK hat das geklappt. Aber in meiner Klasse, als diese im Konflikt mit einer anderen Lehrerin waren, hatte ich das Gefühl, dass sie am Ende meinten, ich hätte nicht genug getan. Ein Systemproblem oder mein persönliches Problem. Ich bin da unsicher...

Felix Schaumburg hat mich bei Lektüre des Entwurfes für diesen Blogbeitrag darauf aufmerksam gemacht, dass ein weiteres Problem darin bestehe, dass Inhalt und Bewertung beim Lehrer in einer Hand liegen. Wann empfindet man einen LK als "gut"? Für mich kann ich sagen, dass ich nicht unbedingt einen "ruhigen" Kurs bevorzuge. In diesem Fall war es so, dass die Schüler einfach sehr vielfältig interessiert waren, sehr tiefgründig diskutieren und großartige Präsentationen halten konnten. Hinzu kam die Atmosphäre im Kurs. Die Zuverlässigkeit, die empfundene Aufrichtigkeit, die sozialen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler, also der Umgang miteinander.

Die Ausführungen über verschiedene Teilintelligenzen eines Professionals kürze ich an dieser Stelle ab. Erwähnen sollte man die verschiedenen Bereiche aber schon, um überhaupt dazu zu kommen, wie man diese im Bildungssystem fördern kann:

Reine klassische Intelligenz (wie in IQ-Tests) - Intelligenz des Verstandes
Emotionale Intelligenz des Herzens und der Zusammenarbeit
Vitale Intelligenz des Instinktes und des Handelns
Intelligenz der Attraktion/der Sinnlichkeit
Kreative Intelligenz
Intelligenz der Sinnstiftung

Dabei gebe es natürlich verschiedene "Professionalitätstypen", je nach Mischverhältnis, nach Charakter einer Person. Trivial: Man müsse dabei seine Stärken und Schwächen kennen.

Als spannend (und weitgehend zutreffend) habe ich den Teil über das Bildungssystem empfunden. Durch die dort vorherrschende Annahme, die Schüler müssten "synchron verbessert" werden, wird es schwierig, eben jene geforderten Intelligenzen gleichermaßen auszubilden. Bisher werde im Bildungssystem vor allem der Teil des klassischen IQs vermittelt. (S. 167)
Schlimmer wird dies durch den Versuche, Schule (G8 ) oder Studium (Bachelor) effizienter zu gestalten.

An dieser Stelle ein Verweis auf den Beitrag von Felix (@schb) über "Schule als Buchgesellschaft

Schule hat offenbar (noch?) viel zu wenig mit dem Internet oder einer zukunftsfähigen Exzellenzgesellschaft zu tun.

Am Berufskolleg habe ich aber immerhin das Gefühl, dass wir noch ein wenig Nähe zu verschiedenen Berufen haben (selbst in Vollzeitbildungsgängen jenseits der Berufsschule und mit Kollegen, die alle mal in einem "richtigen Beruf" tätig waren) Vielleicht habe ich da mehr Glück als ein Kollege am Gymnasium. Auch der Tipp, Schüler Bewerbungen aus der Sicht des Arbeitgebers zu sehen, wird hier schon lange umgesetzt.

Über den Abschnitt, in dem Führungsstile behandelt werden, habe ich lange nachgedacht, weil dies unmittelbar auf Lehrstile von Lehrern anwendbar ist. Es geht auch darum, wie man motiviert. Ein immer wieder wichtiges Thema in Schulen.

An der Stelle mache ich einen kleinen Exkurs in meinen aktuellen Unterricht:
Meine Oberstufe in der Höheren Handelsschule hat in VWL das große Thema "Geld" im Lehrplan. Ich habe den Schülern zunächst die Möglichkeit gegeben, Unterthemen zu sammeln, die sie interessierten und aus denen sie dann wiederum ein Thema wählen konnten, um dieses im Detail in einer Kleingruppe zu erarbeiten und abschließend zu präsentieren.

Die Klasse hatte mehrere Stunden während des Unterrichts Zeit, um an der Recherche etc. im Rechnerraum zu arbeiten (mit meiner Anwesenheit, so dass ich für Fragen zur Verfügung stand).

Leider zeigte sich bei den ersten Präsentationen, dass diese nach meiner Auffassung nicht dem Stand einer Oberstufe entsprachen. Die Themen waren tw. nur sehr oberflächlich bearbeitet. Die Zeitvorgabe (40 min.) wurde kaum erreicht. Eine Präsentation fiel komplett aus.

Das alles erzeugt Frust auf beiden Seiten. Die Schüler rechnen mit dem schlechten Ergebnis. Ich bin frustriert, weil ich doch das Ziel habe, dass am Ende des Schuljahres alle Schüler nicht nur bestanden haben sollen, sondern ich möchte alle möglichst mit viel Horizont/Bandbreite und unterschiedlichen Kompetenzen entlassen, so dass ich sagen können will, dass diese Schüler studierfähig (FH) und professionell ins Berufsleben entlassen werden.

Offensichtlich fehlt irgendwie die Motivation, um sich eingehend mit einem Thema zu beschäftigen. Es wird nur das Nötigste gemacht.

In der Besprechung darüber (ich möchte es ja wirklich verstehen!) wird auch von Schülern nicht so richtig klar angesprochen, woran es scheitert. Genannt wird fehlendes Zeitmanagement/fehlendes Interesse/andere Belastungen (z.B. durch private Probleme) und Frust über innerschulische Organisationsprobleme (Raumsituation).

In Präsentationen wünsche ich mir Kennerstufe 3 ("Ich weiß einiges darüber") oder gar 4 ("Ich kenne mich gut aus."), meist kommen wir aber über 2 ("Schon davon gehört!") nicht hinaus. (S. 168)

Ich glaube daran, dass Menschen neugierig sind und etwas bewirken wollen. Insofern gebe ich auch den Plan nicht auf, Schule mit Schülern zusammen so zu gestalten, dass dies möglich ist.

Schöner Aussagen dazu: "Professionalität aber ist behaglich. Professionelle Bildung schafft eine Kultur des Gelingens." (S. 189)

Man sieht am obigen aktuellen Beispiel aus einer meiner Klassen, dass ich offenbar an der Stelle noch Verbesserungsbedarf habe, aber vielleicht ist es auch schon ein Ansatz an der Stelle, im Kontakt miteinander zu bleiben. Schülern zuzuhören, Probleme zu diskutieren und allen Beteiligten den Raum für Entwicklung zu geben.

Ich habe aber vor allem das Gefühl, dass Schüler (wenn sie mit ca. 16 Jahren bei uns landen) noch nicht gelernt haben, sich zu vernetzen. Vernetzen über die plumpe Frage in irgendeinem Forum hinaus, ob jemand mal schnell eine Inhaltsangabe für eine nicht gelesene Schullektüre liefern könne. Vernetzen über den üblichen Freundeskreis via Facebook oder icq hinaus. Von meinen Schülern nutzt niemand Twitter und vermutlich kennen sie es nur wegen mir. Kaum jemand hat schon mal gebloggt und ein Etherpad lernen sie auch bei mir kennen und nutzen (z.B. für eine gemeinsame Hausaufgabe mit mehreren Mitschülern). Ich teile also nicht die Euphorie, mit den "Digital Natives" würde jetzt automatisch alles gut.

Wie aber kann uns das Internet überhaupt in der Bildung helfen? Es wäre möglich, verschiedene Lerntypen/Reifegrade etc. zu berücksichtigen. "Der Computer hat immer Zeit für mich." (S. 194) Es folgt ein Teil, der sich gut mit der Idee der "fließenden Schullaufbahn" verbinden ließe. Schüler lernen in unterschiedlichem Fächern unterschiedlich schnell. Das lässt sich ohne Zweifel gut mit der Nutzung des Internets verbinden. Und weiterhin könnte dies Lehrern die Freiräume geben, vorrangig Coach/Tutor zu sein.

Ich bin begeistert von den Analysen und Ideen von Gunter Dueck. Schüler in unserem Land könnten mit Schülern aus der ganzen Welt lernen. Mit- und voneinander. Es ist so viel möglich in diesen Zeiten. Wir müssen aber Schüler dazu befähigen, diese Möglichkeiten auch zu nutzen. Wir müssen ihnen mehr zutrauen, ihnen Vorbild sein und Ansprechpartner. Wir müssen Hilfe sein beim Vernetzen und Inspiration beim Lernen.

Ich bin in vielen Bereichen Idealist und hoffe, dass man die "pragmatische Mitte" (S. 236) irgendwann mitziehen kann für eine notwendige Veränderung in ein zeitgemäßes Bildungssystem.

Die Ausgangsfrage, wie man Schüler zu mehr Professionalität verhelfen kann, ist für mich damit aber noch nicht mal im Ansatz geklärt, deshalb möchte ich die gesamte Thematik sehr gerne diskutieren, z.B. beim Educamp in Bielefeld.

Zur Person: Birgit Rydlewski, 41 Jahre alt, Lehrerin für Wirtschaftswissenschaften und Deutsch am Richard-von-Weizsäcker-Berufskolleg in Dülmen/Lüdinghausen, digital immigrant, politisch engagiert.

Lernen lernen

Posted by Bastian • Thursday, September 15. 2011 • Category: Aktuell: , We Don't Need No Education
Neues Schuljahr. Es ist mal wieder soweit: Seit einigen Jahren machen wir in der Höheren Handelsschule (richtig heißt das: "Zweijährige höhere Berufsfachschule für Wirtschaft und Verwaltung") ein Methodentraining zu Beginn jeder neuen Unterstufe.
Das Methodentraining besteht bei uns aus vier Modulen:
  • Recherchieren, wissenschaftliches Arbeiten
  • Texte verstehen
  • Präsentieren
  • Lernen lernen
Damit sich in der jeweiligen Jahrgangsstufe nicht nur die Klassen kennen lernen, sondern alle Schüler, verteilen wir die Schüler so, dass jeder Schüler jeden Tag mit anderen Mitschülern aus der Jahrgangsstufe ein Modul besucht. (Ein lieber Informatik-Kollege hat da etwas in Excel gebastelt, damit das einfach funktioniert;-)
Wie die Überschrift schon andeutet versuche ich, das Modul "Lernen lernen" zu vermitteln. Dieses Jahr haben mein Teamkollege und ich das komplette Modul überarbeitet und testen es nun in der neuen Form.

Der aus wissenschaftlicher Sicht durchaus umstrittene Lerntypentest hält sich immer noch hartnäckig. Die Schüler machen sowas auch wirklich gerne, auch noch in höherem Alter. Ich würde das aber gerne fürs nächste Jahr ersetzen/austauschen/verbessern.




In diesem Jahr haben wir neu die Ausschnitte vom Republica Vortrag von Gunter Dueck hinzugenommen. Da die Schüler, wenn sie bei uns landen (also mit ungefähr 16 Jahren), schon einige Schulerfahrung mit sich bringen, halte ich es für notwendig, überhaupt erst einmal ein Problembewusstsein für eine sich ändernde Welt zu wecken. Ich favorisiere Menschenbild Y, muss aber, um Schüler dafür zu begeistern, zunächst die Erfahrungen der Jahre mit "Kästchenrechnen" und Druck überwinden. Bei uns sind Schüler freiwillig. Das muss ihnen selber aber auch klar werden. (Realistisch sind sie oft hier, weil sie nichts Anderes gefunden haben oder weil es dann noch weiter Kindergeld gibt. Wenn sie aber nun schon da sind, kann man m.E. auch etwas Gutes daraus machen.

Wir haben begleitend zu den Ausschnitten folgende Fragestellungen diskutiert:
  • Wie verändert sich die Berufswelt durch das Internet?
  • Welche Berufe und Tätigkeiten werden dadurch überflüssig?
  • Was macht einen "Professional" aus? (Und wie kommt man dahin?)

  • Was versteht G. Dueck unter dem Menschenbild X und Y?
Ein Schüler fragte, ob dann die Berufe, die man gewöhnlich nach einem Abschluss im Bereich Wirtschaft und Verwaltung ergreifen würde, dann alle wegfallen werden? Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht, aber es kann sicher nicht schaden, auf eine sich ändernde Welt vorbereitet zu sein. Ich möchte, dass möglichst viele meiner Schüler möglichst viel lernen bei uns, was sie befähigt, "Professional" zu werden.

Weiterhin haben wir spontan (und inspiriert durch diesen Artikel) die Frage von Motivation diskutiert. "Würden Sie Ihre Arbeit auch ohne Entgelt machen? Wenn nicht, kündigen Sie!"

Ich finde es immer ein wenig erschreckend, wie sehr Jugendliche ausschließlich Geld und Konsum als Motivator sehen. Ich wünsche mir, dass sie stattdessen irgendwann eine Arbeit machen können, die sie erfüllt, glücklich macht, zu der sie jeden Tag gerne gehen. Nur, was man mit Leidenschaft tut, macht man gut. Schüler sagen in der Diskussion aber oft, dass ihnen Zufriedenheit mit der Arbeit egal sei. Oder überspitzt: Für Geld würden sie alles machen.

Im Anschluss daran haben wir mittels der Expertenmethode (Schüler bereiten den Text vor und müssen ihn einem Mitschüler vorstellen) diesen Text diskutiert: "Was wir wirklich lernen müssen." Hierbei sollen von den Schülern bereits mehrere Ebenen bewältigt werden. Sie müssen den Text natürlich erst einmal verstehen (und das fällt vielen schon schwer). Sie müssen ihn aufbereiten und Stichpunkte verwenden, um den Kern, die Essenz der einzelnen Abschnitte an einen Mitschüler weitervermitteln zu können. Im letzten Teil müssen sie dann noch eine eigene Meinung dazu diskutieren können. (Es ist erschreckend, wie viele Schüler schon Probleme mit 5 Seiten Text haben. Das ist auch einer der Kritikpunkte der Schüler bei der Evaluation: "Der Text ist zu lang." Ich bin aber bei einem Bildungsgang, der in Studierfähigkeit (Fachhochschulreife) münden soll, nicht bereit, ganz auf längere Texte zu verzichten;-)

Zusätzlich zum Vormittagsprogramm haben wir zwei Nachmittage mit Aktivität gefüllt. Dienstag die traditionelle Kanutour auf der Werse/bei Münster. Resultat: Super Wetter und trotz vier gekenterter Boote war die Stimmung auch im Anschluss im Bus gut.
Heute endet das Methodentraining mit einem abschließenden gemeinsamen Grillen. Viele Schüler haben Salate/Brot/Kuchen etc. mitgebracht. Ich habe den Eindruck, das wird eine richtig gute Jahrgangsstufe. Nach vier Tagen bin ich aber auch froh, dass ich morgen wieder mal etwas Anderes unterrichten darf. Immer dieselben Inhalte zu vermitteln, wäre nichts für mich;-)

Zur Person: Birgit Rydlewski, 41 Jahre alt, Lehrerin für Wirtschaftswissenschaften und Deutsch am Richard-von-Weizsäcker-Berufskolleg in Dülmen/Lüdinghausen, digital immigrant, politisch engagiert.

Post Privacy – Seine Gendaten und persönliche Merkmale teilen?

Posted by Bastian • Tuesday, August 30. 2011 • Category: Aktuell: , The Pirates Gospel
Zusammen mit Philipp, arbeite ich zusammen an einem Projekt, das sich mit dem öffentlichen zur Verfügung stellen von genetischen Informationen befasst. Wie der eine oder andere vielleicht mitbekommen hat, habe ich meine Gen-Test-Ergebnisse, direkt nachdem ich sie von 23andMe geliefert bekommen habe, zu GitHub geladen. Dort stehen sie jetzt für jeden Interessierten zum Download bereit, zusammen mit ein paar kleinen Skripten zur Analyse der Gen-Marker. Damit bin ich weder alleine, noch der erste. Aber wie viele Leute würden sich eigentlich dafür entscheiden, ihre Daten so zu teilen? Immerhin sind das Daten, die nicht nur so personenbezogen sind, wie es Daten überhaupt nur sein können. Sondern auch Daten, die potentiell mehr verraten als jede Krankenakte. Genau das macht die Daten aber (zusammen mit Krankenakten) zu einer spannenden Grundlage, für die Wissenschaft. Mit ausreichend vielen solcher Gen-Daten, kann man zum Beispiel neue Assoziationen zu Krankheiten ausfindig machen.



23andMe hat dies, gepaart mit Fragebögen, die von den Kunden ausgefüllt wurden, schon häufiger unter Beweis gestellt und die Ergebnisse auch veröffentlicht. Aber die Rohdaten von den Kunden bleiben natürlich, aus Datenschutzgründen (und vermutlich auch um nicht endlos verklagt zu werden), unter Verschluss. Und so können nur jene Dinge getestet werden, die für die 23andMe entweder das ok gibt und entsprechende Umfragen einstellt, oder die 23andMe selbst in den Sinn kommen. Viel cooler wäre es natürlich, wenn die Daten dafür offen rumliegen würden, und jeder sich seine eigenen Studien ausdenken könnte. Klar, da wird nicht jeder mitmachen wollen und seine vermeintlich sensiblen Daten veröffentlichen wollen. Aber wie viele Leute wären trotzdem bereit dazu? Und würden damit Open Science ermöglichen? 



Genau das würden Philipp und ich gerne rausfinden, und haben deshalb eine kleine Umfrage gebaut, die genau das abfragt. Hier geht’s zur englischen Variante und hier zur deutschen Variante (Bitte nur an einer davon teilnehmen). Ihr würdet uns einen riesigen Gefallen tun, wenn ihr daran teilnehmen und sie noch etwas weiterverbreiten könntet.

Talking bout a revolution

Posted by Bastian • Tuesday, July 19. 2011 • Category: Aktuell: , We Don't Need No Education
Christian Füller hat letztens mal gefragt, wie so eine Schulreform eigentlich aussehen könnte.

Politisch (also von "oben") erwarte ich, ehrlich gestanden, keine großen Visionen. Politiker haben leider in den seltensten Fällen das gesellschaftliche Wohl im Blick, sondern eher die möglichen Ergebnisse der nächsten Wahl. Also wird, statt auf Studien, Experten oder andere Länder zu gucken, gerne nur eine kleine Stellschraube verändert im Bildungssystem und das wortgewandt als der große Wurf verkauft.

Letztendlich glaube ich, dass unser deutsches Bildungssystem nicht mehr funktioniert. Wir zerstören Kinder, wir haben zu viele Schulabbrecher, wir setzen auf mehr Standards, auf Selektion und ein paar Papiertiger (individuelle Förderung). Letztendlich wird aber keins der Probleme und keine der möglichen Ideen konsequent durchdacht.

Da ist sicherlich bei Politikern, bei Lehrern, bei Schülern und Eltern die Angst vor etwas Neuem vorhanden (und letztendlich denkt dann jeder an sich selbst, versucht sich, seine Kinder irgendwie dadurch zu bekommen). Glücklich sind aber nur wirklich wenige damit.

Meine Traumschule würde individuelle Förderung und die einzelnen Menschen ernst nehmen.

Mal ein harmloses Beispiel aus dem Alltag. Wir haben am Berufskolleg diverse Bildungsgänge mit unterschiedlichen Abschlüssen. Ein Schüler macht also in der Handelsschule seinen Realschulabschluss (mittleren Schulabschluss). Kommt dann (weil er keine Lehrstelle findet) in die Höhere Handelsschule mit dem Ziel, dort Fachabitur zu erreichen. Er muss also all die Grundlagen Rechnungswesen, BWL, VWL etc., die er alle schon kann, nochmal hören. Natürlich langweilt der sich. Im schlimmsten Fall macht er danach eine dreijährige, kaufmännische Lehre und da beginnt das Spiel von vorne.

Wir haben eine Partnerschule in den Niederlanden. Da läuft vieles ganz anders. Da wird in diversen Bildungsgängen projektorientiert gearbeitet. Da müssen Schüler an der Praxis orientierte Aufgaben langfristig selber lösen und selber entscheiden, welche Kurse sie dafür benötigen. Da werden Fähigkeiten anerkannt, die Schüler schon erworben haben und sogar außerschulisch erworbene Kompetenzen.

Ich war mal mit meinem Chef dort. Ich habe ihm auf der Rückfahrt gesagt, dass ich mir gut vorstellen könnte, dass wir auch so arbeiten. Das geht aber hier nicht, weil es so viele Vorgaben gibt (Apo-BK), die eingehalten werden müssen und die nicht einfach aufgebrochen werden können.

Sagen wir also, ich hätte einen Chef, der das mittragen würde. Ich hätte ein paar offene, interessierte Kollegen und einen Bildungsgang (vielleicht etwas im mittleren Bereich, also mit Abschluss der Fachhochschulreife) und ich würde dort etwas ganz Neues versuchen wollen (gerne mit Unterstützung einer Uni). Es wäre schier unmöglich. Ich habe mal mit jemandem von der Bezirksregierung darüber gesprochen. Nein. Sagen wir, ich habe es versucht. Der Blick war in etwa so, als würde ich von regenbogenfarbenen Einhörnern phantasieren. Verwaltungsmenschen sind oft völlig visionsfrei.

Es fehlt also von Seiten der Politik der Freiraum, überhaupt anders handeln zu können.

Von "unten" also wenig Chancen außer an extra dafür eingerichteten experimentellen Schulen. Von "oben" keine Bewegung erkennbar. Schachmatt.

Zur Person: Birgit Rydlewski, 41 Jahre alt, Lehrerin für Wirtschaftswissenschaften und Deutsch am Richard-von-Weizsäcker-Berufskolleg in Dülmen/Lüdinghausen, digital immigrant, politisch engagiert.

Koch-Mehrin: Ich bin nutzlos, befördert mich

Posted by Bastian • Thursday, June 23. 2011 • Category: Aktuell: , The Pirates Gospel
Silvana Koch-Mehrin, Noch-Europa-Politikerin der FDP, ist ja in der Vergangenheit schon negativ aufgefallen, nämlich mit chronischer Abwesenheit im Parlament. Dann kam auch noch dieses Internet vorbei und hat nicht nur gezeigt, dass sie nicht nur zu faul ist sich ins Parlament zu bewegen. Sondern hat auch nachgewiesen, dass sie offensichtlich nicht in der Lage ist ihren Kopf zum denken zu benutzen. Denn auch sie hat es nicht geschafft eine eigene Doktorarbeit zu schreiben, sondern musste sich per Copy & Paste das entsprechende Werk zusammenklicken (lassen). Dementsprechend hat die Universität Heidelberg ihr auch den Doktortitel aberkannt, schliesslich habe sie keine „selbständige wissenschaftliche Arbeit“ abgeliefert. Und weil das ja noch nicht peinlich genug ist, hat sie sich noch weiter entblödet und sich damit verteidigt, dass die Uni ja schuld sei, schliesslich wäre ja damals schon klar gewesen, dass sie zu doof ist.

So weit, so hohl. Aber jetzt wurde Koch-Mehrin auch noch zum Vollmitglied des Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie. Und als wäre es nicht schon genug Ironie, dass in diesen Ausschuss ausgerechnet jemand kommt, dem die Energie für Sitzungsbesuche genauso fehlt wie das Basiswissen über Forschung (Immerhin die Verbindung zur Industrie kann man bei der FDP aber sicherlich ungesehen glauben...): Sie ersetzt Jorgo Chatzimarkakis, ebenfalls Noch-Europa-Politiker der FDP, dessen Doktorarbeit von der Uni Bonn gerade auch wegen Plagiatsverdachts untersucht wird.

Wieso Plagiate in der Wissenschaft nichts verloren haben, habe ich ja schon mal versucht zu erklären. Und dabei hat sich seit Guttenberg auch nichts geändert. Umso erfreulicher ist es, dass einige spontan entschlossene Scilogger sich heute direkt an einen Petitionstext gemacht haben. Und fordern, dass Koch Mehrin doch bitte zurücktreten solle, denn: Es ist inakzeptabel, dass jemand, der sich des akademischen Betrugs schuldig gemacht hat, in einem Ausschuss sitzt, der die europäische Forschungspolitik und ihre Finanzierung überwacht.

Mehr muss man dazu auch gar nicht sagen. Hier geht es zum kompletten Petitionstext, wo man auch mitzeichnen kann. So möge der Ausschuss denselbigen jetzt bitte verlassen.

Open Course - Was ich bisher dabei empfunden habe

Posted by Bastian • Sunday, June 12. 2011 • Category: Aktuell: , We Don't Need No Education
Es geht um diese Aktion mit dem Thema Zukunft des Lernens.

1. Woche: Ich war noch total motiviert. Warum muss sich in der Bildungslandschaft überhaupt etwas verändern?
Ich habe noch einigermaßen fleißig mitdiskutiert, vor allem, weil ich daran glaube, dass Bildung (in meinem Fall jetzt Schule) auch ganz anders funktionieren könnte. Freier. Individueller. Mit mehr Spaß. Und mehr Chancen für alle.

2. Woche: Social Networks
Netzwerken finde ich toll. Ich liebe Twitter. Aber ich sehe auch zunehmend, wie ich an meine Grenzen komme. Parallel laufen Abiklausuren. Während also irgendwo in der Bildungslandschaft die immer gleichen Leute zu Vorträgen auflaufen, denke ich in der Schule darüber nach, warum schon wieder die Herrentoilette versaut wurde. Nicht ohne Neid verfolge ich Diskussionen auf Twitter, erliege aber immer mehr dem Gefühl, dass ich so als "normaler" Lehrer gar nicht Teil dieses Netzwerks von voll coolen Bildungshackern bin. Also widme ich mich den zum Teil existentiellen Ängsten meiner Schüler, ob sie das Schuljahr schaffen, statt auf Antworten von Experten zu hoffen, die bei Twitter oft auch gar nicht antworten wollen. (Ich hoffe, das klingt jetzt nicht zu frustriert, aber meine Versuche, mit Institutionen, Gruppen und Einzelpersonen auf Twitter zu kommunizieren, hat gelegentlich gezeigt, dass Kommunikation hier nicht funktioniert. Da sind die Accounts, die Twitter vor allem als Selbstdarstellungsplattform nutzen. Die Institutionen, die auf Fragen nicht mal antworten und für die Twitter nur nettes Marketingspielzeug ist.)

3. Woche: Lerntechnologien
Da habe ich mich so allmählich aus der Diskussion gezogen. Ich habe ein IPad. Meine Schule ist wirklich gut ausgestattet, was Technik angeht. Ich glaube, mehr ist im Moment einfach pragmatisch nicht drin. Und löst Technik wirklich die Probleme? Es bleiben also für mich zunehmend mehr Fragen als Antworten.

4. Woche: Lernumgebungen
Mittlerweile sind eine Menge Tools und Möglichkeiten erwähnt worden, die ich vorher gar nicht kannte. Das ist grundsätzlich toll, aber im Moment fehlt mir die Zeit, mich damit überhaupt auseinanderzusetzen. Ich beschränke mich also auf das wöchentliche Erstellen des Etherpads und bremse mich selber aus an der Frage, wie ihr das alle eigentlich macht im normalen Alltag? Blogs schreiben, mit Technik spielen. Familie bespaßen. Wohnung aufräumen. Klausuren korrigieren.

5. Woche: Mobile
Mobile Technik. Oder so...

6. Woche: Lernszenarien
Ich habe bisher alle Vorträge mehr oder minder konzentriert verfolgt. Dieser hier hat mich geärgert. Ich habe vermutlich nicht richtig zugehört, hatte aber kurz das Gefühl, die Darstellungen könnte man mit "eher trivial" überschreiben. Schüler haben auch noch Freunde. Gehen auch noch vor die Tür.

Das erinnert mich andererseits aber auch an die Diskussion mit einem Kollegen letztens im Lehrerzimmer: "Ihr lest morgens schon eure Mails?" "Ja. Das mache ich gleich als erstes." "Also ich lese höchstens die Zeitung." "Ich auch. Aber auf dem Pad. Und dann gleich die Feeds von mehreren Zeitungen." Unterschiedliche Welten. Zeitung lesen auf dem Pad ist offenbar bei vielen Menschen nicht als gleichwertig anerkannt. Hallo? Es ist unter Umständen dieselbe Zeitung.

Also hänge ich gerade zwischen den Welten. Möchte etwas verändern. Möchte lernen. Schule revolutionieren und scheitere an meinem Zeitmanagement. Auf dem Tisch liegen 18 Prüfungsklausuren (Deutsch, Höhere Handelsschule).

Und ich scheitere noch an etwas Anderem. Für mich funktioniert Lernen nicht, wenn ich nicht auch mal Austausch mit Menschen habe, mit denen man sich treffen kann. Ich liebe diese Online-Netzwerke, aber für mich geht nichts über einen Plausch beim Tee, bei dem man sich auch mal in die Augen sehen kann.

Zur Person: Birgit Rydlewski, 41 Jahre alt, Lehrerin für Wirtschaftswissenschaften und Deutsch am Richard-von-Weizsäcker-Berufskolleg in Dülmen/Lüdinghausen, digital immigrant, politisch engagiert.

Eine kurze Leseliste

Posted by Bastian • Tuesday, June 7. 2011 • Category: Aktuell: , with a wonder and a wild desire
Ein kurzer Einwurf über 3 Bücher die ich vor kurzem gelesen habe:
  • An Optimist's Tour of the Future von Mark Stevenson schaut sich an mit was für Veränderungen wir in den nächsten Jahren rechnen können. Während der gemeine Techno-Pessimist davon ausgeht, dass wir alle wegen einer amoklaufenden Künstlichen Intelligenz, wegen grauen Nano-Schleims der die Welt fressen will, oder auch wegen des Klimawandels draufgehen werden, hat sich Mark Stevenson dem Thema aus einer erfreulicheren Perspektive genähert. Werden wir dank moderner Biotechnologie ewig leben, Blinde wieder (oder auch erstmalig) sehend machen und mit passenden Prothesen verlorene Gliedmassen verbessert wieder anbauen können? Werden wir Künstliche Intelligenzen erschaffen, die für uns Wissenschaft betreiben, Hypothesen aufstellen, testen und verbessern können? Und werden wir das Uncanny Valley hinter uns lassen, um endlich mehr Roboter im Alltag einzusetzen? Und was für Methoden werden wir einsetzen können, um den Klimawandel aufzuhalten, rückgängig zu machen und wie wird das unseren Alltag verändern? Wer auf solche Fragen spannende und kreative Antworten hören möchte, der wird bei Stevenson fündig. Wer noch auf die Singularität kann das Buch beruhigt lesen.
  • The Greatest Show on Earth von Richard Dawkins, fand ich hingegen einen echten Reinfall. Nicht unbedingt, weil das Buch schlecht ist, aber Dawkins nimmt sich das Thema «Wieso Evolution wahr ist» vor, weil er das, zumindest seiner Meinung nach, in all seinen anderen Büchern bislang vernachlässigt hätte. Ob dem so ist, darüber kann man streiten, aber vor allem präsentiert Dawkins hier einfach die gesamten Fakten mit vielen Beispielen. Die man nur dummerweise schon alle kennt, wenn man nur ein paar seiner anderen Bücher gelesen hat. Jene Leute können also beruhigt auf die Lektüre verzichten. Falls man das noch nicht getan hat, und einen entspannt lesbaren Einstieg in das Thema sucht, dann macht man damit nichts verkehrt. 
  • The Poisoner's Handbook von Deborah Blum ist, entgegen des Titels, keine direkte Anleitung dazu, wie man seine Frau um die Ecke bringt, um an ihre Lebensversicherung zu kommen. Stattdessen beschäftigt sich Blum mit dem New York der 1920-1930er Jahre. Eine Zeit die nicht nur als Hochzeit von Jazz und Prohibition in die Geschichte eingegangen ist, sondern auch ein Paradies für Giftmörder war. Und auch deshalb die Geburt der medizinischen Forensik begründet hat. Dank Blum kann man die Geschichte von Alexander Gettler und Charles Norris, den beiden Köpfen hinter der Forensik, verfolgen. Dazu gibt es einen Haufen Kriminalfälle, an denen die beiden gearbeitet haben, genauso wie einen Überblick darüber, welche Gifte damals populär waren, wie sie wirken und wie man sie entdecken kann. Ein schönes Stück Wissenschaftshistorie, und man muss weder Mediziner noch Chemiker sein, um Blums Buch folgen zu können.
Die Links sind wieder Amazon-Partner-Links. Ihr bezahlt nicht mehr, wenn ihr darüber bestellt. @Senficon und ich bekommen aber wieder 1-2 Bälle fürs Bällchenbad bezahlt.

Zentralabitur Fluch oder Segen?

Posted by Bastian • Tuesday, May 10. 2011 • Category: Aktuell: , We Don't Need No Education
Heute hat mein Deutsch-Leistungskurs die Abiklausur geschrieben. Für mich war es das erste Mal Leistungskurs (vorher hatte ich immer nur Grundlurse) und das erste Mal Zentralabitur.

Ja. Ich war nervös vorm Öffnen der Umschläge mit den Aufgaben. Es gab dafür allerdings keinen wirklichen Grund. Der Kurs war der beste, den ich je hatte. Sie sind auch gut vorbereitet und es gibt drei Auswahlaufgaben. Da ist doch für jedem normalerweise etwas dabei. Insofern war es aber trotzdem noch interessant, welche Schwerpunkte die Auswahlkommission setzen würde.

1. Auswahlaufgabe: Analyse eines Auszuges aus "Berlin Alexanderplatz" mit anschließender Rezension für eine Schülerzeitung.

(Hat keiner ausgewählt. Hätte ich auch nicht genommen, vor allem deshalb, weil mir die Textstelle zu nichtssagend war.)

2. Auswahlaufgabe: Analyse eines Sachtextes zum Thema "Globalisierung" mit anschließendem Vergleich zu den Positionen des Autors eines 2. Textes

3. Auswahlaufgabe: Analyse eines Kommentars zum Thema "Internet" mit anschließender Erörterung (Das wäre mein Favorit gewesen, hätte ich selbst schreiben müssen).

Ich glaube zunächst mal nicht, dass mehr Standardisierung alle Probleme des Bildungssystem lösen kann (vermutlich nicht mal ein paar davon), weil hier Objektivität vorgetäuscht wird, die es nach meiner Erfahrung nicht geben wird. Zudem lässt es wenig Spielraum für Entfaltung von individuellen Lernwegen.

Auf der anderen Seite kann ich dem Zentralabitur durchaus etwas abgewinnen, dies ist aber vor allem eine subjektive Empfindung.
Dieser Deutsch-Leistungskurs war sehr leistungsstark, die Schüler überdurchschnittlich sozial kompetent, interessiert in alle Richtungen, mit einem offenen Geist und ganz viel Bereitschaft, über ihren Horizont zu schauen.

In diesem Kurs war es somit gleich, welche Themen uns vorgesetzt wurden, weil alles gut lief. Ich fand die Themenauswahl vielfältig (Globalisierung, Brecht: Hl. Johanna, Büchner: Woyzeck, Döblin: Berlin Alexanderplatz, politische Lyrik von Heine, Heym, Fried und zum Ende eine Reihe über Medien, Wirkung, Medienkritik).

Darüber hinaus lief es so gut, dass wir auch über die eigentlichen Abithemen rechts und links nach anderen spannenden Themen gucken und dies diskutieren konnten. Aktuelles, Banales, Tiefsinniges, Lustiges, Philosophisches, Trauriges usw.

Es gibt m.E. noch einen Vorteil des Zentralabiturs: Ich muss nichts zurückhalten. Alle Materialien, die ich habe, alle Interpretationen, alle Texte, die ich im Internet finde, kann ich ungefiltert weitergeben. Das kommt meinen Forderungen nach Transparenz nahe und macht es möglich, dass man sich gemeinsam auf eine quasi externe Prüfung vorbereitet. Das verringert die Hierarchie und ist eine Form der gemeinschaftlichen Weiterentwicklung, die mir sehr entgegen kommt.

Ich habe so viel gelernt in diesem Kurs. Viele Themen waren auch für mich neu. Bei anderen Themen habe ich neue Sichtweisen kennen gelernt. Deshalb geht mein Dank an meine wundervollen Schüler und Schülerinnen! (Ich werde dann schon ein wenig sentimental;-)

Geht hinaus und macht die Welt besser. Ihr habt alles Zeug dafür!

Zur Person: Birgit Rydlewski, 41 Jahre alt, Lehrerin für Wirtschaftswissenschaften und Deutsch am Richard-von-Weizsäcker-Berufskolleg in Dülmen/Lüdinghausen, digital immigrant, politisch engagiert.

Die nächsten Lesetipps

Posted by Bastian • Sunday, May 8. 2011 • Category: Aktuell: , with a wonder and a wild desire
Neben der Uni, dem Umzug, dem rum programmieren und der Analyse meiner Genotypisierung bin ich auch wieder ein bisschen zum lesen gekommen. Hier die Bücher die seit dem letzten Blogpost durch meine Hände gegangen sind:


  • Auf den Tipp von Philipp hin: Blood Meridian
    von Cormac McCarthy, von dem ich bislang nur The Road gelesen hatte. Ein extrem düsterer Western, hat sich aber auf jeden Fall gelohnt. Auch wenn ich mit McCarthys Stil, die Anführungszeichen konsequent nicht einzusetzen manchmal Probleme hab.

  • Weiter ging es mit dem wohl umfangreichsten Werk von Richard Dawkins: The Ancestor's Tale
    . Ganz in Art der Canterbury Tales von Chaucer wird in dem Buch eine Pilgerreise begangen. Allerdings halt nicht nach Canterbury, sondern zurück in der Zeit. Bis an den Ursprung des Lebens. Ausgehend von Homo Sapiens klettert man den Tree of Life zurück um an jeder Gabelung von diesem Ast aus neue Pilgergruppen zu treffen: Von den anderen Menschenaffen über Nagetiere, alle anderen Säuger und Fische bis zu den einzelligen Eukaryoten und zum Last Universal Common Ancestor. Dabei lernt man nicht nur, ganz nebenbei, die Anordnung der verschiedenen Gruppen im Tree of Life sondern auch viele spannende Details zu einzelnen Tiergruppen und über Evolutionsbiologie allgemein.

  • Mit der Evolutionsbiologie geht es auch weiter. Evolution von Douglas Futuyma ist eines der Lehrbücher, was man häufig empfohlen bekommt. Ich hab es nur überflogen, da mir das meiste aus meinen Vorlesungen & Co schon bekannt war, aber es ist nett und verständlich geschrieben, und wenn man gerade mit der Thematik anfängt sicher auch zu empfehlen. Ich hatte mir nur etwas mehr zu den mathematischen Modellen, die man zur Beschreibung nutzen kann gewünscht.Aber dafür gibt es ja auch andere Bücher: 

  • Ich hab es mit R.A. Fishers Genetic Theory of Natural Selection versucht. Da sind viele der grundlegenden Modelle drin, allerdings merkt man dem Buch sein Alter mittlerweile auch an. In den 1930ern, also noch einige Zeit vor der Entdeckung der DNA-Struktur, geschrieben, ist es zwar eine gute Grundlage, aber vielleicht nicht das beste Buch, um in die Thematik einzusteigen. Außerdem sind die elektronischen Versionen, die man davon bekommen kann extrem schlecht zu lesen. In den ePubs hat die Text-Erkennung beim Scannen der Formeln total versagt. Und auch der normale PDF-Scan ist nicht so der Hit. 

  • Besser ist da schon Evolutionary Genetics von John Maynard Smith. Ich bin noch nicht ganz durch, aber so weit ich das sehen kann deckt Smith die Themen von Fischer ebenfalls mit ab und hat nicht nur den Vorteil, dass das Buch um einiges aktueller ist, sondern es ist auch didaktisch aufbereitet und macht es einem einfacher, den Modellen und Formeln zu folgen. Wer sich für das Thema Evolutions & Populationsgenetik interessiert sollte vielleicht mit dem Buch einsteigen.

  • Zum Abschluss noch ein Buch, dass nicht aus der Evolutionsbiologie kommt (also nicht direkt): Reality Is Broken: Why Games Make Us Better and How They Can Change the World von Jane McGonigal. Jeder kennt das Klischee: Gamer sind vereinsamte, meist etwas dickliche Nerds, die alleine im Keller sitzen und Pixel abschiessen. Und im schlimmsten Fall danach noch Amok laufen. Der Blick von McGonigal ist ein anderer: Gamer sind hocheffiziente, kreative Problemlöser die sich extrem motiviert und freiwillig daran machen sich selbst gesteckte, unnütze Hindernisse zu überwinden. In ihrem Buch erklärt sie, wieso sie zu ihrer Einschätzung kommt und wie man diese Fähigkeiten nutzen kann, nicht nur zum eigenen Vorteil, sondern auch um die Welt ein Stück besser zu machen.

Falls sich wer zum nachlesen entscheiden sollte: Viel Spaß damit. Noch ein Hinweis: Die Amazon-Links sind Amazon-Partner-Programm-Links. Wenn ihr darüber etwas bestellt, dann kostet es euch nicht mehr. Aber ihr finanziert @Senficon und mir damit 1-2 Bälle für unser Bällebad. Trotzdem habe ich, so es legale & frei verfügbare Angebote gab, auf die kostenlosen Bücher gelinkt. 

Frust

Posted by Bastian • Saturday, May 7. 2011 • Category: Aktuell: , We Don't Need No Education
Beim Korrigieren von Klausuren trifft mich manchmal die Erkenntnis, dass ich als Lehrer vielleicht gar nicht tauge, weil da einfach keine Lerneffekte eintreten. Da sortiert man ein halbes Jahr Gleichungen hin und her, lässt Netto- aus Bruttobträgen berechnen, übt den Konjunktiv und in der Klausur fällt auf, dass bei vielen Schülern nichts davon angekommen ist. Ich habe es mit unterschiedlichen Methoden versucht, streng, mit Freiräumen und trotzdem musste ich etliche "Blaue Briefe" ausfüllen (mit der Hand, aber das ist ein anderer Aufreger).

Wir haben mittels Lernen durch Lehren gelernt (oder halt nicht), ich habe acht Wochen Freiraum geboten, in denen Grundlagen des Rechnungswesens wiederholt werden konnten. Ich war präsent und habe zumindest versucht, Regeln durchzusetzen und trotzdem habe ich langsam die Erkenntnis, dass nicht alle das Schuljahr schaffen werden (darunter auch Wiederholer, für die die Schule dann bei uns aufgrund der Höchstverweildauer in dem Bildungsgang endet). Mich ärgert das. Ich gebe nicht gerne schlechte Noten. Ich sehe Menschen nicht gerne zu, wenn sie "vor die Wand laufen" oder irgendwie im schulischen Sinn "versagen".

Auf der anderen Seite habe ich das Gefühl, an meine persönlichen Grenzen zu stoßen zwischen allen Gesprächen, Konferenzen etc. In meiner Klasse habe ich mal gesagt, dass es erst ernst wird, wenn ich mich nicht mehr aufrege (weil dann irgendwann der Punkt überschritten ist, an dem man das Schuljahr noch retten kann). Jetzt ist noch etwas Zeit, aber mit Feiertagen, Praktikum etc. ist offensichtlich, dass nicht mehr viel Zeit ist. Warum werdet ihr nicht endlich wach?

Mal Klartext: Ich war weit entfernt davon, Musterschüler zu sein. In der Mittelstufe haben die Lehrer unsere Klasse gehasst. Es soll heulende Exemplare gegeben haben (und als Schüler findet man das nicht einmal besonders schlimm.) In der Oberstufe kamen andere Probleme hinzu. Liebeskummer in jeder erdenklichen Form. Mit 17 hatte ich meinen ersten wirklich ernsthaften Freund (mit dem ich dann 14 Jahre zusammen war (aber auch das ist eine andere Geschichte)). Worauf ich hinaus will: Schule war auch für uns damals denkbar unwichtig. Sie war nett, weil man dort die Menschen getroffen hat, die einem wichtig waren, aber nur ganz selten wegen der Inhalte (Mathe, Bio habe ich gerne gemacht, den Rest eher gezwungen). Meist ist man hingegangen, oft auch nicht und gelegentlich ist man beim Blaumachen erwischt worden (weil auch Lehrer mal in die Stadt gehen). Mein Abitur war mittelmäßig (2,8). Außer für Mathe habe ich nicht dafür gelernt und für Mathe auch nur, weil ich im Vergleich zu meinem Freund nicht schlechter sein wollte. Ich hatte eine vage Idee, was ich werden wollte (damals war das Fotografin, weil ich dafür wohl etwas Talent hatte und freie Zeit im Fotolabor verbrachte). Aber Schule lief halt nebenher (Reiten war ich schließlich auch noch und Hausaufgaben habe ich oft im Stall mal kurz erledigt, Latein abgeschrieben usw.)

Aber irgendetwas war eben doch anders. Ich glaube gar nicht, dass wir so viel schlauer waren, aber wir haben das System "Schule" genug durchschaut, um zu erkennen, wo wir aufpassen, wo wir lernen mussten und wo wir es lassen konnten.

Dann komme ich zurück zur heutigen Zeit: Die Schüler sind nicht dümmer, schlechter etc. Davon bin ich überzeugt. Aber die Erkenntnis, dass man irgendwann Verantwortung für sein Leben übernehmen muss, kommt m.E. manchmal zu spät an. Für mich geht es essentiell genau darum. Die Chancen zu sehen und zu nutzen, die man hat. Die Freiräume auszufüllen. Eigene Interessen zu verwirklichen. Nicht nur auf Anweisung zu handeln (der Ordnungsdienst klappt übrigens super, also alles mit klarer Handlungsoption und solange jemand "mit der Peitsche" dahinter steht).

Im Moment ist mir noch nicht wirklich klar, was mir noch an Möglichkeiten bleibt, um ihnen bei der Erkenntnis zu helfen....

Zur Person: Birgit Rydlewski, 41 Jahre alt, Lehrerin für Wirtschaftswissenschaften und Deutsch am Richard-von-Weizsäcker-Berufskolleg in Dülmen/Lüdinghausen, digital immigrant, politisch engagiert.