Gedankenstücke

(m)ein Leben durch den Sucher

Wider das deutschen (Bildungs-)Superheldentum

Posted by Cristian • Wednesday, March 10. 2010 • Category: Aktuell: , The Pirates Gospel
Deutschland liebt Helden. Starke Persönlichkeiten, die es spielend mit einer unfassbaren Herausforderung aufnehmen können und stets triumphieren. Sei es nun Superman, Superkanzler(in) oder Superminister. Doch während es jenseits des Atlantiks nun einen Superpräsidenten gibt, wurden hierzulande alle Supers seit Siegfried schon längst als nicht-ganz-so-heldenhaft entzaubert. Ehemalige Superkanzler arbeiten jetzt für die Oligarchen und ehemalige Superaußenökominister gleich für den verhassten Unökoerzfeind.

Also hat man sich gedacht, dass neue Helden her müssen und schaute sich um. In dem Land, von dem Deutschland seit dem letzten Weltkrieg so ziemlich alles übernommen hat, was man kriegen konnte, gab es nun einen Superpräsidenten der es mit der größten Krise aufnehmen sollte, die jemals von einer jahrzehntelangen Misswirtschaft hervorgebracht wurde.
Hergestellt wurde dieser Held natürlich an einer Super-Eliteuniversität und schon war klar, so etwas braucht man in Deutschland auch.

Soweit zur völlig überzogenen und im Detail auch noch falschen Einführung, doch eine wirklich triftige Erklärung, weshalb Deutschland nun auch noch Eliteuniversitäten mit Elitestudenten und Exzellenzlehren braucht ist mir noch nicht untergekommen. Diese Idee, dass es neue Helden braucht um den Berg von Problemen zu lösen, die sich wie bei Obama durch jahrzehntelange Misswirtschaft angestaut haben, ist möglicherweise nahe liegend.
Aber sie ist Unsinn.
Es ist eher wahrscheinlich, dass man mit der Finanzierung von ein paar wenigen Eliten sich ein Alibi schaffen möchte, um zu sagen "Seht her, wir haben auch Eliteabsolventen von Weltrang". Blöd ist nur, dass die paar meist wenig Interesse zeigen den Karren aus dem Sumpf zu ziehen und stattdessen dem Ruf der Welt nach Rang folgen. Stichwort Brain Drain

Ein (nicht ganz so) kurzer Einschub zu meiner Person und Hintergrund: Ich bin ein Absolvent einer solchen Eliteuni (Aachen), doch nach etlichen Jahren von nicht-wirklich-elitären Studienbedingungen kommt mir die Auszeichnung für Exzellente Lehre wie blanker Hohn vor. Zugegeben, es handelt sich um einen Konzeptpreis für einen hypothetischen Plan, wie es möglicherweise in unbestimmter Zukunft aussehen könnte.
Es ist unwahrscheinlich, dass das deutsche Bildungssystem noch zu meiner Lebenszeit in einer Katastrophe endet, wie man jetzt denken könnte. Aber meine Sicht geht darüber hinaus. Zudem muss es noch nicht einmal in einer Katastrophe enden, sondern es genügt bereits wenn man von immer mehr Staaten ausgestochen wird, wie man auf diesen Seiten eindrucksvoll ersehen kann. Als ehemaliger Diplomstudent der letzten Stunde heißt es nun "Nach mir die Sintflut". Aber es ist kein Motto sondern bittere Realität, wenn ich höre, was den Bachelors nach mir angetan wird. Das heißt nicht, dass ich das System per-se verdamme, sondern hauptsächlich dessen Umsetzung.

Zurück zum Brain Drain: Sicherlich mag es viele Beweggründe geben, weshalb die "bildungsnahen" Schichten dazu tendieren ihr Glück anderswo zu suchen, doch kann man es irgendwo zusammenfassen unter "den Nachkommen die besten Chancen bereiten". Sei es durch eine möglichst umfangreiche Erbschaft, ganz viele hochkarätige Kontakte oder eine große Nähe zu förderlichen Umständen. Diese Form der Nachkommenschaftshilfe (bzw Kapital) hat sich für den Menschen bewährt, denn unter allen Lebewesen auf der Erde ist er jenes mit der längsten Abhängigkeitsdauer der Kinder von den Eltern. Nimmt man dieses uralte Prinzip als Basis, so gibt es zwei grundsätzliche Herangehensweisen, um die obigen Ziele zu erreichen. Die konstruktive Variante bemüht sich dieses Kapital zu erarbeiten, während die destruktive Variante sich darum müht, das alle anderen möglichst wenig Vorteile haben. Zu letzterem zähle ich die Elitisierung, die Sicherung von scheinbar begrenzten Ressourcen für einen kleinen Kreis.

Ich sehe mich als Teil des sog. Bildungsbürgertums, die sich im wesentlichen dadurch auszeichnen, dass sie außer der Bildung praktisch kein Kapital besitzen (Im Gegensatz zum Besitzbürgertum). Aufgrund einer konstruktiven Weltanschauung befürworte ich keine künstliche Verknappung von Gütern, möchte keine "optimale Umgebung" durch die Ghettoisierung von Bevölkerungsschichten schaffen und stehe Kapitalaufbau ohne adäquate persönliche Leistung kritisch gegenüber.

Die Namen der Länder die der Bildung einen deutlich höheren gesellschaftlichen Wert zuweisen, kann man problemlos den OECD Studien entnehmen. Die Umstände, die zu diesen Ergebnissen geführt haben jedoch nicht. So haben etwa die USA die höchsten Ausgaben pro Student (Abb. 13332), bewegen sich aber doch eher im Mittelfeld. So zeichnet sich etwa das PISA-Wunderland Finnland nicht dadurch aus, dass es eine besonders individuelle Betreuung liefert (Abb. 13806), sondern dass besonders wenig Unterschied zwischen Kindern unterschiedlicher Klassen besteht (Abb. 13317). Ein Blick in des finnische Schulsystem zeigt weitere Unterschiede zu dem uns bekannten: während sich das deutsche Bildungssystem darum bemüht, möglichst früh zu "sieben" und die Unterschiede zu festigen, wird man in Finnland (oder Schweden) sehr lange zusammengehalten. Diese frühe "qualitative Segregation" in Deutschland führt m.E. zu einer Ghettoisierung der Bildung die sich dann in der Gesellschaft fortsetzt: Eliten und Pöbel. Beide Begriffe sind für mich gleich negativ besetzt.

Die destruktive Form der oben genannten "positiven Entwicklungsbedingungen für den Nachwuchs" ist es, wenn man die positiven Aspekte für sich beansprucht und gleichzeitig möglichst viel unwürdige ausschließt, z.b. durch Studiengebühren und Notenbarrieren. Letztere wurde erst kürzlich noch durch die verpatzte Bolognareform verschärft. Man schafft gewissermaßen Eliten dadurch, dass man möglichst viele ausschließt.

Die politische Entwicklung der letzten Jahrzehnte hat gezeigt, dass für so ein konstruktives Bildungssystem keine der größeren Partei das Wort ergreift. Während FDP und CDU/CSU den Elitengedanken zu immer neuem Wahnwitz treiben dümpelt die SPD konzeptlos vor sich hin während sich die Linke und NPD darauf beschränken Neid- und Missgunst-denken zu bedienen. Die Grünen sind zwar etwas progressiver, allerdings vornehmlich auf dem Papier während die Parteifunktionäre sich schon an den Rest weitestgehend angepasst haben und jede Innovation unterdrücken.

Sehr glücklich bin ich daher über über den kürzlich verabschiedeten Programmpunkt Bildung der NRW Piraten, der einen sehr großen Rückhalt gefunden hat. So ist weniger entscheidend, dass er sich vielleicht in dem ein oder anderen Punkt einem bestehenden Wahlprogramm der anderen Parteien ähnelt, sondern dass es diesmal genug Interesse gibt, dieses auch umzusetzen und statt sich 32 Jahre an einem tollen Konzept erfreuen.

Es nutzen die besten Ideen nichts, wenn man sie nicht umsetzt. Von daher bitte ich jeden das Bildungsprogramm der Piraten zu unterstützen damit sich endlich etwas tut.
Bildung statt Helden.




-edit
Ein paar weiterführende Links zum gleichen Thema: