Gedankenstücke

(m)ein Leben durch den Sucher

Bloggen als Notwehr? Oder als Mittel, die Gesellschaft zu verändern?

Posted by Bastian • Wednesday, September 1. 2010 • Category: Aktuell: , The Pirates Gospel
Meine These zum Privacy-Panel auf der openmind #om10 war ja kurz und knackig: „Wer sein Leben öffentlich im Netz lebt, der verliert nicht seinen Job, sondern seine Angst.“ Das ist natürlich arg verkürzt. Aber ich sehe eigentlich 2 gute Gründe, wieso man ruhigen Gewissens Teile seines (Privat-)Lebens veröffentlichen kann und vielleicht auch sollte. Zum einen haben wir bereits einen gewissen Status Quo erreicht, der seinerseits viele neue Fragen aufwirft. Und das andere ist die Frage nach der Gesellschaft in der wir leben wollen.

Zum Status Quo hat mspr0 bereits einen sehr spannenden Artikel veröffentlicht. Denn es ist mitnichten so, dass einzelne Personen gezielt offline bleiben können. Lehrer, Dozenten, Handwerker, Ärzte, Restaurants und was nicht noch alles werden bereits online bewertet. Und das egal ob sie das wollen oder nicht. Das Internet gibt den Kunden/Usern die Möglichkeit, so auch jene aus der offline-Welt ins Netz zu ziehen. Vielleicht nicht in erster Linie deren Privatleben. Aber die Grenze ist, gerade bei Berufen wie Lehrern, doch eher schwammig.

Die hysterische Diskussion um Google Street View der letzten Wochen hat dabei auch andere Stilblüten hervorgebracht. Da wenden sich Leute an Lokalzeitungen, um über ihren Widerspruch zu Street View zu berichten, und lassen sich dann stolz vor ihrem Haus ablichten. Unter der Angabe des vollen Namens. Und dieser Artikel landet dann, erwartungsgemäß, im Netz. Dass Google durch die kleine Stichstraße niemals durchgefahren wäre, da dort keine Autos fahren können? Nur noch eine Randnotiz.

Ein anderes Beispiel um Street View: Eine junge Frau gibt BILD.de gegenüber an, dass sie gegen Street View ist, weil sie ja gerne oben ohne auf der Terrasse liegt und sie deshalb Angst vor Spannern durch Street View hat. Bild veröffentlicht das Foto der Frau, zusammen mit ihrem Namen und ihrem Wohnort. Die Abfrage nach der Adresse ist nur ein Telefonbuch weit entfernt. Und schon haben potentielle Spanner nicht nur eine Adresse bei der es sich lohnen könnte mal vorbeizuschauen, sondern sogar schon ein Foto von dem, was sie dort erwarten könnte. Ganz ohne Street View.

In dem Zusammenhang auch passend: Meine Betrachtung von Google Latitude und die Frage danach, in wie weit man die Daten von verschiedenen Personen zusammenführen kann, um über andere Personen an Informationen der eigentlichen „Zielperson” zu kommen. Und auch der Einwand von mspr0 bezüglich Google Goggles ist berechtigt. Denn die Technik, um Fotos von Personen einen Namen zuzuordnen, ist schon da. Apples iPhoto und auch Picasa von Google bieten so etwas bereits rudimentär an. Und es wird nicht mehr lange dauern, bis man von x-beliebigen Personen in der U-Bahn ein Foto schiessen kann, welches dann in eine Google-Suche umgewandelt wird. In wie weit solche Technik-Dinge unsere Gesellschaft verändern, ist noch völlig offen und wird wohl nur die Zeit zeigen.

Was man aber sieht: Offline bleiben kann nicht die Antwort sein. Außer man verweigert sich eines Jobs und verbleibt in seiner abgedunkelten Wohnung. Wer dies nicht tut, sollte aber vielleicht lieber online gehen und sich zumindest ein Stück Kontrolle zurückerobern. Denn wenn ich das öffentliche Bild über meine Person nur von anderen bestimmen lasse, habe ich gar keinen Einfluss darauf. Dies ändert sich aber schlagartig, wenn ich selbst das Zepter in die Hand nehme.

Mit jedem Tweet, jedem Facebook-Status-Update, jedem Blogpost beeinflusse ich das Bild über meine Person. Nicht zwingend zum Guten, allerdings schwäche ich damit den Gesamteinfluss von Dritten auf mein Bild. Bloggen als Notwehr quasi.

Aber dann gibt es noch die zweite Motivation, aus der man sich selbst öffentlich machen kann: In was für einer Welt wollen wir leben? Der Trend geht dazu, dass das Private als der Raum dargestellt wird, in dem man sein kann. Aber soll dies der Weisheit letzter Schluss sein? Und in wie weit ist es Freiheit, wenn man selbst nur im privaten Raum leben darf?

In früheren Zeiten war es zum Beispiel die Zugehörigkeit zur falschen Religion, die Betroffene nur im privaten Raum ausleben durften. Entsprechende Regelungen findet man beispielsweise zur Zeit des Islams auf der iberischen Halbinsel, ab 630 nach Christus: Andere Religionsgemeinschaften (solange sie Buchreligionen sind) werden geduldet, wenn sie Steuern für ihre Religionszugehörigkeit bezahlen und die Ausübung ihrer Religion auf den privaten Raum beschränken.

Heutzutage immer wieder herangezogen: Die Partyfotos im Social Network der Wahl, die der Personalchef dann als Begründung nutzt, um einen nicht einzustellen. Was in mindestens 2 Dimensionen zu kurz gedacht ist: Denn zum einen kann man relativ sicher davon ausgehen, dass auch der Personalchef ab und an mal einen über den Durst trinkt. Und eigentlich sollte das auch kein Kriterium dafür sein, ob er für den Job geeignet ist oder nicht. Und zum anderen dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis auch der Personaler aus einer Generation stammt, die Party-Fotos im Netz hat. Das Problem ist die vermeintliche Abnormalität des eigentlich Normalen. Und um diese Situation zu ändern, bedarf es Menschen, die offen dafür eintreten.

Ich wage mal zu behaupten, dass die immer besser werdende Situation von Menschen die nicht der Hetero-Normativität entsprechen auch damit zu tun hat, dass Menschen ihr Coming-Out haben, für sich einstehen und so der gefühlten Abnormalität entgegentreten. Der Erfolg der Szene rund um Homosexualität steht und fällt mit Leuten die dafür eintreten. Ein bekanntes Beispiel ist Jack McGeorge, der selbst aktiv gegen die Diskriminierung von BDSMlern vorgeht. Gleichzeitig war der gute Mann auch Waffeninspekteur der UNMOVIC im Irak. Nachdem sein Engagement in der BDSM-Szene bekannt wurde (er selbst hat daraus nie ein Geheimnis gemacht), sollte er, angefeuert von einer Medienkampagne, seinen Job bei der UN verlieren. Hans Blix, zu der Zeit Chef der UNMOVIC, verweigerte den Rücktritt, mit Berufung auf die Qualifikation von McGeorge.

Und das ist, zumindest meiner Meinung nach, der Punkt an den wir allgemein kommen sollten. Betrinkt euch, ladet die Fotos ins Netz und macht euren Job trotzdem gut. So what? Wir brauchen Toleranz gegenüber den Eigenheiten von Menschen. Gerade jetzt, wo wir sie dank Web 2.0 & Co ohne weiteres erfahren können und werden. Es ist klar, dass wir noch nicht so weit sind. Es gibt für Menschen immer noch gute Gründe, Privates privat zu halten. Sei es aus Angst um Job, Status oder wasauchimmer. Aber wer sein Leben offen leben kann, sollte sich überlegen, wieso er das nicht auch so handhaben sollte.

„Wer sein Leben öffentlich im Netz lebt, der verliert nicht seinen Job, sondern seine Angst.“ Denn was öffentlich liegt, das wird schnell öde und taugt nicht wirklich gut als Skandal. Bei McGeorge war der Fall weniger ein Zwangsouting als die Beschreibung von längst bekannten Tatsachen. Kein Wunder, dass er relativ entspannt “So What?” sagen konnte. Freiheit statt Angst? Ja, aber nicht, wenn dies heisst, nur im Privaten leben zu dürfen.

0 Trackbacks

  1. No Trackbacks

6 Comments

Display comments as (Linear | Threaded)
  1. Moin Bastian!
    Serh interessanter Denkansatz.
    Meine Frage dazu: was machen wir in der Zwischenzeit, bis alle Menschen entsprechend liberal in Ihren Ansichten geworden sind, wie Du und ich? Auf meiner kleinen Erfahrungswelt hat sich gezeigt, das die am wenigsten liberalen und internetaffinen Menschen zur Zeit noch in echten Entscheiderpositionen sitzen (siehe Ziercke) und wohl noch ein paar Jahre dort sitzen werden (leider).
    Schöne Grüße aus Dortmund!
  2. Hey Toso,
    bis dahin müssen die Leute als Beispiel dafür vorangehen, die damit umgehen können, dass es zur Zeit nicht in jedem Fall einfach ist. Analog zum Coming-Out: Das war vor 50 Jahren, im Vergleich zu heute, auch nicht einfach. Trotzdem haben es Leute getan und damit einen Weg geebnet.

    Ich fordere ja auch nicht, dass jeder ab sofort sein Leben in die Cloud transferiert. Aber die Leute “die sich das erlauben können” sollten es tun. Und somit einen Schritt in Richtung Besserung tun.

    Und so kommt man dann auch dahin, dass in Entscheiderpositionen irgendwann liberale/internetaffinere Menschen sitzen. Wir haben eine Kanzlerin und einen schwulen Außenminister. Auch das wäre vor nur wenigen Jahren nicht denkbar gewesen :-)
  3. Hola! Bastian!
    Danke für die Klarstellung. So verstehe ichs besser.
    Ist eh alles nur ne Vorstufe zu dem, das wir unsere Hirne direkt elektronisch erweitern und Quasitelepathie betreiben.
    Oh, mist, zuweit gedacht. Erzähls nicht weiter.
    "Ziercke! Wo ist das Internetradiergummi?"
  4. Moin,
    ich denke, dass (siehe z.B. Streetviewdebatte) viele Ablehnende Reaktionen gegenüber Web 2.0 & Co. einfach auch durch Unwissenheit begründet sind. Unwissenheit führt zu Angst. Wenn ich nicht weiß, wie ich mit privacy-settings umgehe, gehe ich davon aus, dass mein Chef morgens mein Partyfoto in der Mail hat.
    Aus diesem Grund bin ich der Meinung, dass Bloggen nicht nur Notwehr, sondern auch Aufklärung sein sollte. Aufgeklärte Menschen brauchen keine Angst zu haben! Das private Umfeld auf der bestehenden Ebene ans Web heranführen, urban legends entlarven, Mehrwerte und/oder erleichterungen vorführen/-leben, Tutorials ins Netz stellen, ... All dies sind Möglichkeiten den Maschinenstürmern den Boden zu entziehen.
  5. Sehr feiner Artikel!
    Bezüglich Personaler: Dem Herrn vom ZDF habe ich gesagt, dass es mir als Personaler doch eher suspekt sein sollte, wenn ich von jemandem nichts im Netz finde, wenn sich jemand dieser "neuen Öffentlichkeit" also verweigert.

    Außerdem muss ich mal anmerken, dass meine keine Joboption verliert, die Aussicht auf Erfolg hatte, wenn der Personaler einen wegen kompromittierender Fotos im Netz ablehnt. Ich persönlich wollte in einer solche Spießerbude nicht arbeiten, da können von mir aus die ganzen CDUler weiterhin die christlichen Verzichter spielen, für mich ist das nix. In meiner Welt von Morgen, spielen solche Dinosaurier keine Rolle mehr...
  6. Mit dem Personaler hast du für dich genommen natürlich recht. Und auch ich sehe das so. Wer mich wegen Dingen, die nichts mit der beruflichen Qualifikation zu tun haben, nicht einstellt der kann gut auf mich als Angestellten verzichten und ich genauso auch auf den Job.

    Allerdings darf man nicht vergessen, dass nicht jeder diesen Luxus hat. Es gibt Menschen, die sind auf ihren/einen Job angewiesen sind und deshalb diese Option nicht haben.

Add Comment


Enclosing asterisks marks text as bold (*word*), underscore are made via _word_.
Standard emoticons like :-) and ;-) are converted to images.
E-Mail addresses will not be displayed and will only be used for E-Mail notifications.
BBCode format allowed