Gedankenstücke

(m)ein Leben durch den Sucher

Open Access beschneidet die Rechte der Urheber?

Posted by Bastian • Wednesday, July 21. 2010 • Category: Aktuell: , The Pirates Gospel
Mittlerweile hat selbst die CDU/CSU eingesehen, dass es auf dem Sektor der wissenschaftlichen Veröffentlichungen Probleme gibt. Klar, keine Pflicht zu Open Access wird von dort gefordert, immerhin sollen die armen Verlage ja nicht pleite gehen. Aber in einer Pressemitteilung vom 13.07. wird vorgeschlagen ein verbindliches Recht zur Zweitverwertung für Autoren einzuführen. Nach einer bestimmten Frist sollen Autoren dann das Recht haben ihre Werke auf jeden Fall selbst weiter zu verwerten. Wohlgemerkt: Das Recht, nicht die Pflicht.

Vermutlich nicht der Weisheit letzter Schluss, aber ein guter Anfang um die Position der Autoren und auch die Verbreitung von Open Access zu stärken. In einem, heute bei FAZ.net erschienenen, Artikel beschwert sich Roland Reuß, Initiator des Heidelberger Appells gegen freies Wissen, lautstark über diesen Vorstoß. Da ist von „Verstaatlichungsphantasien” geredet mit denen man den Verlagen schaden will. Nach Reuß' Ansicht schwächt dies die Position der Autoren da sie den Verlagen keine exklusiven Verwertungsrechte mehr andrehen können, womit der Autor seine Vertragsfreiheit verlieren soll. Als Konsequenz würden die Verlage die Veröffentlichungen nicht mehr annehmen. So weit seine Verschwörungstheorie.

Und da merkt man ganz eindeutig, dass der gute Herr von dem Betrieb in den Naturwissenschaften keine Ahnung hat, auch wenn er das Thema kurz anspricht. Denn es ist nicht so, dass Autoren gerne und freiwillig ihre sämtlichen Verwendungsrechte von ihren Ergebnissen an Verlage abtreten. Im Gegenteil. Leider zwingt der tägliche Wissenschaftsbetrieb einen zu genau solchen Verträgen. Denn das Motto ist und bleibt „publish or perish”: Veröffentliche oder geh unter. Forschungsmittel bekommt nur wer Reputation hat und Reputation bekommt man nur darüber, dass man in erstklassigen Journals veröffentlicht. Und genau die Journals und Verlage sind es die sich die Exklusivrechte sichern.

Wer also seiner eigenen Karriere nicht schaden will, der hat keine andere Option als in den sauren Apfel zu beissen und die Rechte an Verlage abzutreten. Damit ist die Vertragsfreiheit in den Naturwissenschaft schon durch die Eigenheit des Systems auf ein Minimum beschränkt. Mit einer diesbezüglichen Änderung würde man zumindest sicherstellen können, dass jeder Autor diese Option erhält, von einem „drängen wider Willen” kann gar nicht die Rede sein. Stattdessen bekommen die Autoren einen Teil ihrer Rechte die von Verlagen genommen wurden wieder zurück.

Und ich kann es nur wiederholen: In den USA ist es so, dass jeder der durch die NIH Fördermittel bekommt nicht das Recht sondern die Pflicht hat seine Veröffentlichungen binnen 12 Monaten online frei verfügbar zu machen. Auch wenn Reuß das nicht wahrhaben will.

Genauso wirr, wie dieser vorgegaukelte Zwang, ist das Argument, dass dem Autor nur der Weg der Selbst-Online-Veröffentlichung bleiben würde. Mit dem Nachteil, dass es nicht mehr lektoriert wird. Nun, vielleicht sollte Reuß mal schauen wie weit bei Verlagen überhaupt noch ein Lektorat stattfindet (Antwort: Quasi gar nicht) bevor er sich auf das schmale Brettchen stellt. Online gehen alle Publikationen unter und alle sind verdammt unbeworben nicht mehr gelesen zu werden? Studien belegen, dass Veröffentlichungen die frei verfügbar sind nicht nur mehr gelesen werden sondern auch in anderer Fachliteratur mehr zitiert werden.

Reuß macht in dem FAZ-Artikel vor allem eins: Panik. Und das wegen Dinge die er offensichtlich nicht ausreichend kennt um sie zu bewerten. Oder er kann sie bewerten und es ist ihm nur recht, dass Wissen anstatt für die Allgemeinheit verfügbar zu sein hinter Paywalls verschimmelt auf die niemand Zugriff hat. Und ich bin mir nicht sicher was ich schlimmer finden sollte...

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3 Comments

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  1. Es ist immer dasselbe mit Roland Reuß, einfach nicht zum Derscheißen, was der Mann sich an prominenter Stelle da zusammenphantasiert. :-)

    Würde ich ja am liebsten nicht einmal mehr ignorieren, aber er ist in seiner stupenden Ignoranz auch sehr unterhaltsam. (Aber eben auch für die schlichteren Gemüter gefährlich.)
  2. Verlage, die Veröffentlichungen nicht mehr annehmen? Praktisch seit Verlage wissenschaftliche Artikel veröffentlichen, gibt es einen grauen Markt, auf dem Wissenschaftler untereinander Kopien ihrer Artikel tauschen. Früher mit Anfrage per Postkarte und Papierkopien, heute per eMail und PDF. Von den meisten Verlagen wird das offiziell verboten, verklagt wurde meines Wissens aber noch kein Wissenschaftler von einem Verlag.

    Wieso auch?!? Wenn die Verlage anfangen, ihre einzige Kundschaft zu verklagen, wird es ihnen wie der Musikindustrie (und davor den Dodos) ergehen. Die Verlage können sich nicht einfach andere Kunden suchen, wenn sie bei den Wissenschaftlern plötzlich schlechtere Konditionen kriegen. Sie haben nämlich keine anderen. Sie müssen halt damit leben...
  3. Das Argument, dass mich am meisten stört, ist dieses (unterschwellige) "Dann bleibt nur die Selbstveröffentlichung." mit dem suggerierten Verlust von Lektorat, Begutachtung, usw.
    Dass das so pauschal nicht stimmt, lässt sich unter http://www.olivertacke.de/2010/06/17/qualitat-hat-ihren-preis-oder-doch-nicht/ nachlesen.

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