Gedankenstücke

(m)ein Leben durch den Sucher

Überregulierung: Zerbrochene Fenster und gemeinsame Räume

Posted by Bastian • Thursday, June 24. 2010 • Category: Aktuell: , The Pirates Gospel


Das wir Piraten in NRW offensichtlich ganz besonders grausame und barbarische Menschen sind beweist unsere Satzung ja regelmässig. Wie ist es anders zu erklären, dass nicht nur der Vorstand tot reguliert wird (wo es da ja noch vermeintlich sinnvoll ist: Auch schlechte Herrschende sollen ja keinen großen Schaden verursachen können - in wie weit der Vorstand in NRW Macht besitzt kann man ja bei Markus Gerstel nachlesen) sondern auch die Basis™:

Ich bin nun auf jeden Fall ein potentieller Satzungsübertreter im Sinne der Satzung des Landesverbands Nordrhein-Westfalen der Piratenpartei. Und das liegt daran, dass die Landessatzung sich auch detailliert dazu äußert wer auf einer Mailingliste, der Crewsprecherliste (wir erinnern uns: Crews müssen reguliert werden...), Schreibrecht besitzt. Dazu gehören die Sprecher der satzungsgemäß gegründeten Arbeitsgruppen, der satzungsgemäß gegründeten Projektgruppen, die Sprecher von satzungsgemäß gegründeten Crews und -ausnahmsweise- auch der Vorstand.

Und ich zwielichtige Gestalt habe nun über genau diese Mailingliste die Einladung zu den LiquidFeedback-Workshops gesendet. Ohne Berechtigung, ohne Beauftragung. Klar, selbst schuld kann man da sagen. Lerne doch die Satzung auswendig. Doch das ist gar nicht so simpel, immerhin ist der Umfang vergleichbar mit der Bill Of Rights die sich die Amerikaner als Verfassung gegeben haben. Und nun muss auf jeden Fall der Vorstand entscheiden ob das eine Ordnungsmaßnahme rechtfertigt oder nicht.

Und es gibt da eine Hypothese in der Verbrechensbekämpfung die ganz klar dafür spricht, dass man auch so etwas hart bestrafen sollte: Grundlage dafür ist die Broken-Windows-Theorie. Diese beschreibt, dass bereits kleine Dinge, wie eben ein zerbrochenes Fenster, später zu kompletter Verwahrlosung führen können. Sprich: Bereits kleine Verfehlung können zu einem kompletten Dammbruch führen.

Dabei basiert das Ganze auf einem Experiment was der Psychologe Philip Zimbardo bereits 1969 durchführte: Er stelle zwei Autos einfach einsam und alleine auf die Straße. Nicht abgeschlossen, ohne Nummernschilder und mit geöffneter Motorhaube. Allerdings einmal in der New Yorker Bronx und einmal in der Kleinstadt Palo Alto in Kalifornien.

In der Bronx soll angeblich schon nach 10 Minuten eine Familie sich über das Auto hergemacht haben und nach 3 Tagen war das Auto nur noch ein Schrotthaufen. In Palo Alto hingegen passierte? Nichts. Der Geschichte nach soll dort sogar ein Passant die Motorhaube geschlossen haben als es anfing zu regnen. Erst als Zimbardo selbst anfing das Auto zu demolieren fanden sich Zuschauer und auch Nachahmer ein.

Im Jahr 1994 griff die New Yorker Polizei diese Theorie auf und entwickelte danach ihre neue Strategie um die Kriminalitätsrate zu senken, der Name: Zero Tolerance. Wie der Name schon andeutet wird hier offensiv gegen alle Arten von Verstößen, auch “Kleinigkeiten” wie Schwarzfahren, Betteln & Co vorgegangen mit dem Ziel es gar nicht zu den ersten Broken Windows kommen zu lassen. Und Three Strikes gibt es da auch nicht nur für Filesharer.  

Die Wirksamkeit von Zero Tolerance ist umstritten, vor allem weil hier nicht die Ursachen (Armut, soziale Ungleichheit, etc.) bekämpft werden sondern nur die Symptome. Genauso zweifelhaft die ursprüngliche Validität der Broken-Windows-Theorie, wegen eines zu geringen Umfangs um statistisch aussagekräftig zu sein. Allerdings wurden genauso diese Vermutungen 2008 in den Niederlanden noch einmal überprüft, mit ähnlichem Ergebnis: Dort wo Verwahrlosung auf den Straßen herrscht sind Leute schneller bereit selbst das Gesetz zu übertreten. Und ein in etwa vergleichbares Beispiel kennt vermutlich jeder von uns aus dem alltäglichen Leben:

Die Tempolimits. Innerorts fährt kaum jemand Strich 50 und auch außerorts ist es offensichtlich Konsens, dass man 10-20 km/h über dem angegebenen Limit fährt. Dafür gibt es sicherlich viele Faktoren: Fehlendes einsehen wieso dort genau dieses Limit eingehalten werden sollte, der Wunsch den Verkehr nicht zu blockieren und stattdessen im Verkehrsfluss mit zu schwimmen oder was auch immer.
Ein anderer Grund ist aber auch die fehlende Ahndung des Fehlverhaltens: Wenn ich zu schnell bin ist das bis zu einem gewissen Schwellenwert erstmal egal. Und erst recht wenn niemand kontrolliert ob ich zu schnell bin. Gibt es aber auf einmal verstärkte Kontrollen, dann halten sich die Menschen recht schnell wieder an die Tempolimits.

Zero Tolerance gibt es also auch im Straßenverkehr und auch da funktioniert es besser oder schlechter. Aber für den Straßenverkehr ist Zero Tolerance nicht das einzige Modell um den Verkehr in sichere Bahnen zu lenken. In den 1990er Jahren entwickelte Hans Moderman in den Niederlanden das Modell der “Shared Spaces”. Trotz des Namens wird der Verkehrsraum hier nicht aufgeteilt zwischen den verschiedenen Typen so wie das sonst heutzutage der Standard ist.

Im Gegenteil: Die Verkehrsraum wird wieder zusammengeführt und man nutzt ihn gemeinschaftlich. Charakteristisch ist es dabei, dass auf Verkehrszeichen, Fahrbahnmarkierungen et al. verzichtet wird.  Seit einigen Jahren gibt es ein EU-Projekt dazu und viele Gemeinden in den Niederlanden nutzen solche Shared Spaces bereits erfolgreich und auch in Deutschland gibt es mit Bohmte einen Modellversuch dazu. Der Gedanke dahinter ist, dass Menschen -wenn sie nicht reguliert werden- selbst ein Mindestmaß an Rücksichtnahme, Verantwortungsbewusstsein, Toleranz und Common Sense zeigen. Was eigentlich auch nicht sonderlich verwundert, schliesslich sind wir am Ende doch irgendwo soziale Wesen.

Wenn man Personen also wie erwachsene Menschen behandelt, dann verhalten sie sich auch so. Behandelt man sie aber wie 12-Jährige, dann werden sie sich auch so verhalten. Und glaubt mir: Die wahren Hacker sind die 1-Jährigen, die finden schon einen Weg um die schlecht formulierten Regeln der Welt so auszulegen, dass es zu ihrem Vorteil ist. Ob das Shared Space-Modell nicht nur in dem Raum des Straßenverkehrs und auch im Rahmen einer Satzung funktioniert? Keine Ahnung. Die Frage ist nur welcher Grundansatz eigentlich mehr dem entspricht was wir Piraten sein wollen?

Zero Tolerance mit der notwendigen Reglementierung, Überwachung und Bestrafung unserer Mitglieder? Oder wollen wir eine Gesellschaft die auf mündigen, erwachsenen Bürgern basiert und die miteinander im Shared Space leben. Wenn wir letzteres wollen sollten wir vielleicht bei uns selbst damit anfangen.

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8 Comments

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  1. Nur um das zu verstehen: Du sollst bestraft werden weil du über die Crewsprecherliste ne Mail verschickt hast? LOL! Dann verhaftet mich auch: Ich schicke die KV MS Protokolle da auch immer drüber und das ist dann ja wohl auch verboten. Lieber LVor: Bestraft mich!
  2. Ich habe den Vorstand selbst darauf hingewiesen, dass ich damit vermutlich gegen die Satzung verstoßen habe. Sie sollen dann entscheiden ob das nach Bundessatzung ein ausreichend schwerer Verstoß ist um mit einer Ordnungsmaßnahme belegt zu werden...
  3. Oh oh, plätzchen, damit wäre ich vorsichtig! Der KV Bonn hat das bisher auch so gemacht aber ich habe schon beantragt, dass damit aufgehört wird. Wir verhalten uns satzungswidrig!!1 Eine Rüge ist da das mindeste was man verlangen kann - beim ersten Verstoß! Bei fortgesetzter Missachtung kann man durchaus argumentieren, dass vorsätzlich parteischädigendes Verhalten vorliegt, und dann ist man eben ruckzuck draussen!
  4. Zero Tolerance halt: Three strikes and you are out. ;-)
  5. Also nach dem was du hier bisher geschrieben hast scheint die Satzung NRW ja ein totales Desaster zu sein. Vielleicht mache ich mir mal den Spaß und vergleiche die Satzungen der Landesverbände untereinander welche von ihnen die meisten Worte hat. :-D
  6. Ich möchte geringe Einstiegshürden für Teilhabe und größtmögliche Freiheit für jeden. Ich möchte keine engen Strukturen und zu viele Regeln.

    Nehmen wir das folgende Beispiel: Die von mir gerne umworbene Veranstaltung "Open Mind", die im Oktober stattfinden wird. Hier haben sich unterschiedlichste Menschen mit unterschiedlichsten Kompetenzen zusammengefunden, weil sie eine Idee haben. Die Idee für diese Veranstaltung, aber darüber hinaus auch die Idee, wie vielleicht Gesellschaft und Politik sein könnte. Im Idealfall.

    Wir haben keine PG/AG und keinen AK gegründet. Wir haben keine Protokollpflicht. Keine Pflicht, wann wir wie tagen müssen. Keine Pflicht, eine Webseite zu erstellen oder einen Wikieintrag zu pflegen.

    Wir haben die Freiheit, unsere Vorstellungen abzugleichen und den Versuch zu starten, daraus eine ganz großartige Veranstaltung machen zu können. Wir hatten das Glück, dass die Hessen (und hier besonders Stephan) uns die Möglichkeiten des Vertragsabschlusses mit der JH eingeräumt haben. Alles auf freiwilliger Basis.

    Ich glaube daran, dass Ergebnisse besser werden, wenn jeder die Möglichkeit hat, sich so einzubringen, wie es ihm gefällt, wie es ihm liegt, mit seinen ganz persönlichen Stärken.

    Ich sehe keine Vorteile in Überregulierung. Klar, wir wollen Transparenz. Aber die Gruppen, die am Ende etwas präsentieren wollen, sei das nun eine Veranstaltung, die kostendeckend und erfolgreich sein soll oder die Gruppe, die einen Satzungsänderungsantrag oder eine Programmänderung einbringen will, muss (damit dies auch eine Mehrheit findet), dies kommunizieren. Es ist schlichtes Marketing, wenn man die Argumente und die Schritte zu einem Ergebnis protokolliert und so darstellt, dass es auch für Menschen, die nicht Teil der Erarbeitung gewesen sind, verständlich und nachvollziehbar wird.

    Dazu gehören schon deshalb Protokolle, weil man selber noch nachvollziehen muss, wer wann was machen wollte und was schon geregelt wurde. Dazu gehören Diskussionen auf Mailinglisten (die für alle zugänglich sind). Dazu gehört eine gepflegte Wiki-Seite und (vielleicht) eine Homepage. Dazu gehören ansprechende Texte und Menschen, die mit ihrer Leidenschaft einstehen, für das, was ihnen wichtig ist.

    Ich möchte, dass die Menschen sich einbringen und Spaß haben, an dem, was sie tun.

    Dies ist mein Plädoyer für weniger Regeln und mehr Freiheit!
  7. Keep
    It
    Simple
    Stupid

    KISS + "common sense" + gegenseitiges Vertrauen" + "Spaß an der Sache" = WIN
  8. Wie sagte ein Pirat den ich sehr schätze dazu (er darf sich selbst outen wenn er will): Die Piraten sind zur Zeit gescheitert, weil «sie sind nicht wahrhaftig und glaubwürdiger als andere Parteien». Für den Status Quo, zumindest im LV NRW, würde ich das auf jeden Fall unterschreiben.

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