Gedankenstücke

(m)ein Leben durch den Sucher

Session: Professionelle Intelligenz in der Schule

Posted by Bastian • Sunday, November 20. 2011 • Category: Aktuell: , We Don't Need No Education
Beim Educamp in Bielefeld habe ich zusammen mit Oliver Tacke (@otacke) eine Session zum Buch von Günter Dueck über professionelle Intelligenz angeboten.

Nach einer kurzen Einführung von Oliver über die von Dueck genannten unterschiedlichen Formen von Intelligenz haben wir in kleinem Kreis darüber diskutiert, wie Schule diese ganzheitliche Bildung besser fördern kann.

Hier kurz die bei Dueck näher beschriebenen Arten von Intelligenz:
  • Reine klassische Intelligenz (wie in IQ-Tests) - Intelligenz des Verstandes

  • Emotionale Intelligenz des Herzens und der Zusammenarbeit
  • Vitale Intelligenz des Instinktes und des Handelns
  • Intelligenz der Attraktion/der Sinnlichkeit
  • Kreative Intelligenz
  • Intelligenz der Sinnstiftung
Es ergaben sich die zwei Grundfragestellungen:
  1. Wie kann man dies im bestehenden System, was heute noch vor allem klassischen IQ, also Fachwissen, abprüft, erreichen? Dueck nennt das: "Run the System"
  2. Und langfristig: Wie müsste Schule im Idealfall aussehen? "Change the System"
Vorweg: Die Stunde war viel zu kurz, aber wir haben neuen Input, um über diese Fragen in Blogs etc. weiterzudenken.

Zunächst ging es um Hierarchie. Es wurde behauptet, dass die von Dueck aufgestellte These, dass Lehrer grundsätzlich schon mehr Wissen hätten als Schüler, (noch?) nicht zutreffend sei.

Ich behaupte mal frech, dass das von vielen Lehrern auch so gewollt ist. Deren "Standing" basiert darauf.
Ein Kollege stellte darauf in den Raum, dass Lehrer lernen müssen, loszulassen, also zum Beispiel auch den Mut zu zeigen, voneinander lernen zu und gemeinsam Themen entdecken zu wollen.

Es bleibt aber die Angst und Unsicherheit vieler Lehrer zum Beispiel davor, sich gegen bestehende Beschlüsse zu stellen. Beispiel: Es gibt einen Bildungsgangbeschluss, dass pro Halbjahr zwei schriftliche Klassenarbeiten geschrieben werden müssen. Darf man nun einfach ein Portfolio derart werten? Ist das wirklich eine individuelle Leistung? (Ketzerisch: Sind rein individuelle Leistungen ohne Internetzugang überhaupt noch zeitgemäß und an der Wirklichkeit orientiert? Würde ich so arbeiten im meiner Praxis? Würde ich nicht Vernetzung suchen, Menschen, die "Experten" sind, kollaborieren? Jede mir verfügbare Information suchen? Ein wenig sehe ich das als Besitzstandswahrung. Es ist die Angst, Prüfungen so zu gestalten, dass sie Relevanz besitzen. (Bei und werden teilweise die Handys eingesammelt bei Klausuren.) Es ist die Angst, Macht abzugeben. Fachwissen ist zudem leichter abprüfbar.)

Wenn man den Mut hat, gibt es also durchaus Bereiche, in denen man das System "Schule" "hacken" kann. Auf der anderen Seite stand aber auch der Wunsch nach politischer Veränderung (nur dauert sowas in Deutschland ja tendenziell sehr lange, wie wir wissen).

Eine Schule, die schon im Praktischen ganzheitliche, selbstbestimmte, praxisnahe Bildung abbildet, hat mich sehr inspiriert: Die Winterhuder Reformschule. Vielleicht müssen wir doch einfach mit ein paar interessierten Menschen eine eigene Schule gründen;-)

Weiterführende Links:

Website von Gunter Dueck
Buch: Aufbrechen, 2010
Buch: Professionelle Intelligenz, 2011
Wie Schüler Professionals werden können
Zusammenfassung von "Professionelle Intelligenz
"Bildung und Mensch im digitalen Zeitalter", Aufzeichnung von der TEDxRheinNecker 2010
"Das Internet als Gesellschaftsbetriebssystem", Aufzeichnung von der re:publica 2011
Zur Person: Birgit Rydlewski, 41 Jahre alt, Lehrerin für Wirtschaftswissenschaften und Deutsch am Richard-von-Weizsäcker-Berufskolleg in Dülmen/Lüdinghausen, digital immigrant, politisch engagiert.

Wie viel Unterricht ist heute eigentlich so frontal?

Posted by Bastian • Saturday, November 12. 2011 • Category: Aktuell: , We Don't Need No Education
Aufgrund einer kurzen Diskussion bei Twitter habe ich mich gefragt, wie viel von meinem Unterricht eigentlich so frontal ist.

Da schauen wir uns doch einfach mal die aktuelle Woche an.


Montag, 7.11.
Montag: Start in meiner Klasse (#1 Höhere Handelsschule Abschlussjahrgang) Zunächst Information, dass ein Lehrerverstorben ist. Schwierige Überleitung zur Rückgabe der Klausur (Betriebswirtschaftslehre mit Rechnungswesen), die recht schlecht ausgefallen ist. Nach der Rückgabe: Beginn der Berichtigung, Punkte nachzählen etc.
Die Schüler bearbeiten dies zunächst selbstständig. Parallel dazu Besprechung mit Schülern einzeln (auf dem Flur). Rückgabe Praktikumsmappe und bei Bedarf Thematisieren der jeweiligen Zielvereinbarungen der Schüler. Noten/Stand/Arbeitseinstellung in drei Fächern besprechen. Eventuell individuelle Probleme anreißen.


(Klasse #2 Höhere Handelsschule Unterstufe, die ich in Deutsch und Volkswirtschaftslehre unterrichte) Eine Stunde Präsentation einer Teamarbeit zu einem selbstgewählten Thema aus dem Bereich "Arbeit" (weil eine Präsentation ausfällt: Improvisation mit einem Arbeitsblatt zu Arbeitsteilung, dazu kurze Gruppenarbeit mit Besprechung), Schüler bewerten jeweils die Gruppe nach ihrer mit Hilfe eines Bewertungsbogens, Handout der Präsentationen stellt die Gruppe selbstständig ins Intranet (www.rvw-bk.net)

Dienstag 8.11.
Zwei Stunden Klausurbesprechung (siehe Montag), frontal, Unterrichtsgespräch, Erläuterungen/Rechnungen bei Bedarf an der Tafel, Rest der Berichtigung (Erstellen Gewinn- und Verlustrechnung und Bilanz als Hausaufgabe). Eine Stunde Arbeitsblätter Politik aktuell und ein wenig zum Grundgesetz mit Material von Schroedel aktuell (Wochenrückblick) und BPB (Grundgesetz für Einsteiger und Fortgeschrittene). Eine Stunde Präsentationen (siehe Montag)

Drei Stunden in meiner zweiten Klasse (als Klassenlehrerin) Gymnasiale Oberstufe, 11. Klasse mit Schwerpunkt Informatik/Mathematik (Klasse #3). Ich unterrichte dort Betriebswirtschaftslehre/Rechnungswesen und Deutsch.
Parallel müssen drei Schüler die Deutsch-Klausur nachschreiben. Die restliche Gruppe arbeitet in einem freien Rechnerraum am Börsenplanspiel und an Aufgaben Rechnungswesen (Gewinnermittlung durch Eigenkapitalvergleich), zusätzlich: Prüfen Vertrag Klassenfahrt, Einsammeln Unterschriften dafür, Entschuldigungen abgeben, Prüfen Vertrag Klassenfahrt etc.

Mittwoch 9.11.
Klasse #3: Zwei Stunden frontal Rewe: Bilanzänderungen, dazu anschließend Übungsaufgaben
Klasse #2: Eine Stunde Buchvorstellung (selbstgewählter Roman mit dem Ziel, Lust am Lesen zu wecken)
Klasse #2: Eine Stunde Präsentationen VWL

Donnerstag 10.11.
Klasse #1: Eine Stunde Aufsicht Englischklausur.
Kurz: Rest der Berichtigung der Klausur
Danach Wechsel zu VWL: Zwei Stunden Spiel zur Thematik "Geldschöpfung" mit gemeinsamer Auswertung

Freitag
Klasse #2 und #4 Jeweils eine Stunde Klausur VWL Grundlagen
Klasse #4 (paralleler Kurs, ebenfalls Höhere Handelsschule Unterstufe, hier nur VWL): Eine Stunde Präsentationen
Klasse #3: Zwei Stunden Einstieg Zeitung mit Quiz zur lokalen Tageszeitung und Fragebogen zum individuellen
Leseverhalten (Auswertung durch freiwillige Schüler über das Wochenende)

Anmerkung: Eine Klasse der Handelsschule befindet sich im Betriebspraktikum für drei Wochen. Telefonate
und Betriebsbesichtigung statt Unterricht

Planung für die kommende Woche:

Abweichend: weniger Anteil VWL (nach Abschluss der Präsentationen zum Thema "Arbeit"), stattdessen Überblick über mögliche Analysepunkte bei einem fiktionalen Text (am Beispiel einer Hausaufgabe, die bereits vor de Ferien besprochen wurde) Neue Aufgaben Deutsch als Gruppenaufgabe: Text einer Kurzgeschichte ("Der Wunsch") beenden, Analyse dazu in einem Etherpad

Für mich sehr vorteilhaft: Ich habe in mehreren Klassen (#1, #2 und #3) mehrere Fächer (in #1 Betriebswirtschaftslehre mit Rechnungswesen, Volkwirtschaftslehre und Politik, Stundenzahl gesamt: 8 in #2 Deutsch und VWL (Stundenzahl gesamt: 5 in #3 Deutsch und BRW (Stundenzahl gesamt: 7), so dass ich die Wochenstunden weitgehend flexibel und nach Bedarf in Absprache mit den Schülern/Kursen verwendet werden kann

Weiterhin angenehm ist, dass ich oft auf freie Rechnerräume zugreifen kann. Für "Notfälle" gibt es auch einen Satz Laptops mit WLAN-Anbindung.

Stressig wird es wiederum durch die zwei Gebäude, die ungefähr 5 Min. mit dem Auto und 15 min. zu Fuß auseinanderliegen.


Fazit:

Am Montag waren 45 Min. frontal (aufgeteilt in zwei Klassen und mit Arbeitsphasen, rein frontal mit Unterrichtsgespräch verlief die Besprechung der Aufgaben)
Am Dienstag 135 Min. frontal (allerdings mit Gruppenarbeitsphasen dazwischen)
Am Mittwoch 90 Min. frontal (wegen des neuen Themas)
Am Donnerstag ca. 20 Min. frontal (besprechen der Spielergebnisse)
Am Freitag ca. 45 Min. frontal

Nun ist hier auch das als "frontal" bezeichnet, was die Moderation und Sammlung von Arbeitsergebnissen angeht. Vermutlich unterscheidet sich dies durchaus von dem Unterricht, den man von "damals" als Frontalunterricht kennt (hoffe ich)
Zur Person: Birgit Rydlewski, 41 Jahre alt, Lehrerin für Wirtschaftswissenschaften und Deutsch am Richard-von-Weizsäcker-Berufskolleg in Dülmen/Lüdinghausen, digital immigrant, politisch engagiert.