Wie Schüler "Professionals" werden können...
Posted by Bastian • Wednesday, October 12. 2011 • Category: Aktuell: , We Don't Need No Education
Gunter Dueck hat ein neues Buch verfasst: "Professionelle Intelligenz. Worauf es morgen ankommt." Es ist erschienen im Eichborn Verlag/Frankfurt.
Problem/Aufhänger: Für Tätigkeiten, die nicht automatisierbar sind, gibt es "immer höhere Anforderungen" (S. 12)
Was also brauchen Menschen zukünftig, um erfolgreich/"wirksam" zu sein?
Nach Dueck ist dies über das reine Fachwissen hinaus ein ganzes Bündel an Fähigkeiten: sich vernetzen können, kommunizieren, führen, begeistern etc.
Diese von G. Dueck als Professionalität/"Exzellenz" benannten Kompetenzbündel lernt man aber quasi nirgendwo.
Dueck geht weiter und setzt die Spanne zwischen Arm und Reich gleich mit der Spanne zwischen "Routine und Exzellenz" (S. 12)
Ich mag den Gedanken, dass Routineaufgaben, lästiges Verwaltungszeug und Bürokratie-/Formularkram automatisiert werden könnten. Aufgaben zu erledigen, bei denen man die Informationen statt mit einem Formular per Post auch automatisiert übermitteln könnte, frustrieren mich überwiegend.
Warum kann mein Arzt die Rechnung nicht einfach an die Behilfe und die Versicherung übermitteln? (Im Moment bekomme ich die Rechnung per Post, muss zwei Formulare mit Kopien der Rechnungen wieder per Post an die zuständigen Stellen schicken. Dort müssen die Rechnungen dann eingescannt werden. Das ist vor allem Zeitverschwendung.)
Weiterhin müssten wir nicht mehr mit Mittelmaß leben. Dank des Internets können wir uns informieren, bewerten, besser auswählen. Für Unternehmen geht es also nicht mehr nur um die reine Arbeitsleistung, es geht auch ums Vernetzen, ums Vermarkten und den Bekanntheitsgrad, um erfolgreich zu sein.
Das ist übrigens auch in Schulen längst der Fall. Weiterführende Schulen stehen im Konkurrenzkampf und müssen viel mehr in Marketing stecken, als das früher der Fall war. Wir-als Schule, die Bildungsgänge der Sekundarstufe II anbietet- besuchen Schulen der Sekundarstufe I, um zu informieren. Wir produzieren Hochglanzflyer usw.
Ebenfalls sehr gut anwendbar auf das Schulsystem ist der Abschnitt über die Konflikte, die entstehen, wenn man gleichzeitig im System arbeiten und dieses umbauen möchte. (S. 39ff)
Run the System = täglicher Unterricht
Change the System = da entsteht schon als erstes das Problem, dass sich nicht einmal alle Lehrer und Bildungspolitiker einig sind, wohin es gehen soll. Es bleibt also dem kleinen Lehrer nur die Möglichkeit, an der eigenen Schule im Rahmen der geltenden Ausbildungs- und Prüfungsordnungen ein paar Kleinigkeiten zu verändern. Ich muss gestehen, dass mir das nicht immer reicht.
Nachdenken und Arbeiten am Umbau wird also auch folgerichtig von G. Dueck als "Ehrenamt" bezeichnet, weil es über die normale, alltägliche Arbeit hinausgeht und meist freiwillig ist. (S. 45)
An dem Anspruch, dass dann alles trotzdem in diesem Spannungsfeld glatt laufen muss, scheitere ich noch regelmäßig. Professionalität oder den Anspruch daran muss man also stetig verbessern.
Großartig finde ich auch den Bezug zu Riemanns "Grundformen der Angst" (den ich aber nicht weiter ausführen werde. Interessierte sollten sich diesem spannenden Werk gesondert widmen.)
Nun nähern wir uns im Buch dem Feld "Schule", wenn nämlich Digital Natives von der "Analog-Exile-Oberstudienrätin" frontal unterrichtet werden. (S. 69) Schade. Das Kapitel endet da schon.
"Es gehört zur Professionalität dazu, dass Kunden und Arbeitgeber das Professionelle sehen!" (S. 86) Das bedeutet also für den Lehrer als Schlussfolgerung: Wenn das, was ich mache, nicht beim Schüler/Kunden ankommt, bin ich nicht professionell. Puh. Ist sicherlich etwas dran. Ich glaube, in meinem letzten LK hat das geklappt. Aber in meiner Klasse, als diese im Konflikt mit einer anderen Lehrerin waren, hatte ich das Gefühl, dass sie am Ende meinten, ich hätte nicht genug getan. Ein Systemproblem oder mein persönliches Problem. Ich bin da unsicher...
Felix Schaumburg hat mich bei Lektüre des Entwurfes für diesen Blogbeitrag darauf aufmerksam gemacht, dass ein weiteres Problem darin bestehe, dass Inhalt und Bewertung beim Lehrer in einer Hand liegen. Wann empfindet man einen LK als "gut"? Für mich kann ich sagen, dass ich nicht unbedingt einen "ruhigen" Kurs bevorzuge. In diesem Fall war es so, dass die Schüler einfach sehr vielfältig interessiert waren, sehr tiefgründig diskutieren und großartige Präsentationen halten konnten. Hinzu kam die Atmosphäre im Kurs. Die Zuverlässigkeit, die empfundene Aufrichtigkeit, die sozialen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler, also der Umgang miteinander.
Die Ausführungen über verschiedene Teilintelligenzen eines Professionals kürze ich an dieser Stelle ab. Erwähnen sollte man die verschiedenen Bereiche aber schon, um überhaupt dazu zu kommen, wie man diese im Bildungssystem fördern kann:
Reine klassische Intelligenz (wie in IQ-Tests) - Intelligenz des Verstandes
Emotionale Intelligenz des Herzens und der Zusammenarbeit
Vitale Intelligenz des Instinktes und des Handelns
Intelligenz der Attraktion/der Sinnlichkeit
Kreative Intelligenz
Intelligenz der Sinnstiftung
Dabei gebe es natürlich verschiedene "Professionalitätstypen", je nach Mischverhältnis, nach Charakter einer Person. Trivial: Man müsse dabei seine Stärken und Schwächen kennen.
Als spannend (und weitgehend zutreffend) habe ich den Teil über das Bildungssystem empfunden. Durch die dort vorherrschende Annahme, die Schüler müssten "synchron verbessert" werden, wird es schwierig, eben jene geforderten Intelligenzen gleichermaßen auszubilden. Bisher werde im Bildungssystem vor allem der Teil des klassischen IQs vermittelt. (S. 167)
Schlimmer wird dies durch den Versuche, Schule (G8 ) oder Studium (Bachelor) effizienter zu gestalten.
An dieser Stelle ein Verweis auf den Beitrag von Felix (@schb) über "Schule als Buchgesellschaft"
Schule hat offenbar (noch?) viel zu wenig mit dem Internet oder einer zukunftsfähigen Exzellenzgesellschaft zu tun.
Am Berufskolleg habe ich aber immerhin das Gefühl, dass wir noch ein wenig Nähe zu verschiedenen Berufen haben (selbst in Vollzeitbildungsgängen jenseits der Berufsschule und mit Kollegen, die alle mal in einem "richtigen Beruf" tätig waren) Vielleicht habe ich da mehr Glück als ein Kollege am Gymnasium. Auch der Tipp, Schüler Bewerbungen aus der Sicht des Arbeitgebers zu sehen, wird hier schon lange umgesetzt.
Über den Abschnitt, in dem Führungsstile behandelt werden, habe ich lange nachgedacht, weil dies unmittelbar auf Lehrstile von Lehrern anwendbar ist. Es geht auch darum, wie man motiviert. Ein immer wieder wichtiges Thema in Schulen.
An der Stelle mache ich einen kleinen Exkurs in meinen aktuellen Unterricht:
Meine Oberstufe in der Höheren Handelsschule hat in VWL das große Thema "Geld" im Lehrplan. Ich habe den Schülern zunächst die Möglichkeit gegeben, Unterthemen zu sammeln, die sie interessierten und aus denen sie dann wiederum ein Thema wählen konnten, um dieses im Detail in einer Kleingruppe zu erarbeiten und abschließend zu präsentieren.
Die Klasse hatte mehrere Stunden während des Unterrichts Zeit, um an der Recherche etc. im Rechnerraum zu arbeiten (mit meiner Anwesenheit, so dass ich für Fragen zur Verfügung stand).
Leider zeigte sich bei den ersten Präsentationen, dass diese nach meiner Auffassung nicht dem Stand einer Oberstufe entsprachen. Die Themen waren tw. nur sehr oberflächlich bearbeitet. Die Zeitvorgabe (40 min.) wurde kaum erreicht. Eine Präsentation fiel komplett aus.
Das alles erzeugt Frust auf beiden Seiten. Die Schüler rechnen mit dem schlechten Ergebnis. Ich bin frustriert, weil ich doch das Ziel habe, dass am Ende des Schuljahres alle Schüler nicht nur bestanden haben sollen, sondern ich möchte alle möglichst mit viel Horizont/Bandbreite und unterschiedlichen Kompetenzen entlassen, so dass ich sagen können will, dass diese Schüler studierfähig (FH) und professionell ins Berufsleben entlassen werden.
Offensichtlich fehlt irgendwie die Motivation, um sich eingehend mit einem Thema zu beschäftigen. Es wird nur das Nötigste gemacht.
In der Besprechung darüber (ich möchte es ja wirklich verstehen!) wird auch von Schülern nicht so richtig klar angesprochen, woran es scheitert. Genannt wird fehlendes Zeitmanagement/fehlendes Interesse/andere Belastungen (z.B. durch private Probleme) und Frust über innerschulische Organisationsprobleme (Raumsituation).
In Präsentationen wünsche ich mir Kennerstufe 3 ("Ich weiß einiges darüber") oder gar 4 ("Ich kenne mich gut aus."), meist kommen wir aber über 2 ("Schon davon gehört!") nicht hinaus. (S. 168)
Ich glaube daran, dass Menschen neugierig sind und etwas bewirken wollen. Insofern gebe ich auch den Plan nicht auf, Schule mit Schülern zusammen so zu gestalten, dass dies möglich ist.
Schöner Aussagen dazu: "Professionalität aber ist behaglich. Professionelle Bildung schafft eine Kultur des Gelingens." (S. 189)
Man sieht am obigen aktuellen Beispiel aus einer meiner Klassen, dass ich offenbar an der Stelle noch Verbesserungsbedarf habe, aber vielleicht ist es auch schon ein Ansatz an der Stelle, im Kontakt miteinander zu bleiben. Schülern zuzuhören, Probleme zu diskutieren und allen Beteiligten den Raum für Entwicklung zu geben.
Ich habe aber vor allem das Gefühl, dass Schüler (wenn sie mit ca. 16 Jahren bei uns landen) noch nicht gelernt haben, sich zu vernetzen. Vernetzen über die plumpe Frage in irgendeinem Forum hinaus, ob jemand mal schnell eine Inhaltsangabe für eine nicht gelesene Schullektüre liefern könne. Vernetzen über den üblichen Freundeskreis via Facebook oder icq hinaus. Von meinen Schülern nutzt niemand Twitter und vermutlich kennen sie es nur wegen mir. Kaum jemand hat schon mal gebloggt und ein Etherpad lernen sie auch bei mir kennen und nutzen (z.B. für eine gemeinsame Hausaufgabe mit mehreren Mitschülern). Ich teile also nicht die Euphorie, mit den "Digital Natives" würde jetzt automatisch alles gut.
Wie aber kann uns das Internet überhaupt in der Bildung helfen? Es wäre möglich, verschiedene Lerntypen/Reifegrade etc. zu berücksichtigen. "Der Computer hat immer Zeit für mich." (S. 194) Es folgt ein Teil, der sich gut mit der Idee der "fließenden Schullaufbahn" verbinden ließe. Schüler lernen in unterschiedlichem Fächern unterschiedlich schnell. Das lässt sich ohne Zweifel gut mit der Nutzung des Internets verbinden. Und weiterhin könnte dies Lehrern die Freiräume geben, vorrangig Coach/Tutor zu sein.
Ich bin begeistert von den Analysen und Ideen von Gunter Dueck. Schüler in unserem Land könnten mit Schülern aus der ganzen Welt lernen. Mit- und voneinander. Es ist so viel möglich in diesen Zeiten. Wir müssen aber Schüler dazu befähigen, diese Möglichkeiten auch zu nutzen. Wir müssen ihnen mehr zutrauen, ihnen Vorbild sein und Ansprechpartner. Wir müssen Hilfe sein beim Vernetzen und Inspiration beim Lernen.
Ich bin in vielen Bereichen Idealist und hoffe, dass man die "pragmatische Mitte" (S. 236) irgendwann mitziehen kann für eine notwendige Veränderung in ein zeitgemäßes Bildungssystem.
Die Ausgangsfrage, wie man Schüler zu mehr Professionalität verhelfen kann, ist für mich damit aber noch nicht mal im Ansatz geklärt, deshalb möchte ich die gesamte Thematik sehr gerne diskutieren, z.B. beim Educamp in Bielefeld.
Zur Person: Birgit Rydlewski, 41 Jahre alt, Lehrerin für Wirtschaftswissenschaften und Deutsch am Richard-von-Weizsäcker-Berufskolleg in Dülmen/Lüdinghausen, digital immigrant, politisch engagiert.
Problem/Aufhänger: Für Tätigkeiten, die nicht automatisierbar sind, gibt es "immer höhere Anforderungen" (S. 12)
Was also brauchen Menschen zukünftig, um erfolgreich/"wirksam" zu sein?
Nach Dueck ist dies über das reine Fachwissen hinaus ein ganzes Bündel an Fähigkeiten: sich vernetzen können, kommunizieren, führen, begeistern etc.
Diese von G. Dueck als Professionalität/"Exzellenz" benannten Kompetenzbündel lernt man aber quasi nirgendwo.
Dueck geht weiter und setzt die Spanne zwischen Arm und Reich gleich mit der Spanne zwischen "Routine und Exzellenz" (S. 12)
Ich mag den Gedanken, dass Routineaufgaben, lästiges Verwaltungszeug und Bürokratie-/Formularkram automatisiert werden könnten. Aufgaben zu erledigen, bei denen man die Informationen statt mit einem Formular per Post auch automatisiert übermitteln könnte, frustrieren mich überwiegend.
Warum kann mein Arzt die Rechnung nicht einfach an die Behilfe und die Versicherung übermitteln? (Im Moment bekomme ich die Rechnung per Post, muss zwei Formulare mit Kopien der Rechnungen wieder per Post an die zuständigen Stellen schicken. Dort müssen die Rechnungen dann eingescannt werden. Das ist vor allem Zeitverschwendung.)
Weiterhin müssten wir nicht mehr mit Mittelmaß leben. Dank des Internets können wir uns informieren, bewerten, besser auswählen. Für Unternehmen geht es also nicht mehr nur um die reine Arbeitsleistung, es geht auch ums Vernetzen, ums Vermarkten und den Bekanntheitsgrad, um erfolgreich zu sein.
Das ist übrigens auch in Schulen längst der Fall. Weiterführende Schulen stehen im Konkurrenzkampf und müssen viel mehr in Marketing stecken, als das früher der Fall war. Wir-als Schule, die Bildungsgänge der Sekundarstufe II anbietet- besuchen Schulen der Sekundarstufe I, um zu informieren. Wir produzieren Hochglanzflyer usw.
Ebenfalls sehr gut anwendbar auf das Schulsystem ist der Abschnitt über die Konflikte, die entstehen, wenn man gleichzeitig im System arbeiten und dieses umbauen möchte. (S. 39ff)
Run the System = täglicher Unterricht
Change the System = da entsteht schon als erstes das Problem, dass sich nicht einmal alle Lehrer und Bildungspolitiker einig sind, wohin es gehen soll. Es bleibt also dem kleinen Lehrer nur die Möglichkeit, an der eigenen Schule im Rahmen der geltenden Ausbildungs- und Prüfungsordnungen ein paar Kleinigkeiten zu verändern. Ich muss gestehen, dass mir das nicht immer reicht.
Nachdenken und Arbeiten am Umbau wird also auch folgerichtig von G. Dueck als "Ehrenamt" bezeichnet, weil es über die normale, alltägliche Arbeit hinausgeht und meist freiwillig ist. (S. 45)
An dem Anspruch, dass dann alles trotzdem in diesem Spannungsfeld glatt laufen muss, scheitere ich noch regelmäßig. Professionalität oder den Anspruch daran muss man also stetig verbessern.
Großartig finde ich auch den Bezug zu Riemanns "Grundformen der Angst" (den ich aber nicht weiter ausführen werde. Interessierte sollten sich diesem spannenden Werk gesondert widmen.)
Nun nähern wir uns im Buch dem Feld "Schule", wenn nämlich Digital Natives von der "Analog-Exile-Oberstudienrätin" frontal unterrichtet werden. (S. 69) Schade. Das Kapitel endet da schon.
"Es gehört zur Professionalität dazu, dass Kunden und Arbeitgeber das Professionelle sehen!" (S. 86) Das bedeutet also für den Lehrer als Schlussfolgerung: Wenn das, was ich mache, nicht beim Schüler/Kunden ankommt, bin ich nicht professionell. Puh. Ist sicherlich etwas dran. Ich glaube, in meinem letzten LK hat das geklappt. Aber in meiner Klasse, als diese im Konflikt mit einer anderen Lehrerin waren, hatte ich das Gefühl, dass sie am Ende meinten, ich hätte nicht genug getan. Ein Systemproblem oder mein persönliches Problem. Ich bin da unsicher...
Felix Schaumburg hat mich bei Lektüre des Entwurfes für diesen Blogbeitrag darauf aufmerksam gemacht, dass ein weiteres Problem darin bestehe, dass Inhalt und Bewertung beim Lehrer in einer Hand liegen. Wann empfindet man einen LK als "gut"? Für mich kann ich sagen, dass ich nicht unbedingt einen "ruhigen" Kurs bevorzuge. In diesem Fall war es so, dass die Schüler einfach sehr vielfältig interessiert waren, sehr tiefgründig diskutieren und großartige Präsentationen halten konnten. Hinzu kam die Atmosphäre im Kurs. Die Zuverlässigkeit, die empfundene Aufrichtigkeit, die sozialen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler, also der Umgang miteinander.
Die Ausführungen über verschiedene Teilintelligenzen eines Professionals kürze ich an dieser Stelle ab. Erwähnen sollte man die verschiedenen Bereiche aber schon, um überhaupt dazu zu kommen, wie man diese im Bildungssystem fördern kann:
Reine klassische Intelligenz (wie in IQ-Tests) - Intelligenz des Verstandes
Emotionale Intelligenz des Herzens und der Zusammenarbeit
Vitale Intelligenz des Instinktes und des Handelns
Intelligenz der Attraktion/der Sinnlichkeit
Kreative Intelligenz
Intelligenz der Sinnstiftung
Dabei gebe es natürlich verschiedene "Professionalitätstypen", je nach Mischverhältnis, nach Charakter einer Person. Trivial: Man müsse dabei seine Stärken und Schwächen kennen.
Als spannend (und weitgehend zutreffend) habe ich den Teil über das Bildungssystem empfunden. Durch die dort vorherrschende Annahme, die Schüler müssten "synchron verbessert" werden, wird es schwierig, eben jene geforderten Intelligenzen gleichermaßen auszubilden. Bisher werde im Bildungssystem vor allem der Teil des klassischen IQs vermittelt. (S. 167)
Schlimmer wird dies durch den Versuche, Schule (G8 ) oder Studium (Bachelor) effizienter zu gestalten.
An dieser Stelle ein Verweis auf den Beitrag von Felix (@schb) über "Schule als Buchgesellschaft"
Schule hat offenbar (noch?) viel zu wenig mit dem Internet oder einer zukunftsfähigen Exzellenzgesellschaft zu tun.
Am Berufskolleg habe ich aber immerhin das Gefühl, dass wir noch ein wenig Nähe zu verschiedenen Berufen haben (selbst in Vollzeitbildungsgängen jenseits der Berufsschule und mit Kollegen, die alle mal in einem "richtigen Beruf" tätig waren) Vielleicht habe ich da mehr Glück als ein Kollege am Gymnasium. Auch der Tipp, Schüler Bewerbungen aus der Sicht des Arbeitgebers zu sehen, wird hier schon lange umgesetzt.
Über den Abschnitt, in dem Führungsstile behandelt werden, habe ich lange nachgedacht, weil dies unmittelbar auf Lehrstile von Lehrern anwendbar ist. Es geht auch darum, wie man motiviert. Ein immer wieder wichtiges Thema in Schulen.
An der Stelle mache ich einen kleinen Exkurs in meinen aktuellen Unterricht:
Meine Oberstufe in der Höheren Handelsschule hat in VWL das große Thema "Geld" im Lehrplan. Ich habe den Schülern zunächst die Möglichkeit gegeben, Unterthemen zu sammeln, die sie interessierten und aus denen sie dann wiederum ein Thema wählen konnten, um dieses im Detail in einer Kleingruppe zu erarbeiten und abschließend zu präsentieren.
Die Klasse hatte mehrere Stunden während des Unterrichts Zeit, um an der Recherche etc. im Rechnerraum zu arbeiten (mit meiner Anwesenheit, so dass ich für Fragen zur Verfügung stand).
Leider zeigte sich bei den ersten Präsentationen, dass diese nach meiner Auffassung nicht dem Stand einer Oberstufe entsprachen. Die Themen waren tw. nur sehr oberflächlich bearbeitet. Die Zeitvorgabe (40 min.) wurde kaum erreicht. Eine Präsentation fiel komplett aus.
Das alles erzeugt Frust auf beiden Seiten. Die Schüler rechnen mit dem schlechten Ergebnis. Ich bin frustriert, weil ich doch das Ziel habe, dass am Ende des Schuljahres alle Schüler nicht nur bestanden haben sollen, sondern ich möchte alle möglichst mit viel Horizont/Bandbreite und unterschiedlichen Kompetenzen entlassen, so dass ich sagen können will, dass diese Schüler studierfähig (FH) und professionell ins Berufsleben entlassen werden.
Offensichtlich fehlt irgendwie die Motivation, um sich eingehend mit einem Thema zu beschäftigen. Es wird nur das Nötigste gemacht.
In der Besprechung darüber (ich möchte es ja wirklich verstehen!) wird auch von Schülern nicht so richtig klar angesprochen, woran es scheitert. Genannt wird fehlendes Zeitmanagement/fehlendes Interesse/andere Belastungen (z.B. durch private Probleme) und Frust über innerschulische Organisationsprobleme (Raumsituation).
In Präsentationen wünsche ich mir Kennerstufe 3 ("Ich weiß einiges darüber") oder gar 4 ("Ich kenne mich gut aus."), meist kommen wir aber über 2 ("Schon davon gehört!") nicht hinaus. (S. 168)
Ich glaube daran, dass Menschen neugierig sind und etwas bewirken wollen. Insofern gebe ich auch den Plan nicht auf, Schule mit Schülern zusammen so zu gestalten, dass dies möglich ist.
Schöner Aussagen dazu: "Professionalität aber ist behaglich. Professionelle Bildung schafft eine Kultur des Gelingens." (S. 189)
Man sieht am obigen aktuellen Beispiel aus einer meiner Klassen, dass ich offenbar an der Stelle noch Verbesserungsbedarf habe, aber vielleicht ist es auch schon ein Ansatz an der Stelle, im Kontakt miteinander zu bleiben. Schülern zuzuhören, Probleme zu diskutieren und allen Beteiligten den Raum für Entwicklung zu geben.
Ich habe aber vor allem das Gefühl, dass Schüler (wenn sie mit ca. 16 Jahren bei uns landen) noch nicht gelernt haben, sich zu vernetzen. Vernetzen über die plumpe Frage in irgendeinem Forum hinaus, ob jemand mal schnell eine Inhaltsangabe für eine nicht gelesene Schullektüre liefern könne. Vernetzen über den üblichen Freundeskreis via Facebook oder icq hinaus. Von meinen Schülern nutzt niemand Twitter und vermutlich kennen sie es nur wegen mir. Kaum jemand hat schon mal gebloggt und ein Etherpad lernen sie auch bei mir kennen und nutzen (z.B. für eine gemeinsame Hausaufgabe mit mehreren Mitschülern). Ich teile also nicht die Euphorie, mit den "Digital Natives" würde jetzt automatisch alles gut.
Wie aber kann uns das Internet überhaupt in der Bildung helfen? Es wäre möglich, verschiedene Lerntypen/Reifegrade etc. zu berücksichtigen. "Der Computer hat immer Zeit für mich." (S. 194) Es folgt ein Teil, der sich gut mit der Idee der "fließenden Schullaufbahn" verbinden ließe. Schüler lernen in unterschiedlichem Fächern unterschiedlich schnell. Das lässt sich ohne Zweifel gut mit der Nutzung des Internets verbinden. Und weiterhin könnte dies Lehrern die Freiräume geben, vorrangig Coach/Tutor zu sein.
Ich bin begeistert von den Analysen und Ideen von Gunter Dueck. Schüler in unserem Land könnten mit Schülern aus der ganzen Welt lernen. Mit- und voneinander. Es ist so viel möglich in diesen Zeiten. Wir müssen aber Schüler dazu befähigen, diese Möglichkeiten auch zu nutzen. Wir müssen ihnen mehr zutrauen, ihnen Vorbild sein und Ansprechpartner. Wir müssen Hilfe sein beim Vernetzen und Inspiration beim Lernen.
Ich bin in vielen Bereichen Idealist und hoffe, dass man die "pragmatische Mitte" (S. 236) irgendwann mitziehen kann für eine notwendige Veränderung in ein zeitgemäßes Bildungssystem.
Die Ausgangsfrage, wie man Schüler zu mehr Professionalität verhelfen kann, ist für mich damit aber noch nicht mal im Ansatz geklärt, deshalb möchte ich die gesamte Thematik sehr gerne diskutieren, z.B. beim Educamp in Bielefeld.
Zur Person: Birgit Rydlewski, 41 Jahre alt, Lehrerin für Wirtschaftswissenschaften und Deutsch am Richard-von-Weizsäcker-Berufskolleg in Dülmen/Lüdinghausen, digital immigrant, politisch engagiert.

