Talking bout a revolution
Posted by Bastian • Tuesday, July 19. 2011 • Category: Aktuell: , We Don't Need No Education
Christian Füller hat letztens mal gefragt, wie so eine Schulreform eigentlich aussehen könnte.
Politisch (also von "oben") erwarte ich, ehrlich gestanden, keine großen Visionen. Politiker haben leider in den seltensten Fällen das gesellschaftliche Wohl im Blick, sondern eher die möglichen Ergebnisse der nächsten Wahl. Also wird, statt auf Studien, Experten oder andere Länder zu gucken, gerne nur eine kleine Stellschraube verändert im Bildungssystem und das wortgewandt als der große Wurf verkauft.
Letztendlich glaube ich, dass unser deutsches Bildungssystem nicht mehr funktioniert. Wir zerstören Kinder, wir haben zu viele Schulabbrecher, wir setzen auf mehr Standards, auf Selektion und ein paar Papiertiger (individuelle Förderung). Letztendlich wird aber keins der Probleme und keine der möglichen Ideen konsequent durchdacht.
Da ist sicherlich bei Politikern, bei Lehrern, bei Schülern und Eltern die Angst vor etwas Neuem vorhanden (und letztendlich denkt dann jeder an sich selbst, versucht sich, seine Kinder irgendwie dadurch zu bekommen). Glücklich sind aber nur wirklich wenige damit.
Meine Traumschule würde individuelle Förderung und die einzelnen Menschen ernst nehmen.
Mal ein harmloses Beispiel aus dem Alltag. Wir haben am Berufskolleg diverse Bildungsgänge mit unterschiedlichen Abschlüssen. Ein Schüler macht also in der Handelsschule seinen Realschulabschluss (mittleren Schulabschluss). Kommt dann (weil er keine Lehrstelle findet) in die Höhere Handelsschule mit dem Ziel, dort Fachabitur zu erreichen. Er muss also all die Grundlagen Rechnungswesen, BWL, VWL etc., die er alle schon kann, nochmal hören. Natürlich langweilt der sich. Im schlimmsten Fall macht er danach eine dreijährige, kaufmännische Lehre und da beginnt das Spiel von vorne.
Wir haben eine Partnerschule in den Niederlanden. Da läuft vieles ganz anders. Da wird in diversen Bildungsgängen projektorientiert gearbeitet. Da müssen Schüler an der Praxis orientierte Aufgaben langfristig selber lösen und selber entscheiden, welche Kurse sie dafür benötigen. Da werden Fähigkeiten anerkannt, die Schüler schon erworben haben und sogar außerschulisch erworbene Kompetenzen.
Ich war mal mit meinem Chef dort. Ich habe ihm auf der Rückfahrt gesagt, dass ich mir gut vorstellen könnte, dass wir auch so arbeiten. Das geht aber hier nicht, weil es so viele Vorgaben gibt (Apo-BK), die eingehalten werden müssen und die nicht einfach aufgebrochen werden können.
Sagen wir also, ich hätte einen Chef, der das mittragen würde. Ich hätte ein paar offene, interessierte Kollegen und einen Bildungsgang (vielleicht etwas im mittleren Bereich, also mit Abschluss der Fachhochschulreife) und ich würde dort etwas ganz Neues versuchen wollen (gerne mit Unterstützung einer Uni). Es wäre schier unmöglich. Ich habe mal mit jemandem von der Bezirksregierung darüber gesprochen. Nein. Sagen wir, ich habe es versucht. Der Blick war in etwa so, als würde ich von regenbogenfarbenen Einhörnern phantasieren. Verwaltungsmenschen sind oft völlig visionsfrei.
Es fehlt also von Seiten der Politik der Freiraum, überhaupt anders handeln zu können.
Von "unten" also wenig Chancen außer an extra dafür eingerichteten experimentellen Schulen. Von "oben" keine Bewegung erkennbar. Schachmatt.
Zur Person: Birgit Rydlewski, 41 Jahre alt, Lehrerin für Wirtschaftswissenschaften und Deutsch am Richard-von-Weizsäcker-Berufskolleg in Dülmen/Lüdinghausen, digital immigrant, politisch engagiert.
Politisch (also von "oben") erwarte ich, ehrlich gestanden, keine großen Visionen. Politiker haben leider in den seltensten Fällen das gesellschaftliche Wohl im Blick, sondern eher die möglichen Ergebnisse der nächsten Wahl. Also wird, statt auf Studien, Experten oder andere Länder zu gucken, gerne nur eine kleine Stellschraube verändert im Bildungssystem und das wortgewandt als der große Wurf verkauft.
Letztendlich glaube ich, dass unser deutsches Bildungssystem nicht mehr funktioniert. Wir zerstören Kinder, wir haben zu viele Schulabbrecher, wir setzen auf mehr Standards, auf Selektion und ein paar Papiertiger (individuelle Förderung). Letztendlich wird aber keins der Probleme und keine der möglichen Ideen konsequent durchdacht.
Da ist sicherlich bei Politikern, bei Lehrern, bei Schülern und Eltern die Angst vor etwas Neuem vorhanden (und letztendlich denkt dann jeder an sich selbst, versucht sich, seine Kinder irgendwie dadurch zu bekommen). Glücklich sind aber nur wirklich wenige damit.
Meine Traumschule würde individuelle Förderung und die einzelnen Menschen ernst nehmen.
Mal ein harmloses Beispiel aus dem Alltag. Wir haben am Berufskolleg diverse Bildungsgänge mit unterschiedlichen Abschlüssen. Ein Schüler macht also in der Handelsschule seinen Realschulabschluss (mittleren Schulabschluss). Kommt dann (weil er keine Lehrstelle findet) in die Höhere Handelsschule mit dem Ziel, dort Fachabitur zu erreichen. Er muss also all die Grundlagen Rechnungswesen, BWL, VWL etc., die er alle schon kann, nochmal hören. Natürlich langweilt der sich. Im schlimmsten Fall macht er danach eine dreijährige, kaufmännische Lehre und da beginnt das Spiel von vorne.
Wir haben eine Partnerschule in den Niederlanden. Da läuft vieles ganz anders. Da wird in diversen Bildungsgängen projektorientiert gearbeitet. Da müssen Schüler an der Praxis orientierte Aufgaben langfristig selber lösen und selber entscheiden, welche Kurse sie dafür benötigen. Da werden Fähigkeiten anerkannt, die Schüler schon erworben haben und sogar außerschulisch erworbene Kompetenzen.
Ich war mal mit meinem Chef dort. Ich habe ihm auf der Rückfahrt gesagt, dass ich mir gut vorstellen könnte, dass wir auch so arbeiten. Das geht aber hier nicht, weil es so viele Vorgaben gibt (Apo-BK), die eingehalten werden müssen und die nicht einfach aufgebrochen werden können.
Sagen wir also, ich hätte einen Chef, der das mittragen würde. Ich hätte ein paar offene, interessierte Kollegen und einen Bildungsgang (vielleicht etwas im mittleren Bereich, also mit Abschluss der Fachhochschulreife) und ich würde dort etwas ganz Neues versuchen wollen (gerne mit Unterstützung einer Uni). Es wäre schier unmöglich. Ich habe mal mit jemandem von der Bezirksregierung darüber gesprochen. Nein. Sagen wir, ich habe es versucht. Der Blick war in etwa so, als würde ich von regenbogenfarbenen Einhörnern phantasieren. Verwaltungsmenschen sind oft völlig visionsfrei.
Es fehlt also von Seiten der Politik der Freiraum, überhaupt anders handeln zu können.
Von "unten" also wenig Chancen außer an extra dafür eingerichteten experimentellen Schulen. Von "oben" keine Bewegung erkennbar. Schachmatt.
Zur Person: Birgit Rydlewski, 41 Jahre alt, Lehrerin für Wirtschaftswissenschaften und Deutsch am Richard-von-Weizsäcker-Berufskolleg in Dülmen/Lüdinghausen, digital immigrant, politisch engagiert.

