Ein Intranet für unsere Schule
Posted by Bastian • Tuesday, March 22. 2011 • Category: Aktuell: , We Don't Need No EducationWeiß hier die rechte Hand eigentlich, was die linke tut?
Meine erste Schule, damals nach dem Referendariat, 2003.Über 3.000 Schüler, drei Schulstandorte, ca. 160 Lehrer, diverse Bildungsgänge, Abteilungen, noch mehr Teams, Konferenzen. Wer hat hier eigentlich den Überblick? Die räumliche Distanz, aber auch das Chaos eines normalen Schultages (unter Umständen noch mit Fahrten zwischen den Standorten) zeigten mir bereits deutlich, dass digitale Vernetzung von Vorteil sein könnte.
Ich geriet weiterhin -weitgehend ohne mein Dazutun- in eine Fortbildung über Netzwerke in Schulen (der genaue Titel ist mir glatt entfallen). Hieraus entstanden im „Intranet-Team“ die ersten Ideen, was eine Plattform für die Schule können soll. Wen müssen wir überzeugen? Mit wem muss man reden? Wer bezahlt das? Was darf es kosten? Wer entwickelt das? Welche Anforderungen haben Kollegen/Schüler? Wie viel Zeit wird es brauchen? Für uns, aber auch in der Gesamtimplementierung. Einfach war: Der Informationsfluss sollte verbessert werden zwischen den Kollegen an den unterschiedlichen Schulstandorten. Zu viele Informationen gingen unter im Chaos der Fächer oder an den Pinnwänden. Der immense Kopierbedarf sollte verringert werden. Schwierig in der Praxis: Die Umsetzung hat letztendlich Jahre gedauert. Aber das, was wir heute als Lernplattform, Informationsbrett usw. benutzen, ist m.E. in den Jahren der Überarbeitung richtig gut geworden.
Jetzt aber mal ein wenig praktischer. Hier landet man, wenn man sich anmelden will:

Um einen Überblick zu behalten, haben wir folgende Namenskonventionen: Lehrer melden sich an mit nachname, Schüler melden sich an mit nachname_vorname. Wir bestehen also auf Klarnamen, aber seien wir ehrlich: Im Beruf nennt sich vermutlich auch niemand „Wilder Hengst 24“. Es wäre ansonsten für die Administratoren fast unmöglich, Zuordnungen vornehmen zu können und Zugriffsrechte zu vergeben. Aber bremst dies Schüler auch aus? Im Positiven (weil es keine typischen Mobbingbereiche gibt; keine Freiräume, anonym zu handeln) oder eher im Negativen (weil es die Entfaltung beschränkt, weil man sich überwacht fühlt)? In unserem Intranet werden unterschiedliche Bereiche angeboten. Ein gemeinsamer Bereich für Schüler und Lehrer („Schule“). Hier können Stellenanzeigen, Termine für alle, Informationen etc. abgelegt werden.

Für die Lehrer auch sehr wichtig: Das „Lehrerzimmer mit allem, was eine Pinnwand im Lehrerzimmer gewöhnlich bietet. Weiterhin gibt es Teamräume/Fachgruppenräume für Lehrer und/oder Schüler, Klassenräume für Kurse/Klassen etc. Ein ganzer Teil unseres Schullebens lässt sich dadurch vereinfachen. Einladungen für Konferenzen werden dort veröffentlicht, man kann auf der Plattform nach Stichworten suchen (und hoffentlich das Protokoll der Konferenz finden). Der Kalender bietet eine Gesamtübersicht aller Termine. Handouts für Referate müssen nicht mehr für alle kopiert werden, sondern können einfach von den Präsentierenden im Raum der Klasse eingestellt werden. Zur Abschlussprüfung stehen viele Informationen/Arbeitsblätter/Hausaufgaben/Linksammlungen einfach zur Verfügung. Der Nutzungsgrad ist dabei sowohl vom Interesse und Engagement der betreuenden Lehrkraft abhängig, aber natürlich auch davon, wie viele Informationen die Schüler von sich aus einstellen.
So sieht beispielsweise ein Teil eines Klassenraums aus (hier am Beispiel meines Deutsch Leistungskurses):

Außer der Unterteilung in diverse Ordnerstrukturen gibt es die Möglichkeit, Chats und ein Forum pro Raum einzurichten. Hier können Hausaufgaben, mögliche Klassenausflüge etc. diskutiert werden.

Ich liebe die Gruppenmailfunktion. Da alle Schüler meiner Kurse mit Mail angemeldet sind, kann man mit wenig Aufwand ganze Kurse per Mail erreichen.
Hier ein weiteres Beispiel aus meiner eigenen Klasse. In der sehr selbstgesteuerten Unterrichtsreihe zum „Kaufvertrag“ finden die Schüler in diesem Bereich ihre Gruppeneinteilung, Hinweise zum Arbeiten, einen Link zu den beliebten „Etherpads“, die Termine, wann welche Gruppe mit welchem Teilbereich ihre Unterrichtsstunde halten wird und den Link zu meinen Blogbeiträgen über diese Unterrichtsreihe.

Eine Plattform ist nur so gut wie ihre Anwender
Die ganz großen Schwierigkeiten sind bis heute geblieben. Es geht um Akzeptanz und um verlässliche Informationen. Das funktioniert aber eben nur, wenn die zuständigen Kollegen/Abteilungsleiter usw. die im Intranet veröffentlichten Inhalte aktuell halten, überprüfen, Abgelaufenes löschen, Wichtiges ergänzen, Termine lückenlos sind. Es geht um Zuverlässigkeit. Je mehr sich Kollegen darauf verlassen, dass z.B. keine Termine fehlen, desto mehr müssen alle darauf achten, dass neue Informationen, Terminverschiebungen, Raumänderungen etc. kommuniziert werden. Eine recht breite Akzeptanz haben wir vor allem durch viele Schulungen erreicht, die wir angeboten haben. Nicht jedem Kollegen ist intuitiv klar, wie man Artikel hinzufügt, Dateien hochlädt etc. Schülern unterstelle ich zunächst einmal, dass sie viele Anwendungsmöglichkeiten schneller begreifen. Man sieht aber auch gelegentlich Probleme bei der Akzeptanz von Schülerseite. Das hatte ich so zu Beginn nicht erwartet. Eine Plattform der Schule ist halt nicht Facebook oder Schüler-VZ. Die Motivation, sich dort hineinzudenken, sich einzubringen, ein Profil zu gestalten, Links einzustellen und aktive gestaltend tätig zu werden, ist deutlich geringer als bei Netzwerken, die man in der Freizeit nutzt.Warum ist das so? Hier erscheint langfristig eine Evaluation notwendig.
Ich wünsche mir zwar Ernsthaftigkeit, aber auch durchaus mehr Mut, selber Inhalte beizusteuern. Die Wiki-Funktion wird kaum genutzt, auch Foren eher selten. Es gibt kaum Profile mit Bildern. Privates wird hier scheinbar ungern mit dem Schulalltag vermischt. Die Teilnahme an einem Schulintranet basiert eben nicht auf Freiwilligkeit, so wie das bei privat genutzten Angeboten im Bereich „social media“ der Fall ist, sondern die Schüler empfinden sich eventuell als Teil einer „Zwangsgemeinschaft“, sowohl in der Schule, der Klasse, aber eben auch im Intranet. In meiner Idealvorstellung wäre der Übergang nicht so hart und deutlich. Kann Schule nicht selbstverständlicher Teil des gesamten Lebens sein und damit Teil eines Gesamtprozesses lebenslangen Lernens?
Für die Technikfreaks:
Das steckt dahinter:

Vermutlich hätten wir auch in der Schule Kompetenz genug, um die Plattform selber zu betreiben. Allerdings ist dies sehr aufwändig, so dass wir den Auftrag außerhalb vergeben haben. Damit haben wir ein Unternehmen, was uns als Ansprechpartner bei technischen Neuerungen, Problemen etc. zur Verfügung steht.
Zur Person: Birgit Rydlewski, 41 Jahre alt, Lehrerin für Wirtschaftswissenschaften und Deutsch am Richard-von-Weizsäcker-Berufskolleg in Dülmen/Lüdinghausen, digital immigrant, politisch engagiert. Kontakt über: rydlewski@gmx.net Telefon: 0177 7792284
Zur Schule: Richard-von-Weizsäcker-Berufskolleg, zwei große Schulstandorte in Lüdinghausen und Dülmen (plus angemietete Räume in einem Schulgebäude in der Nähe), Bildungsangebote in den Bereichen „Wirtschaft und Verwaltung“, „Ernährung und Hauswirtschaft“, „Sozial- und Gesundheitswesen“, „Technik und Agrarwirtschaft“ für Schüler ohne Abschluss bis zum Abiturienten oder Berufsschüler, Europaschule.


