Gedankenstücke

(m)ein Leben durch den Sucher

Beim Fußballspiel verlasse ich doch auch nicht vor Ende das Feld, oder?

Posted by Bastian • Saturday, January 29. 2011 • Category: Aktuell: , don't crash the ambulance, We Don't Need No Education
In dieser Woche war ich am Mittwoch wegen einer Fortbildung abwesend. Da meine Klasse die Unterrichtsreihe zum "Kaufvertrag und den Leistungsstörungen" selbstständig mittels "Lernen durch Lehren" erarbeitet, war dies eine gute Gelegenheit für den Test, wie gut denn die selbstständige Arbeit klappt, wenn ich nicht zur Aufsicht vor Ort bin.

Die Gruppen sollten daher in der 6. und 7. Stunde nach Sport einen freien Raum aufsuchen und dort ihre Arbeit fortführen. Klar. Zu der Zeit, nach Sport, das ist schon erhöhter Schwierigkeitsgrad;-)Ich hatte ausdrücklich dabei gesagt, dass ich keinen anderen Lehrer zur Aufsicht vorbeischicken werde, sondern darauf vertraue, dass die Gruppen alles selber regeln.

Freitag haben wir dann besprochen, wie gut (oder eben nicht) das funktioniert hat.

Mir auferlegte Bedingungen für die Reflexion: Es wird nichts bewertet davon. Nichts wird gegen die Gruppe/Schüler verwendet. Ich notiere keine Fehlstunden. Aber dafür möchte ich Aufrichtigkeit und ehrliche Äußerungen.Die Gruppen haben kurz Zeit, sich intern zu besprechen. Was hat gut geklappt? Wo gibt es Verbesserungsbedarf? Wer hat aus der Gruppe gefehlt? Warum? Dann haben wir die Ergebnisse der Reflexion im Plenum besprochen.

Kurzfassung (aus meiner Vorstandstätigkeit als "running gag" bekannt: Ich habe mich geärgert.)

Der für die Klasse gebuchte und von mir vorgesehene Raum war abgeschlossen. (Lehrerzimmer und Sekretariat zu der Zeit nicht mehr besetzt.) So ein Orgaproblem ist ärgerlich, allerdings gab es durchaus Alternativen, an die aber kaum jemand gedacht hat: Einfach einen anderen Raum im Gebäude nehmen, einen Lehrer aus einem Raum fragen, in dem noch Unterricht ist, in einer Kneipe weiterarbeiten usw. Hier fehlt noch Problemlösekompetenz (vielleicht auch Phantasie).

Fazit: Nur ein kleiner Teil der Schüler ist wirklich zum Arbeiten geblieben. Die Absprache in den Gruppen hat leider nach meinem Empfinden auch nicht sehr gut geklappt.

Einige Schüler sind gegangen, ohne dies mit der Gruppe abgesprochen zu haben.An der Stelle fehlt mir bei einigen Schülern noch das Gefühl von Verantwortung für eine Gruppe und das Ergebnis.

Ich denke auch, dass in den Gruppen noch nicht genug kommuniziert wird (auch Kritik wird untereinander nach meinem Empfinden zu wenig geäußert). Die Themen/Inhalte werden zudem noch nicht ausreichend als Gruppe diskutiert. Oft teilen Gruppen lieber Inhalte auf, was leicht dazu führen kann, dass das große Ganze aus den Augen verloren wird und unter Umständen auch nicht jeder wirklich über das gesamte Thema Bescheid weiß.

Ich will aber nicht nur meckern. Es gab auch Gruppen (oder Teile von Gruppen), die bei der Reflexion den Eindruck machten, dass sie gut organisiert sind und auch sehr sinnvoll weitergearbeitet haben.

Letzendlich wird sich das Ergebnis sowieso erst am Ende zeigen, nämlich dann, wenn die Unterrichtsstunden gehalten werden und wenn sich in den beiden Klausuren zeigt, wie gut die Schüler sich zusammen/gegenseitig darauf vorbereitet haben.
Birgit Rydlewski, 41 Jahre alt [alles gute zum Geburtstag auch hier im Kleingedruckten noch mal] , Lehrerin für Wirtschaftswissenschaften und Deutsch am Richard-von-Weizsäcker-Berufskolleg, Lüdinghausen/Dülmen; derzeit 1. Vorsitzende des LV NRW der Piratenpartei Deutschland

Wikileaks

Posted by Jochen Schäfer • Tuesday, January 18. 2011 • Category: Aktuell: , The Pirates Gospel
Wikileaks wird zur Zeit massiv angegriffen, sowohl auf der technischen bzw. strukturellen Ebene - z.B. DNS-Sperren bzw. Kontosperren von Paypal, Mastercard und Visa - als auch auf der persönlichen Ebene - Bedrängen von Wikileaks-Mitarbeitern und Aufrufe zur Ermordung von Julian Assange. Im folgenden möchte ich diese Angriffe einordnen.

Warum wird Wikileaks angegriffen?
Nichts auf der Welt ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.  (Victor Hugo)
Immer wenn eine neue Idee entsteht, die den Status quo bedroht, ruft diese bei den Machthabern eine starke Reaktion gegen die Idee hervor. Dies war auch so im Umfeld eines Ereignisses, auf das die Pfälzer zu recht stolz sind: Das Hambacher Fest.

Nachdem Napoleon 1815 endgültig gescheitert war, wurde die Pfalz, die seit 1793 von Frankreich annektiert war, unter die Verwaltung des Königreichs Bayern gestellt. Bayern musste allerdings die Einhaltung der Pfälzer Verfassung mit den von der Französischen Revolution inspirierten Rechten und Freiheiten garantieren.

1830 löste die Julirevolution in Paris auch in der Pfalz Unruhen aus, die die Bayern durch Einschränken der Bürgerrechte zu unterdrücken versuchten. Die Verfassung ignorierend wurden politische Veranstaltungen verboten und Zensur eingeführt.

Daher wurde am 29. Januar 1832 im pfälzischen Zweibrücken der „Deutsche Preß- und Vaterlandsverein“ mit dem Ziel gegründet, durch unabhängige Journalisten und Pressefreiheit die nationale Einheit Deutschlands in einem freiheitlichen Europa zu erreichen.

Der Verein formulierte also Ziele, die den Herrschenden nicht gefallen konnte. Einerseits konnte ein vereintes Deutschland den Fürsten nicht gefallen, die damit Macht eingebüßt hätten. Andererseits musste den deutschen Fürsten die liberale und freiheitliche Pfälzer Verfassung ein Dorn im autoritären Auge sein.

Ein halbes Jahr nach der Vereinsgründung fand das Hambacher Fest statt. Dies war ein europäisches Ereignis und gilt heute als der Höhepunkt des Vormärzes. Getarnt als Volksfest unterliefen die Veranstalter die verfassungswidrige Rechtslage und riefen in ihren Reden zum Widerstand gegen die Repression auf.

Zwar wurden die Wortführer des „Deutschen Preß- und Vaterlandsvereins“ danach verhaftet und eingesperrt. Dies konnte aber letztlich die Deutschen Revolutionen 1848/49 nicht verhindern. Folgerichtig finden sich die in der Paulskirchenverfassung 1849 zum ersten Mal für Gesamtdeutschland formulierten Bürgerrechte im Kern unverändert auch in der Weimarer Verfassung und im Grundgesetz wieder.

Auch die Versuche Wikileaks abzuschalten, haben bisher nur eine gewaltige Solidarisierung gebracht und jeden Versuch, die Inhalte von Wikileaks aus dem Internet zu entfernen, durch über 1000 Spiegelungen vollkommen zunichte gemacht. Auch die persönlichen Angriffe auf Julian Assange und seine Mitarbeiter könnten höchstens dazu führen, dass Wikileaks seinen Dienst, das anonyme Whistleblowing zu unterstützen, einstellt. Aber die gerade gestarteten Projekte, wie OpenLeaks und WAZ Recherche zeigen, dass die Zeit der Idee von Whistleblowing und Plattformen zur Unterstützung von Whistleblowing gekommen ist.

Wikileaks ist dabei nur der Anfang. Die Entwicklung anderer System und der Druck auf diese werden dazu führen, dass diese Systeme stetig verbessert und immer weitere Nutzerkreise finden werden. Die Erfahrung mit dem Kampf zwischen der Contentindustrie und Napster ist nur ein aktuelles Beispiel für diese Entwicklung.

Die Machthaber dieser Welt werden sich aber darauf einstellen müssen, dass sie ihre politischen Spielchen nicht mehr im Dunkeln machen können, sondern das Flutlicht der Whistleblower auch den letzten Winkel ausleuchten wird.


Ein Gast-Beitrag von Jochen Schäfer, der ihn auch bei der Piratenpartei Rheinland-Pfalz, bei der er Beauftragter für Whistlebowing ist, veröffentlicht hat. Jochen ist Vorsitzender im Kreisverband Rhein-Pfalz und war hauptverantwortlicher Autor der Punkte des Grundsatzprogramms der Piratenpartei zum Thema Whistleblowing.

Leseliste: Dezember und Januar

Posted by Bastian • Monday, January 17. 2011 • Category: Aktuell: , i love my computer
In meinem Artikel über das iPad hatte ich ja schon angedeutet, dass mir das Lesen von eBooks recht viel Spaß macht. Und in den letzten 2 Monaten hab ich gefühlt mehr Bücher gelesen als im gesamten Jahr davor. Und dabei nur ein Werk im analogen Papier-Format. Die Auswahl des iTunes-Bücherladens ist dabei eigentlich ganz okay, vor allem weil man auch auf das Gutenberg-Archiv Zugang hat. Aber das DRM der kostenpflichtigen Buchtitel kann einen in der Tat in den Wahnsinn treiben. Das man die Dinger nicht auf jedem Gerät abspielen kann: Nervig, aber geschenkt. Aber das man nicht direkt aus den Büchern kopieren kann macht mich verrückt. Es bleibt zu hoffen, dass Apple hier den gleichen Weg geht wie mit der Musikabteilung und die blödsinnige Beschränkung kippt...

Sonst steht einem natürlich immer noch der Weg über die Tauschbörsen der Wahl offen, die Auswahl an eBooks im ePub-Format soll da, natürlich nur gerüchteweise, gar nicht so übel sein und kommt glücklicherweise ohne alberne Einschränkungen daher. Aber so viel zu dem üblichen Copyright-Foo. Hier jetzt die, halbwegs vollständige, Liste der Bücher die in der letzten Zeit durch den Reader oder durch meine Hände gelaufen sind:
  • Über „Machine of Death” und „Out of Control” habe ich bereits bei der Bierologie kurz gebloggt, genauso wie hier über „Here is a Human Being”. Die Empfehlungen dafür bleiben natürlich bestehen.
  • Seit der letzten Stephenson-Lektüre ist schon wieder einige Zeit vergangen. Das ist auch so ein Autor den ich, wieso auch immer, nur auf Empfehlung lese. Nach dem „Cryptonomicon” und „In The Beginning Was The Command Line” gab es jetzt „Snow Crash”. Netter Cyberpunk (aber ich bin auch generell großer Fan des Themas): Menschen die sich in den Cyberspace gogglen, fiese Drogen, ein bisschen Religion. Ich hab es innerhalb recht kurzer Zeit verschlugen, fragt mal Birgit, die auf der Fahrt nach Berlin zum 27c3 deshalb nichts von mir hatte. 
  • Danach kam dann endlich mal „Free Culture” von Lawrence Lessig dran. Das Buch ist eine schöne Abhandlung der Geschichte des Copyrights, wie sich das Copyright durch jede neue Revision von Technik verändert hat und wieso die aktuellen Bestrebungen das Copyright ins digitale Zeitalter zu übertragen zum scheitern verurteilt sind (bzw. es zumindest sein sollten). Wer sich mit der Materie noch nicht auseinandergesetzt hat kriegt hier einen guten Einblick. Wer sich damit schon beschäftigt hat findet die wichtigsten Argumente auf wenige Seiten komprimiert. 

  • Passend dazu hab ich mich danach dann mal am Kanon von Cory Doctorow versucht und mich durch 3 seiner Bücher gelesen. Angefangen mit seinem Roman „Little Brother”, einer nicht-ganz-so-fernen Dystopie: Nach 9/11 nimmt die Terrorpanik den gewohnten Gang, die Homeland Security übt sich in der Überwachung der Bevölkerung. Und dann sprengt irgendwer in San Francisco eine der Brücken und der erweiterte Überwachungswahn nimmt seinen Lauf, jeder Bürger wird verdächtig. Dazwischen ein paar Jugendliche die in ihrem Parallel-Internet dafür sorgen, dass auch dem Rest der Bevölkerung klar wird, dass Überwachung böse ist. Schön geschrieben und wer mit dem „Cryptonomicon” die Grundlagen der Kryptographie gelernt hat, der kann hier eine Auffrischung darüber kriegen, genauso zu den Themen Freifunk und Anonymisierungsdienste. 
  • Weiter ging es dann mit „Makers”: Einer Zukunftsaussicht was passieren könnte wenn sich die DYI-Mentalität (wohl das, was bei uns z.T. bausteln genannt wird) weiterentwickelt und man auf einmal relativ günstig und einfach auch analoge Objekte kopieren und deren Designs teilen kann und so die analogen Produktionsmittel auf einmal wirklich demokratisiert werden. Außerdem gibt es ein paar nette Einblicke in eine potentielle Zukunft der (Schönheits-)Medizin. 
  • Und ein Nicht-Roman von Doctorow: „Content” ist eine Sammlung von Talks und Essays von ihm. Neben vielen Texten zum leidigen Thema Copyright (es ist tot, Jim), DRM (die Grundidee ist schon selten dämlich, dafür muss man kein Crypto-Experte sein) & Co. Ebenfalls nichts neues für jeden, der sich mit der Materie beschäftigt. Aber auch die Frage nach Metadaten, die dank der Informationsmenge immer wichtiger werden wird aufgenommen. Und auch die Singularität ist Thema. 
  • Seit gestern endlich auch im iBooks-Store erhältlich: „Brain Cuttings” von Carl Zimmer. Eine kurze Sammlung von Texten die sich mit Neurowissenschaften und – Oh Wunder – unserem Gehirn beschäftigt: Mit dabei sind Grundlagen wie unser Gehirn Informationen verarbeitet und weitersendet, wie ansatzweises Multitasking funktioniert, was genetisches Imprinting mit unserem Hirn zu tun hat und noch einiges mehr. Sehr schön ist der Artikel zum Thema Singularität, den man dankenswerterweise auch für umsonst bei Scientific American findet

Aller Anfang ist schwer oder: Macht Verantwortung Angst?

Posted by Bastian • Friday, January 14. 2011 • Category: Aktuell: , don't crash the ambulance, We Don't Need No Education
Ihr Abschluss, Ihre Unterrichtsreihe, Ihre Verantwortung.

Die Gruppenauswahl

Nach kurzer Diskussion hat sich die Klasse für Zufallsgruppen entschieden. Ich sehe den Vorteil darin, dass sich eben nicht die Schüler zusammenfinden, die einen ähnlichen Leistungsstand haben, sondern die Gruppen gut gemischt sind mit Menschen mit ganz unterschiedlichen Schwerpunkten/Interessen und Kompetenzen. Zudem erhoffe ich mir, dass sich die Gruppenarbeit zusätzlich positiv auf das Klassenklima auswirkt (welches aber ohnehin gut ist).

Anschließend haben die Gruppen selbst festgelegt, welche Gruppe welches Thema bearbeiten möchte.

Nach kurzer Einleitung zum Thema und Austeilen der Materialien für die einzelnen Gruppen (mit Übersichten, Sachdarstellungen und Aufgabenbeispielen) überlasse ich die Gruppen erst einmal ihrem Findungsprozess. Zunächst habe ich aber angeregt, Organisatorisches zu besprechen (Kontaktdaten, Vorgehensweise etc.), um danach mit dem Sichten des Materials (plus Recherche im Internet) zu beginnen.

Die Gruppen gehen sehr unterschiedlich vor. Einige Schüler diskutieren die Medienauswahl ("Powerpoint"), bevor sie sich mit dem Thema beschäftigen. Einige recherchieren sehr gezielt. Bei anderen nehme ich sehr viel Unsicherheit wahr. ("Was sollen wir überhaupt machen?" "... 90-min. Präsentation..." "Frau Rydlewski, was bedeutet Begriff x?")

Gleichzeitig laufen natürlich ebenso gruppendynamische Prozesse ab. In den meisten Gruppen gibt es Wortführer. Das sind meist die Schüler, die auch sonst in Gesprächen im Plenum (also der gesamten Klasse) Vorreiter sind (durchaus in unterschiedliche Richtungen, das kann also auch der jemand sein, der eher Unfug macht;-))

Mein persönlicher Frust beginnt zu dem Zeitpunkt, als Schüler eben halt ganz andere Dinge machen: Gespräche über Fußball, chatten oder anderes Zeug im Internet, irgendetwas spielen (mit Ton!)

Da fällt es mir schlicht schwer, den "Beißreflex";-) zu unterdrücken. Es gelingt mir auch nicht gänzlich. Da meine Ansprüche an die Unterrichtsreihe aber sind, dass die Schülerinnen und Schüler eben lernen sollen, mehr Verantwortung selbst zu übernehmen, muss ich von der Kontroll- und Überwachungsidee wegkommen, schon deshalb, weil ich nicht daran glaube, dass die Auseinandersetzung mit Inhalten nur dann funktioniert, wenn jemand dahinter steht und zum Arbeiten antreibt.

Also Memo an mich: Auf Provokationen nicht eingehen, als Hilfe zur Verfügung stehen, den Schülern den Freiraum lassen, ihren Weg selbst zu suchen (und zu finden).

Ich hoffe zudem auf den Fortschritt aufgrund von Gruppendynamik. (Kleiner Exkurs: Meist machen Gruppen verschiedene Phasen durch. Im Moment sind wir im Bereich des "Formings", also der Findungsphase in der Gruppe, in der zunächst die geltenden Konventionen im Sinne der Vorsicht und für den Erhalt von Sicherheit beibehalten werden. Erst in der nächsten Phase ("storming") sind Konflikte aufgrund von unterschiedlichen Zielvorstellungen zu erwarten.) Es ist also durchaus denkbar, dass irgendwann Mitschüler darauf reagieren, wenn die Beschäftigung mit themenfremden Gebieten überwiegt oder die Beschäftigung einer parallelen Gruppe die Arbeit der eigenen Gruppe behindert (z.B. durch unangemessene Lautstärke).

Bisher sind bei der Beobachtung der Gruppen sonst noch wenig Probleme auszumachen. (Auch im Gespräch im Plenum am Abschluss der Woche zeigt sich, dass das Sichten der Materialien noch nicht beendet ist und daher noch nicht so viele Fragen zu klären sind.) Ich habe vorgeschlagen, die Gruppenarbeitsphasen auch atmosphärisch angenehm zu gestalten (vielleicht mit Tee/Kaffee oder Gebäck). Das müssen die Gruppen aber für sich selbst entscheiden.

Erst der Inhalt, dann die Medien!

Nach meiner Einschätzung (siehe oben) beschäftigen sich einige Gruppen schon zu viel mit den möglichen Medien ("Lasst uns was mit Powerpoint machen.") und zu wenig mit den Inhalten. Ich habe in den Raum geworfen, dass die Medien zu dem passen sollten, was ich damit erreichen will und damit vom Inhalt, der Struktur der Stunde etc. abhängig. (Steuere ich damit schon zu viel?)

Zudem ist es erst mit Kenntnis der Inhalte möglich, Vernetzungen zwischen den thematisch eng zusammenhängenden Gruppen/Inhalten zu versuchen.

Bis zum Ende der nächsten Woche sollen die Gruppen auch entscheiden, wie viel Zeit sie schätzungsweise für die Erarbeitung brauchen werden, so dass wir grob Termine für die zu haltenden Unterrichtsstunden ausmachen können.

Ich sehe sonst die Gefahr, dass die Arbeit zu wenig zielgerichtet abläuft. Auf der anderen Seite möchte ich nicht zu früh Druck aufbauen in Form von Terminen, die eingehalten werden müssen. Also schon wieder ein Dilemma.

Bei dieser Reihe kann ich mich derzeit vor allem auch sportlich betätigen, weil die Gruppen im Klassen- und im PC-Raum arbeiten dürfen und diese Räume an genau entgegengesetzen Stellen des Gebäudes liegen ;-)

Fortsetzung folgt....

Birgit Rydlewski, 40 Jahre alt, Lehrerin für Wirtschaftswissenschaften und Deutsch am Richard-von-Weizsäcker-Berufskolleg, Lüdinghausen/Dülmen; derzeit 1. Vorsitzende des LV NRW der Piratenpartei Deutschland

Lernen durch Lehren

Posted by Bastian • Tuesday, January 11. 2011 • Category: Aktuell: , don't crash the ambulance, We Don't Need No Education
Was ist damit eigentlich gemeint?

"Bei LdL lernen die Schüler den neuen Stoff, indem sie ihn lehren, also didaktisch aufbereiten, ihren Mitschülern präsentieren und mit ihnen zusammen, also aktivierend erarbeiten. Nicht Monologe der Schülerexperten oder Dialoge mit den besten Schülern stehen im Vordergrund, sondern "Polyloge", also die konzentrierte Vernetzung aller Schüler." (Quelle)

Vorerfahrungen

In den letzten Jahren habe ich in mehreren Kursen Unterrichtseinheiten in dieser Form durchgeführt, zuletzt in meinem Deutsch Leistungskurs in der Jahrgangsstufe 12 bei der Reihe zum Theaterstück "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" von Brecht.

Einerseits möchte ich gerne, dass die Schüler lernen, selbstständig Informationen zu suchen, zu bewerten und didaktisch aufzubereiten. Auf der anderen Seite habe ich seit einigen Jahren im Winter Probleme mit einer (vermutlich entzündlichen) Netzhauterkrankung, die mich immer wieder für einige Wochen aus dem Schuldienst nimmt, weil dann die Sehstärke rapide abnimmt. Ich bereite also meine Schüler auch darauf vor, diese Zeit ohne meine körperliche Anwesenheit sinnvoll zu nutzen.

In meinem Leistungskurs (in dem aber ohnehin sehr selbstständige Schüler sind) lief diese Einheit mit Begleitung durch mich via Chat und Mail nach meiner Einschätzung sehr gut. Kollegen, die Stunden der Schüler gesehen haben in meiner Abwesenheit, waren ebenfalls von der Qualität der Unterrichtsstunden begeistert. Hier ist aber ganz klar das Ergebnis vor allem deshalb so gut ausgefallen, weil die Schülergruppe insgesamt sehr leistungsstark ist und auch alleine sehr gut arbeitet.

Trotzdem erwähnten die Schüler auch hier eine gewisse Unsicherheit vor der abschließenden Klausur, die nicht so groß war bei dem darauf folgenden (und von mir wieder intensiver begleiteten) Drama "Woyzeck".

Der aktuelle Kurs

Die von mir nun aktuell durchgeführte Unterrichtsreihe findet in einem Kurs der Höheren Handelsschule statt. Die Schüler wollen am Ende des Bildungsganges mit der Abschlussprüfung den schulischen Teil der Fachhochschulreife erreichen. Die Klasse befindet sich im ersten Jahr des zweijährigen Bildungsganges. Ich bin dort als Klassenlehrerin mit den Fächern Volkswirtschaftslehre und Betriebswirtschaftslehre mit Rechnungswesen (mit insgesamt 8 Stunden Unterricht in der Woche.) Wir kennen uns also derzeit ein halbes Jahr. Die Schüler und Schülerinnen kommen von unterschiedlichen Schulen der Sekundarstufe I und bringen dementsprechend sehr unterschiedliche Kompetenzen mit.

Aufgrund der freundlichen Atmosphäre unterrichte ich die Klasse sehr gerne. Leider sind aber in mehreren Hauptfächern (so auch bei mir) die Leistungen in Form der Noten in Klausuren etc. im Durchschnitt schwach. Hausaufgaben werden nur von einer geringen Anzahl der Schüler gewissenhaft erledigt. Einige Schüler weisen hohe Fehlzeiten auf.

Aufgrund der Probleme mit den Leistungen habe ich diverse Gespräche mit der Klasse geführt und eine Umfrage durchgeführt. Auffällig finde ich bei den Ergebnissen der Umfrage, dass ein großer Teil der Klasse nicht gerne zur Schule geht, aber gerne etwas Neues lernt.

Mir ist zudem aufgefallen, dass sich Schüler, die z.B. wegen Krankheit gefehlt haben, sehr schwer tun, behandelten Stoff selbstständig nachzuarbeiten. Gerade im Bereich "Rechnungswesen" führt dies zu Defiziten in den Grundlagen, auf die das gesamte Schuljahr zurückgegriffen werden muss.

Da ich aber die Schüler und Schülerinnen der Klasse durch die Bank weg für intelligent genug halte, einen guten Abschluss zu erreichen, möchte ich das Experiment "Lernen durch Lehren" gerade in diesem Kurs versuchen.

Während der Diskussion über Lernkultur und Gestaltung von Schule habe wir im Unterricht bereits dieses Video gemeinsam gesehen und diskutiert, was m.E. recht gut illustriert, welche Probleme Schule eigentlich aufwirft:



Als Vorinformation habe ich zu dem Zeitpunkt bereits vorgestellt, wie ich mir die nächste Unterrichtsreihe vorstelle und warum ich es für sinnvoll und notwendig erachte, vom "normalen" Unterrichtskonzept abzuweichen.

Der Sprung ins kalte Wasser oder keine halben Sachen

Meine Überlegungen, mit welchem Komplexitätsgrad ich einsteigen möchte, habe ich damit beendet, dass ich keine kleinen Häppchen anbieten möchte, sondern gleich "richtig" mit praxisrelevanten Themen einsteigen werde.

Die Schüler sind fast volljährig und ich glaube derzeit, dass sie durch den (auch aus früheren Schulen) gewohnten Frontalunterricht ihre Flexibilität und Selbstständigkeit zugunsten einer Konsumhaltung eingebüßt haben.

Ich möchte nun, dass die Schüler die Verantwortung für ihren Abschluss selbst in die Hand nehmen. (Natürlich unter meiner ständigen Begleitung)

Die kommende Unterrichtsreihe wird den "Kaufvertrag" behandeln, ein komplexes Thema mit vielen Facetten, aber auch vielen Praxisbeispielen. Es ist schließlich auch für jeden Verbraucher bares Geld wert, zu wissen, was man bei einem defekten MP3-Player für Rechte geltend machen kann.

Die Unterrichtsreihe bietet zudem viele Unterteilungsmöglichkeiten, so dass eine Aufteilung der Klasse in 7 Gruppen (bei 29 Schülern) angestrebt wird.

Zu Beginn der Unterrichtsreihe zeige ich eine kurze Präsentation mit den nach meiner Einschätzung wichtigen Aspekten von "Lernen durch Lehren".  Bitte nicht schlagen: Aus Zeitmangel ist es was mit Powerpoint geworden...




Ich freue mich sehr auf diese Unterrichtsreihe, weil ich hoffe, dass die Schüler endlich zeigen können, wozu sie wirklich fähig sind. Ich glaube, dass sie derzeit ihre vielen Fähigkeiten gar nicht richtig einsetzen.

Und nun geht es auch endlich los... (Fortsetzung folgt)

Birgit Rydlewski, 40 Jahre alt, Lehrerin für Wirtschaftswissenschaften und Deutsch am Richard-von-Weizsäcker-Berufskolleg, Lüdinghausen/Dülmen; derzeit 1. Vorsitzende des LV NRW der Piratenpartei Deutschland

Das Personal Genome Projekt – Ein Privacy-Albtraum?

Posted by Bastian • Friday, January 7. 2011 • Category: Aktuell: , The Pirates Gospel
Vor Weihnachten gab es bei der Bierologie schon ein paar Buchtipps von Philipp und mir. Leider habe ich Here Is A Human Being (At The Dawn Of Personal Genomics) gerade erst durchgelesen. Sonst wäre das sicherlich auf der Liste der empfehlenswerten Bücher gelandet. Denn das Buch von Misha Angrist - bislang glaube ich nur auf englisch erschienen - ist für jeden der sich auch nur Ansatzweise für Genetik interessiert extrem spannend. Grundlagen der Genetik mit Fallbeispielen wie BRCA2 (Ein Gen was bei der Entwicklung von Brustkrebs eine Rolle spielt), werden genauso erklärt wie moderne Sequenziermethoden und alles in allem gibt es rund um die Sequenzierung des menschlichen Genoms eine Abhandlung über das Human Genome Project (HGP), die Entwicklung auf dem Markt des Next Generation Sequencing hin zu den Personal Genomics-Firmen wie deCODEme und 23andme.

Kernstück der gesamten Geschichte ist allerdings das Personal Genome Project (PGP), was versucht die Genome von möglichst vielen Menschen zu veröffentlichen. Und Angrist ist selbst einer der ersten 10 Teilnehmer. Der Gründungs-Mythos des PGP ist eigentlich schnell erzählt: Nachdem sowohl Venter als auch das HGP die ersten Genome fertiggestellt haben musste man leider doch recht schnell anerkennen, dass rein genomische Daten leider nicht von ganz so viel Wert sind, wie man gedacht haben könnte. Die Lösung die George Church mit dem PGP vorschlägt ist daher simpel: Man braucht einfach nur mehr Daten. Und im Idealfall hat man nicht nur mehr menschliche Genome zur Hand (die auch schon helfen, immerhin hat man so mehr Vergleichsdaten und kann Unterschiede finden), sondern auch mehr Daten über die Phänotypen die Menschen mit dem Genom ausprägen, genauso wie deren Lebenssituation. Nun, und genau das versuchen sie nun auch umzusetzen.

Da das PGP sehr viel Wert auf den freien Zugang zu den Daten legt, und diese unter einer Creative Commons Zero-Lizenz veröffentlicht, kann sich jeder auf der Webseite nicht nur den Zugang zu den DNA-Sequenzen der Teilnehmer verschaffen, sondern auch Krankendaten, Portraitfotos etc. einsehen. Für Privacy-Verfechter vermutlich ein Albtraum und wohl so ziemlich das Maximum was man in der Richtung an Offenheit erzeugen kann. Und auch bei der Podiumsdiskussion zum Thema Privatsphäre/Post Privacy bei der #om10 kam die Frage nach den Datenschutz-Problemen mit DNA auf. Und ein Grund den George Church für diese absolute Offenheit angibt (neben den offensichtlichen Vorteilen frei verfügbaren Daten) ist die Tatsache, dass man den Teilnehmern des PGP nicht ernsthaft zusichern kann, dass ihre Daten anonym bleiben. Denn auch ohne Namen lässt sich aus den Daten in vielen Fällen relativ gut die Person zurück zuordnen (erst Recht, wenn man die ganzen phänotypischen Daten) dazu rechnet.

Und auch das redigieren von Daten ist keine so einfache Lösung wie man sich das vorstellt: Als prominentes Beispiel wird James Watson, Mit-Entdecker der DNA-Struktur, angeführt. Dieser hatte sich vor der Veröffentlichung seines Genoms dazu entschlossen seine ApoE-Gene redigieren zu lassen. ApoE spielt bei der Ausbildung von Alzheimer eine Rolle und er wollte nicht wissen ob er eine Prädisposition dafür hat. Dementsprechend wurden die betreffenden Teile redigiert. Allerdings gelang es mehreren Leuten trotzdem seinen Genotyp herauszufinden. Und zwar über ein Phänomen welches sich Linkage Disequilibrium nennt: Chromosomale Neuordnungen passieren zufällig, allerdings bleiben dabei Gene, die eng nebeneinanderliegen, meist trotzdem zusammen (einfach da es unwahrscheinlich ist, dass genau an der kleinen Stelle dazwischen die Rekombination stattfindet). Und so konnte man alleine durch Kenntnis der umliegenden DNA-Sequenzen herausfinden welchen Genotyp Watson höchstwahrscheinlich hat.

So viel unsere Gene und unser Genom auch über uns verraten mögen: Bislang waren solche Informationen einzig und allein dadurch geschützt, dass die Sequenzierung einzelner Gene, von Genomen gar nicht erst zu reden, unglaublich komplex und teuer war. Denn genetische Informationen verteilen wir alle jeden Tag so ziemlich überall. Doch mittlerweile kann fast jeder der nicht gerade 2 linke Hände hat in seiner Küche anfangen DNA-Sequenzen zu entschlüsseln: Die entsprechenden Thermocycler und Sequenzer lassen sich mittlerweile für weniger als 500 US $ bei Ebay ersteigern. Und erfreulicherweise geht Angrist in seinem Buch auch auf die Do It Yourself-Biologen in ihren Küchen ein.

George Church und das PGP präsentieren auf jeden Fall eine ziemlich radikale Lösung für den Umgang mit diesen Entwicklungen.