WikiLeaks hat in letzter Zeit für viel Wirbel gesorgt. Erst war da
das Video aus dem Irakkrieg, welches zeigt, wie aus einem Helikopter auf unbewaffnete und flüchtende Zivilisten geschossen wird. Kurz danach
veröffentlichten sie zehntausende Militär-Dokumente aus dem Afghanistan-Krieg gefolgt von knapp
400 000 Dokumenten aus dem Irakkrieg am Freitag Abend, die zwischen 2004 und 2009 angefallen sind. Gleichzeitig mit diesen Erfolgen beim Whistleblowing wächst aber auch die Kritik an Wikileaks. Und das ganz unabhängig von den
Skandalen um die Persona Assange und den
Streitigkeiten innerhalb von WikiLeaks.
Bereits bei der Veröffentlichung des Videos unter dem Titel „
Collateral Murder“ gab es Kritik daran, dass WikiLeaks ihre zuvor neutrale Rolle aufgegeben haben und stattdessen als Editor aufgetreten sind und dem Video nicht nur einen eindeutigen Titel gegeben haben, sondern das Video auch zurechtgeschnitten und kommentiert haben. Auch wenn dieser Schritt im Sinne der Erregung von Aufmerksamkeit noch gerechtfertigt werden könnte, ist dies gleichzeitig schon ein erster Schritt weg von ihrem eigenen Anspruch: Nämlich Dokumente zu veröffentlichen, solange sie nur neu sind (selbst unabhängig davon, ob sie echt oder ein Fake sind).
Bei der Veröffentlichung der Dokumente aus Afghanistan wurden ca. 15 000 Dokumente zurückgehalten. Mit der Begründung, dass man hier die Namen der Informanten rauslöschen müsste, damit sie nicht den Taliban zum Opfer fallen. Was im ersten Moment nach einem vernünftigen Grund klingt, besiegelt allerdings den weiteren Vertrauensverlust in WikiLeaks. Ganz abgesehen von der Effizienz der Maßnahme: Denn das Löschen der Namen von Informanten zu deren Schutze funktioniert nur unter der Voraussetzung, dass die Daten/Dokumente nicht an anderer Stelle auch an die Öffentlichkeit gelangt sind.
Was in meinen Augen eine ziemlich vermessene Ansicht ist. Wieso sollten Informationen, die es einmal an die Öffentlichkeit geschafft haben, nicht auch an anderer Stelle wieder schaffen? Wenn man hier davon ausgeht, dass Dokumente auch öfter geleaked werden, erweist man dem Schutz der Informaten mit der Zensur der Namen nur einen Bärendienst. Denn sollten die Taliban in die Hände eines Original-Dokuments gelangen, ist es dank der Arbeit von WikiLeaks auf einmal ein leichtes, sämtliche Namen der Informanten herauszubekommen, ähnlich wie es bei DNS-Zensur der Fall ist, wenn die Sperrlisten leaken. Denn alles was ein findiger Terrorist noch machen muss, ist einmal "diff" in seine UNIX-Shell zu tippen und am Ende noch „Todesliste“ über das Ergebnis zu schreiben. Informantenschutz sieht irgendwie anders aus.Assange gibt gegenüber CNN sogar unverhohlen zu, dass es sich bei der Löschung der Namen
in erster Linie um eine PR-Aktion handelt, und macht in einem Interview auch klar, dass
Informatenschutz natürlich nicht gilt, wenn er fragt.
Bei der Veröffentlichung der Dokumente aus dem Irak-Krieg geht man daher auch gleich noch einen Schritt weiter und
löscht lustig noch mehr Details aus den einzelnen Berichten. Und führt damit den eigenen Grundsatz völlig ad absurdum und begräbt die eigene Glaubwürdigkeit. Da WikiLeaks alles andere als nachvollziehbar arbeitet, ist nun überhaupt nicht mehr klar, welche Informationen unter den Tisch gefallen sind und ob hier wirklich der Schutz von Informanten oder doch nur Agenda-Setting der Grund war. Durch dieses Vorgehen tut sich WikiLeaks keinen Gefallen und es operiert rein auf Basis der arroganten Grundannahme, dass Informationen nicht an anderer Stelle auch an die Öffentlichkeit gelangen.
Aber was wäre die Alternative? Sollte man Menschenleben dadurch gefährden, dass man die Namen einfach mit veröffentlicht? Aber fragen wir doch lieber mal andersrum: Ist es eine Gefahr, wenn die Namen mit veröffentlicht werden? Wenn man davon ausgeht, dass Leaks so oder so vorkommen, macht es keinen Unterschied, ob man die Namen entfernt oder in den Dokumenten lässt (außer, dass die diff-Methode eben nicht mehr funktioniert). Und allgemeiner betrachtet muss man sagen, dass Informationen in der Vergangenheit ihren Wert daraus bezogen haben, dass sie selten waren. Für „
geheime“ Informationen ist das immer noch der Fall. Durch eine bedingungslose, allgemein zugängliche Veröffentlichung entwertet man solche Daten immens und stellt auf der Informationsebene Waffengleichheit her.
Leider liegt WikiLeaks nicht besonders viel an der bedingungslosen und allgemein zugänglichen Veröffentlichung. Denn nicht nur sämtliche Dokumente, die in den letzten Jahren veröffentlicht wurden, sind mittlerweile nicht mehr zugänglich. Selbst Collateral Murder und die War Diaries aus Afghanistan sind mittlerweile nicht mehr bei WikiLeaks zu finden. Herbert Snorasson, ein ehemaliger Mitarbeiter von WikiLeaks,
sagte in einem Interview mit der ZEIT:
„Ich glaube, es ist gar nicht so wichtig, wer als Quelle genannt wird. Es ist einfach nur wichtig, dass die Information ans Tageslicht kommt.“Auf WikiLeaks kann man sich dabei wohl leider nicht mehr verlassen.