Gedankenstücke

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Umgang mit schwierigen Schülerinnen und Schülern Referentin des Workshops: Frau Räbiger-Helmerich, Pädagogisches Institut der evangelischen Kirche in Villigst

Das Oberthema des diesjährigen pädagogischen Tages ist "Lehrergesundheit".

Ich gestehe, bei pädagogischen Tagen bin ich manchmal durchaus skeptisch. Bei Referenten kann man Glück oder Pech haben. In diesem Jahr haben wir richtig Glück. Ich finde, dass die Betreuerin des Workshops tolle Ideen eingebracht hat in die Gruppe.

Der Workshop lässt mich trotzdem bisher ein wenig unsicher zurück. Ich habe viele Anregungen bekommen und werde mal versuchen, diese hier etwas zu sortieren. Das ist kein Widerspruch. Gute Seminare wirken bei mir nach.

Leider fing es gleich etwas doof an. Ich habe auf dem iPad etwas mitgeschrieben und daraufhin hat sich eine von mir sehr geschätzte Kollegin weggesetzt mit der Bemerkung, sie würde das als unhöflich ansehen gegenüber der Referentin. Mich hat das trauig gemacht, dass meine Arbeit so wirkt. Für mich ist das iPad täglicher Begleiter meiner eigenen Lernprozesse geworden und für mich ist es selbstverständlich, dass ich Anmerkungen dort notiere, erweitere, für mich durchkaue. Ich war kurz in Versuchung, das Pad wegzulegen, um dann herkömmlich auf Papier mitzuschreiben. Ich bin aber schneller am Pad und kann mir Teile auch schöner und einfacher gliedern. Insofern habe ich an der Stelle die empfundene Ausgrenzung in Kauf genommen. Ein blödes Gefühl bleibt trotzdem.

Als Einstieg sollten alle Kollegen des Workshops (passend zu Karneval) ihre zum Thema "schwierige Schüler" passende Verkleidung beschreiben. Da waren ganz großartige Ideen bei. Mir hat gefallen, dass bei fast allen Kollegen sehr viel Wertschätzung gegenüber Schülern zu erkennen war und das Bedürfnis, Schüler wirklich verstehen zu wollen. Ich habe mal wieder den Rebell gemacht;-) Bunte Haare habe ich ohnehin derzeit. Mein Grund dafür ist, dass ich die These einbringen wollte, dass eventuell Schüler nur deshalb "schwierig" sind, weil das, was wir in Schule machen, nicht mehr zu ihrer Lebenswirklichkeit passt. (Leider gab es darauf von einem Kollegen eine ironische, abwertende Bemerkung, die mich etwas getroffen hat. Kann man wohl nicht ändern...)

In der Einzelarbeit sollten wir dann zunächst Situationen identifizieren, in denen wir uns über Schüler geärgert haben. "Wann geht Ihnen denn so im Alltag der Hut hoch? Wann und worüber ärgern Sie sich? Wann ärgern Sie sich über sich selbst?"

Ich ärgere mich zum Beispiel, wenn Schüler achtlos mit Inventar der Schule umgehen.
Ich ärgere mich, wenn es sehr laut ist in der Klasse (so dass es mich belastet).
Manchmal ärgere ich mich, wenn Schüler bei Vorträgen andere Sachen machen, reden (und erkenne mich darin dann selber wieder;-)

Wenn ich länger darüber nachdenke, ärgere ich mich eigentlich sehr wenig über Schüler. Meist ärgern mich eher Rahmenbedingungen, z.B. Terminstress, Ärger mit Kollegen, defekte Technik etc.

Beispiele von anderen Kollegen aus dem Plenum: Ärger über Notenfeilscherei, dass Ratschläge nicht angenommen werden, Schüler, die zu spät kommen, Ausredenkultur.

Wir haben dann versucht, die dahinter liegenden Urteile zu formulieren, z.B. dass man Schüler als faul wahrnimmt oder als gleichgültig oder als Macho.

Als weiterer Schritt wurden die Bedürfnisse von Lehrern thematisiert: Bedürfnis nach Respekt/Wertschätzung wurde sehr häufig genannt, mehr Gelassenheit, mehr Zeit für individuelle Betreuung, bessere Rahmenbedingungen, aber auch: Spaß haben!

Supervision geht davon aus, dass die Lösung von alleine kommt, wenn man identifizieren kann, welche Gefühle verletzt werden und welche Bedürfnisse man hat. Unsere Ansprüche seien hausgemacht. Ich empfinde das als guten Ansatz.

Mir ist es aber an der Stelle schwergefallen, in einem Wort meine Bedürfnisse oder mein dringendstes Bedürfnis zu formulieren. Mir geht es meist nicht um Autorität oder Angst vor Kontrollverlust. Vielleicht geht es wirklich darum, dass ich etwas "Sinnvolles" tun möchte. (Wir erinnern uns an das Video über Motivation). Für mich ist meine Arbeit sinnvoll, wenn ich Schülern Begleiter sein kann in ihrem Lernprozess. Ich möchte mehr Tutor sein. Natürlich möchte ich auch Anerkennung, aber am liebsten deshalb, weil ich "etwas kann", nicht nur aufgrund der Position als Lehrer. Ich möchte Schüler als Individuen wahrnehmen und die Freiräume haben, mit ihnen zusammen ihre Stärken wahrzunehmen und gemeinsam Weiterentwicklung zu fördern. Das beinhaltet auch meine eigene Weiterentwicklung und die Bereitschaft, von Schülern lernen zu wollen.

Im zweiten Teil des Workshops wurden die "vier Sozialtypen sozialer Kompetenz" behandelt: Durchsetzungsverhalten, Beziehungsverhalten, Regeln aushandeln, um Sympathie werben. (Erläuterung zum Beispiel hier).
Jeder Lehrer/Mensch handelt zunächst nach Mustern, die ihm liegen bei der Bewältigung von Problemen. Es ist aber durchaus sinnvoll, von seinen präferierten Verhaltensweisen abzuweichen, um bessere Resultate zu erzielen. Hierfür haben wir uns zunächst in Gruppen ausgetauscht, die ein ähnliches Verhalten präferieren, um uns später zu den Bereichen vorzuarbeiten, die uns eher schwer fallen. Für mich kann ich sagen, dass ich Beziehungsverhalten präferiere, also in Konflikten zunächst versuche, an der Verbesserung der Beziehung zu arbeiten, zum Beispiel durch Äußerung von Gefühlen, Bedürfnissen und Wünschen. Im Schulalltag passiert es mir aber durchaus, dass ich stattdessen aufgrund von Stress etc. Durchsetzungsverhalten als erste Option anwende, also autoritär auftrete. Es ist gar nicht so, dass ich dies als wirklich beste Lösung wahrnehme, aber manchmal fehlt mir die Geduld, auftretende Konflikte bis ins Detail zu diskutieren. Grenzen zu ziehen, gehört eben auch zum Lehrerberuf. "Um Sympathie werben" klingt für mich negativ, so wie anbiedern. Eigentlich ist damit aber gemeint, dass man zu anderen Menschen Beziehungen aufbaut und vertieft, so dass dieser etwas freiwillig tut (was ich möchte). Ich sehe da Grenzen zur Manipulation und bin diesbezüglich eher skeptisch vor allem bei diesem Punkt. Als vierter Punkt gilt es "Regeln" auszuhandeln.

Fazit: Wenn ich manchmal den Umgang von Lehrern untereinander sehe, müssen wir eher dort beginnen, bevor wir von Schülern erwarten, dass sie mit uns wertschätzend umgehen. Respekt ist nicht mehr etwas, was man aufgrund des Berufes automatisch geschenkt bekommt. Auch Lehrer müssen heute daran arbeiten. Ich ende aber mit einem positiven Punkt: In meinem Kollegium sind ganz viele Menschen mit ganz vielen unterschiedlichen Talenten. Wir haben vermutlich viele Lösungen längst in greifbarer Nähe, nutzen aber nicht die Stärken, die alle diese Menschen mitbringen. Sei es aus Zeitmangel oder weil wir im Alltag das alles gar nicht sehen. Ich bin also durchaus froh über diesen pädagogischen Tag, der mir dies wieder ein wenig vor Augen geführt hat..
Zur Autorin: Birgit Rydlewski, 42 Jahre alt, Lehrerin für Wirtschaftswissenschaften und Deutsch am Richard-von-Weizsäcker-Berufskolleg in Dülmen/Lüdinghausen, digital immigrant, politisch engagiert.

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